04.03.2008 · Nur wegen eines Rechenfehlers wurde er 2004 Olympiasieger, danach widmete es sich vor allem seinem Studium. Nun steht Paul Hamm wieder auf der Matte. Eine Figur wie er kommt in Amerika vor den Olympischen Spielen wie gerufen.
Von Jürgen Kalwa, New YorkEin Olympiasieger im Turnen sollte gut im Kopfrechnen sein. Denn in einer Sportart, in der jeder Salto, jede Schraube und jeder Stütz mit Bruchteilen von Punkten bewertet wird, ist der Umgang mit Zahlen so etwas wie Routine. Man muss aber nicht gleich so weit gehen wie der Amerikaner Paul Hamm. Der beendete vor knapp einem Jahr - magna cum laude - sein Studium an der Universität Ohio State in einem Fach, in dem es um nichts anderes geht als Addition und Subtraktion: Buchhaltung.
Die Ironie dieser Geschichte geht auf ein Ereignis vor vier Jahren zurück: Im Mehrkampf von Athen wäre Paul Hamm vor vier Jahren nicht Olympiasieger geworden, wenn das Kampfgericht nicht einen schwerwiegenden Rechenfehler begangen hätte. Aber in einem Land, in dem nur Sieger zählen und Fairplay ein Lippenbekenntnis ist, wirkt das Stigma des umstrittenen Siegers nur noch wie eine lästige Fußnote. Denn der 25 Jahre alte Paul Hamm hat einen Weg gefunden, sich auf eine sympathische Weise in Erinnerung zu rufen. Nachdem er zwischendurch eine zweieinhalbjährige Pause vom Hochleistungssport einlegte, kehrte er wieder in die Arena zurück. Mit ihm und seinem derzeit verletzten Zwillingsbruder Morgan rechnet sich die amerikanische Mannschaft eine Chance auf die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Peking aus.
Freundschaftlicher Umgang zwischen Hamm und Hambüchen
Das Comeback bewegt sich im Plan. An seinem Wettkampf am vergangenen Wochenende im Madison Square Garden von New York gab es, abgesehen von einem dicken Patzer am Pauschenpferd, nicht viel auszusetzen. Der Muskelmann war mit sich und der Welt zufrieden: „Ich bin ungefähr bei neunzig Prozent von dem, wo ich in Peking sein möchte“, sagte Hamm, nachdem er mit großem Abstand gewonnen hatte. Dass er die anderen beim American Cup dominierte, war keine Überraschung mehr, nachdem er bereits wenige Wochen zuvor in Las Vegas einen Wettkampf gewonnen hatte.
Zumal sein einziger ernsthafter Widersacher in New York, der deutsche Reck-Weltmeister Fabian Hambüchen, kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen auf einen Start verzichten musste. Die beiden, die einen freundschaftlichen Umgang miteinander pflegen und ursprünglich eine gemeinsame Trainingswoche in Ohio geplant hatten, wollen nun beim Weltcup vom 11. bis 13. April in Cottbus die Gelegenheit nutzen, sich miteinander zu messen. „Wenn er ein Patriot und ein Hero ist“, sagte Trainer Wolfgang Hambüchen, der seinen Sohn nach New York begleitet hatte, „dann ist er im richtigen Moment zurückgekommen, weil die Amerikaner so einen brauchen in der Turnmannschaft.“
Turnen war zu einem reinen Hobby geworden
Das Comeback war nicht wirklich geplant. Turnen war für Hamm, nachdem er sich an das normale Leben eines Studenten gewöhnt hatte, zu einem reinen Hobby geworden. „Aber im Dezember 2006 haben Morgan und ich zusammengesessen und beschlossen, uns wieder im Wettkampfsport zu engagieren. Wir dachten, da gibt es einfach noch mehr für uns zu tun.“ Wolfgang Hambüchen sagt dazu: „Da sind alle Funktionäre um fünf Zentimeter gewachsen.“
Die Bemerkung betrifft nicht nur die Verbandsverantwortlichen im amerikanischen Turnen. Die Erleichterung geht quer durch das gesamte Panorama der Sportarten und hinauf bis in die Spitzen des Nationalen Olympischen Komitees. Denn die Vermarktungsmaschinerie der Sponsoren braucht vor solchen Großveranstaltungen wie den Olympischen Spielen Figuren, die man auf den Titelseiten von auflagenstarken Magazinen wie „Time“ und „People“ anbieten kann. Paul Hamm, ein Olympiasieger, der sich rehabilitieren will, nachdem ihm anonyme Mächte angeblich die verdiente Goldmedaille abspenstig machen wollten - das ist eine solche Figur.
„Es ist eine äußerst strapaziöse Sportart“
Zumal man im gleichen Atemzug dem Publikum die enormen Anstrengungen und all die Entbehrungen aus dem Alltag eines Athleten servieren kann. „Es ist eine äußerst strapaziöse Sportart“, erklärt der Turner bereitwillig amerikanischen Reportern. „Du musst dich wieder an die Schmerzen gewöhnen. Und du musst mit dem Druck umgehen. All die Sachen, die du eigentlich schon vergessen hattest.“
Und natürlich muss man mit Zahlen umgehen können, um zum Beispiel gegen jemanden wie den großen Favoriten, Weltmeister Yang Wei, zu bestehen, der der Konkurrenz mit dem Schwierigkeitsgrad seiner Übungen bisweilen weit davonzueilen droht. Paul Hamm hat denn auch bereits bis auf die dritte Stelle hinterm Komma genau sein Programm mit dem des Chinesen verglichen. Dass er in dieser Beziehung nicht mithalten kann, bringt ihn allerdings nicht aus der Fassung. Der Buchhalter besitzt nämlich noch ganz andere Qualitäten: Er gehört zu den besten Stilisten der Sportart und macht mit Eleganz und Haltung so manches wett.