04.09.2007 · Der Hambüchen-Hype: Bei der Weltmeisterschaft dreht sich alles um den Turn-Star. Sponsoren reißen sich um ihn. Er bleibt dennoch unbeschwert und authentisch. Von heute an wird es ernst. Aus Stuttgart berichtet Christiane Moravetz.
Die Sonne ist längst untergegangen, um die Laternen am See schwirren Mücken. Es ist kurz vor halb zehn abends, "die anderen schauen jetzt das Länderspiel" - England gegen Deutschland. Fabian Hambüchen sitzt auf der Bank vor der Haustür zu Pavillon fünf, seinem Domizil für ein paar Wochen.
"Ja", sagt er gequält langgezogen in sein Handy, "ja . . .". Der Kontrollanruf des Vaters kommt vom anderen Ende des Trainingsgeländes in Kienbaum: "Ob ich mich auch ja ordentlich angezogen habe." Nur jetzt nicht erkälten, ein paar Tage vor der Weltmeisterschaft. Es ist schon frisch geworden, hier draußen, auf dem flachen Land östlich von Berlin. Hambüchen hat ein Mikrofon in der Hand, erzählt fröhlich von seinen Anfängen als Turner, seinen Lieblingsübungen, seiner Freizeit (Siehe auch: Slideshow: Fabian Hambüchen - „Ein heißer Kandidat“ (Turn-WM 2007)). "Eine Kröte", quietscht er plötzlich, lässt Aufnahme Aufnahme sein und läuft hin. "Na, komm her, du Kleine." Locker und gelöst ist er, selbst jetzt noch, nach einem Medien-Marathon von acht Stunden.
Höflich, scheinbar unbeschwert - der nette Junge
Es ist sein freier Tag, trainingsfrei. Aber es ist auch der Medientag im Trainingsquartier der deutschen Turner, die Einstimmung auf die Weltmeisterschaften in Stuttgart, die gestern begann. Und sie sind seinetwegen gekommen - Fotografen, Kamerateams, Reporter. Seit halb zwei hat er durchgehalten, Interviews gegeben, sich hierhin, dorthin dirigieren lassen für die besten Fotos, in der Halle ein paar Übungsteile für einen Fernsehsender vorgeführt - und eine halbe Stunde Auszeit bei der Physiotherapeutin genossen. Er ist höflich geblieben, scheinbar unbeschwert - der nette Junge, mittlerweile 19 Jahre alt, den die Sportnation seit den Olympischen Spielen von Athen in ihr Herz geschlossen hat.
Er war 16 damals und die Brille rund. Und er turnte ohne Respekt vor der Konkurrenz, ohne beeindruckt zu sein von dem Großereignis, wurde Sechster am Reck. Schnell belegten sie ihn mit Kosenamen - der kleine Turn-Professor, der Turn-Floh. Mit einem Salto sprang er auf den Sessel neben Günther Jauch bei "Stern TV", die Zuschauer jubelten. Hambüchen im Smoking auf einem Ball, Hambüchen am Strand, Hambüchen mit Freundin: Der Boulevard erklärte ihn zu einem Liebling. Anfragen und Autogrammwünsche überforderten den Wetzlarer Familienclan aus Mutter, Vater - seinem Trainer - und Turner-Sohn; ein Manager musste koordinieren. Klaus Kärcher knüpfte Kontakte zu Sponsoren, leitete die Anfragen in geordnete Bahnen.
Vierzig Interviewwünsche in einer Woche
Mittlerweile ist die Stuttgarter Agentur aus dem Umfeld der Hambüchens nicht mehr wegzudenken. Die Weltmeisterschaften in Stuttgart stellt alle aber vor besondere Herausforderungen. Vierzig Interviewwünsche in einer Woche, Anfragen für 16 Fernsehshows - von Hermann und Tietjen im NDR über Pilawas Prominentenquiz bis hin zu Auftritten in Japan und den Vereinigten Staaten - machen den Sport scheinbar zur Nebensache.
Ein paar Tage vor der WM bekam Hambüchen ein Trikot des VfB Stuttgart von dessen Sponsor überreicht - es war die letzte "Extrawurst". Während der Titelkämpfe - die für die Männer an diesem Dienstag mit der Mannschaftsqualifikation beginnen und am kommenden Sonntag mit dem Reckfinale enden - werden Sonderwünsche abgelehnt.
Zugpferd für das große Geschäft
Die Heim-WM erhöht den Druck auf den Reck-Favoriten ohnehin. "Fabian hat mehr Belastung als fast jeder andere Athlet in seiner Situation", sagt Kärcher. Und so versuchen er und die Familie, den jungen Mann - der im Frühjahr auch noch sein Abitur erfolgreich hinter sich gebracht hat - so gut wie möglich zu schützen. Rund um die Uhr sei man jetzt um ihn, heißt es. "Denn jeder denkt, er besitzt Fabian ein bisschen." Alle - der Deutsche Turnerbund, in dessen Farben er antritt, der Schwäbische Turnerbund, der mit der WM und Hambüchen als Zugpferd das große Geschäft machen will, die Sponsoren - stellen Ansprüche. Und auf einmal scheint es nur noch Hambüchen zu geben.
Er beansprucht diese Sonderrolle nicht, will nicht als der Star gelten. Für ihn zählt seine Leistung, sofort danach aber das Team. Doch Hambüchen hat Turnen erst wieder hoffähig gemacht in Deutschland, hat einer Sportart, die an den Rand abgeglitten war, zu neuer Popularität verholfen. Sechs große Sponsoren haben sich ihn als Partner gesichert. Ein Chemiekonzern will vorzeitig den bis 2008 laufenden Vertrag bis zu den Olympischen Spielen 2012 verlängern. "Das habe ich bei männlichen Sportlern bisher noch nicht erlebt", sagt Kärcher. Man brauche die WM nicht, um neue Partner zu gewinnen, die Qualität der Sponsoren zähle, nicht die Quantität. Hambüchen ist finanziell gut gestellt dadurch - wenn er auch höchstens ein Drittel dessen bekommt, was weibliche Stars des Sports verdienen. Und an Fußballern oder Formel-1-Fahrern dürfe man ihn erst recht nicht messen.
„In seinem Herzen ist er ein Schwabe“
Was Fabian Hambüchen erarbeitet, wird angelegt. "Er ist so sparsam, ich glaube, in seinem Herzen ist er ein Schwabe", sagt der Schwabe Kärcher. Die Familie steht voll und ganz hinter dem Sohn, abhängig von ihm ist sie nicht, Begehrlichkeiten kommen nicht auf. Ohnehin ist für die vier Hambüchens - auch Fabians älterer Bruder Christian war Turner - der Sport ein zentraler Punkt ihres Lebens. Fabian Hambüchen liebt seinen Sport, er wird für ihn scheinbar nie zur Belastung. Und genauso begeistert und begeisternd, wie er turnt, erledigt Hambüchen seine "Nebenjobs".
Aus dem kecken Kleinen, der unbekümmert drauflosplapperte, ist ein Erwachsener geworden - die Form der Brille hat sich geändert. Hambüchen wirkt immer noch unbeschwert - nicht altklug, nicht abgebrüht, einfach authentisch. Auch das macht ihn für Medien, für die Vermarktung so wertvoll. Und wenn dann noch Freundin Viktoria in aller Öffentlichkeit nach dem Training ein Küsschen bekommt, ist sogar der Boulevard zufrieden.