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Turnen Für Familie und Vaterland

13.07.2005 ·  In der Shishahai-Sportschule in Peking werden mit Härte und Drill aus begabten Kindern Medaillenlieferanten gemacht. Die Knirpse bekommen rund um die Uhr von strengen Erwachsenen vermittelt, daß nur derjenige etwas erreicht, der kompromißlos gegen sich selbst ist.

Von Elisabeth Schlammerl, Peking
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Das vierstöckige Gebäude gleich neben dem Vergnügungsviertel Hohei wirkt ziemlich unscheinbar. Es ist eines wie so viele in Peking. Ein paar Tannen nehmen die Sicht auf das Areal, und ein Wachmann läßt nur denjenigen durch, der eine Erlaubnis hat. Allein das Schild an der Straße und ein kleines Bild in einem Schaukasten verraten, was sich dahinter verbirgt: Neben dem Schriftzug "Beijing Shi Cha Hai Sports School" hängt hinter Glas das Konterfei eines Olympiasiegers.

Denn es ist nicht irgendeine Talentschmiede im aufstrebenden Reich der Mitte, es ist die Eliteschule des chinesischen Sports in Peking. Bei den Olympischen Spielen in Athen im vergangenen Sommer waren deren Absolventen erfolgreicher als die gesamte kanadische Mannschaft; sie gewannen drei Einzel-Goldmedaillen und zwei mit der Mannschaft. "Insgesamt haben wir hier 25 Weltmeister und Olympiasieger ausgebildet", sagt der Verwaltungsdirektor Liu Hong Bin stolz.

Medaillen sind gut fürs Ansehen

Die Schule existiert seit 1958. Zu jener Zeit war es am Hohei-See noch sehr beschaulich. In ganz Peking gab es noch keine Bars und nur wenige Restaurants, und das isolierte China dachte auch nicht daran, seine Sportler ins Ausland zu schicken, um auf sich aufmerksam zu machen. Deshalb haben in Shishahai früher auch nur Amateure trainiert, Freizeitsportler eben. Aber das hat sich nach dem Ende des Mao-Regimes und mit der vorsichtigen und bedächtigen Öffnung in den achtziger Jahren geändert. 1984 in Los Angeles gewann ein Schütze die erste Goldmedaille für China. Das größte Land der Erde hat entdeckt, daß Medaillen bei Großereignissen gut fürs Ansehen sind, und begann in den Hochleistungssport zu investieren.

Es entstanden Talentschmieden im ganzen Land. Auch die Shishahai-Sportschule für Amateure wurde in das System eingegliedert. 600 Schüler zwischen sechs und achtzehn Jahren in zehn Disziplinen werden mittlerweile in dem Sportinternat ausgebildet, mit dem Ziel, in die Nationalmannschaft aufgenommen zu werden. Vor ein paar Jahren kam ein neues Gebäude mit einer modernen Mehrzweckhalle, einem Fitnessraum für die Gewichtheber und einem großen Raum mit 30 Tischtennisplatten dazu.

„Meine Eltern sind stolz auf mich“

He Zhangge gehört zu den Talentiertesten seines Jahrgangs im Umgang mit dem kleinen Zelluloidball und hat deshalb gute Chancen, in ein paar Jahren in den Nationalkader befördert zu werden. Er träumt sogar davon, schon 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking dabeizusein, dann wäre er gerade einmal 15 Jahre alt. "Meine Eltern sind stolz auf mich." Wenn er die Trainingshalle betritt, fällt sein Blick fast automatisch auf ein Foto von Zhang Yining. Die junge Sportlerin hat in Athen Gold im Einzel und im Doppel gewonnen, sie ist so etwas wie ein Vorbild für He Zhangge.

Die Shishahai-Sportschule ist Teil des ausgeklügelten chinesischen Fördersystems. Schon in den Kindergärten im ganzen Land sichten Sportlehrer begabte Jungen und Mädchen und lassen ihre Knochen untersuchen, um die zu erwartende Körpergröße festzustellen, und suchen dann geeignete Sportarten aus. Wer später in eine Eliteschule wie Shishahai aufgenommen werden will, muß eine intensive Sportprüfung und einen Schultest bestehen. Die Regierung zahlt rund 500 Euro im Jahr pro Sportler. Der Tag in Shishahai beginnt mit dem Weckruf um 6 Uhr 30 morgens und endet rund zwölf Stunden später. Dazwischen liegen vier Stunden Schulunterricht am Vormittag, drei Stunden Sport am Nachmittag und anschließend eine Lerngruppe. Die Eltern sehen die angehenden Sportler oft wochenlang nicht, nur wer in Peking lebt, darf am Wochenende nach Hause.

Nicht mit Samthandschuhen angefaßt

In der großen Turnhalle trainieren die Kleinsten. Gut zwei Dutzend Sechs-, Sieben- und Achtjährige wiederholen monoton ihre Übungen. Auf dem Schwebebalken, am Boden, am Seitpferd und am Reck. Immer wieder die gleichen Sprünge, ohne zu murren. Die Trainerin am Reck ist mit der Landung eines kleines Mädchens auf der weichen Matte nicht zufrieden. Sie solle sich besser anstrengen, herrscht die strenge Lehrerin sie an. Das zierliche Mädchen verzieht keine Miene, sie ist es gewohnt, nicht mit Samthandschuhen angefaßt zu werden. In Chinas Schulen wird früh großer Wert gelegt auf höchste Disziplin und Ordnung, der Führungsstil ist autoritär. Und in Schulen wie der Shishahai besonders. Alle bekommen sie schnell vermittelt, daß nur derjenige etwas erreicht, der hart gegen sich selbst ist.

Der achtjährige Wang Tianming hat gerade eine Reihe von Flickflacks am Boden hinter sich. Als er seine Übung unterbrechen soll, um von seinem Leben in der Sportschule zu erzählen, gehorcht er, natürlich. Aber viel lieber, so scheint es, hätte er sich weiter der monotonen Wiederholung seiner Übung gewidmet. "Das Training ist nicht hart", sagt er mit leiser Stimme und steht stramm wie die Wachoffiziere vor der Verbotenen Stadt. Ein paar Sätze später darf er endlich wieder auf die Matte, Flickflack üben.

Früher war Sport die einzige Karrierechance

Die meisten Kinder empfinden große Dankbarkeit dafür, in Eliteschulen aufgenommen zu werden. "Unsere Schüler wollen Ehre für das Vaterland, und wenn sie das schaffen, ist es auch eine Ehre für die Familie. Die Interessen des Landes sind doch eng verbunden mit den eigenen und der Familie", sagt Liu Hong Bin.

Aber er erzählt auch, daß die Warteschlange der Bewerber in den vergangenen Jahren kleiner geworden ist. "Früher war Sport die einzige Karrierechance", sagt er. Für ein Kind aus einer Bauernfamilie ist er dies wohl noch immer, aber der Lebensstandard in den chinesischen Metropolen steigt - und damit steigen die Möglichkeiten und die Bereitschaft, dem Sohn oder der Tochter eine gute Ausbildung zu ermöglichen, mit etwas weniger Drill.

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