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Turn-EM Reifeprüfung mit Auszeichnung für Hambüchen

Fabian Hambüchen hat bei den Kunstturn-EM im Mehrkampf Silber gewonnen. Eine kleine Schwäche am Pauschenpferd kostete den 19-jährigen, der sich auf Abitur und EM gleichzeitig vorbereiten musste, die greifbare Goldmedaille.

© dpa Vergrößern Am Pauschenpferd zeigte Hambüchen seine einzige Schwäche

Es ist nun nicht gerade so, dass Fabian Hambüchen einen Sechskampf mit links absolvieren könnte. Verglichen mit dem Abitur aber ist es gar keine Frage: „So weit oben“, sagt er, und die Arme genügen kaum, um dem Gesprächspartner einen Eindruck zu vermitteln, wie hoch die Belastung in den vergangenen Wochen war, „so weit oben steht das Abitur über allem.“ Die schriftlichen Prüfungen hat er hinter sich, erfolgreich – obwohl die Noten noch ausstehen.

Seine sportliche Reifeprüfung schaffte er am Samstag in Amsterdam mit Auszeichnung, wenn auch nicht als Klassenbester: Bei den Europameisterschaften wurde er Zweiter im Mehrkampf hinter dem Russen Maxim Dewiatowski und vor dessen Landsmann Juri Ryazanow. Robert Juckel aus Cottbus, zweiter deutscher Turner im Finale der besten 24, belegte am Ende Rang 14.

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Ausruhen statt trainieren

Einer wie dieser neunzehnjährige Fabian Hambüchen aus Wetzlar gibt sich nicht mit Entweder-Oder zufrieden. Er hat den Ehrgeiz, Schule und Sport gleichermaßen in den Griff zu bekommen. Seine doppelte Anstrengung kann kaum hoch genug eingeschätzt werden – und hat sich am Ende ausgezahlt. Im Moment des Erfolges waren denn auch fast schon die qualvollen Wochen vergessen, die hinter ihm liegen. Er hatte sich vorgestellt, dass er in den zehn Tagen zwischen der Rückkehr vom letzten Weltcup-Wettkampf in den Vereinigten Staaten und der ersten Klausur tagsüber lernen könnte und dann abends, so ab sieben, auch ein wenig als Ausgleich, zum Training in die Halle fahren würde.

Denn im Hinterkopf „war die ganze Zeit diese Europameisterschaft, es war ganz klar, dass ich da hin will, das große Ziel, das ich neben dem Abi habe“. Bis halb zehn abends hielt er an einigen Tagen durch, der eine oder andere freie Tag zwischen den Prüfungsarbeiten half. „Aber am Schluss, da ging nichts mehr.“ Platt vom Lernen sei er gewesen, total leer im Kopf, und an einigen Abenden musste dann der größte Ehrgeiz vor der Realität kapitulieren: ausruhen statt trainieren.

„Das Kämpfen lohnt sich meistens“

Dass die Titelkämpfe von Amsterdam für ihn trotzdem nicht nur eine bessere Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften im September in Stuttgart sein würden, war allen klar, die Hambüchen kennen. Er will der komplette Turner sein und das bei jedem Wettkampf zeigen. Nach der Bronzemedaille bei den Weltmeisterschaften im vergangenen Herbst in Århus hat er nun zum zweiten Mal „bewiesen, dass ich zu den besten Mehrkämpfern der Welt gehöre“. Der Reiz eines Sechskampfs besteht für ihn auch in dem Wettlauf von Gerät zu Gerät. „Da kann man kämpfen, und das Kämpfen lohnt sich meistens“, sagt Hambüchen. In Amsterdam ging ihm erst am Ende ein wenig die Puste aus – in der Qualifikation wie im Finale. Seine vermeintlich stärksten Widersacher hatten schon zuvor allesamt gepatzt, am deutlichsten der Spanier Rafael Martinez und der Weißrusse Dimitri Sawitski am Boden. Erst an seinem vorletzten Gerät, dem Pauschenpferd, zeigte Hambüchen eine erste Schwäche, und schließlich zog Dewiatowski erst mit der allerletzten Übung, an den Ringen, an ihm vorbei.

Im Kopf, sagte Hambüchen, sei er zwar nach der Tortur aus Lernen und Training schon wieder zu hundert Prozent fit, körperlich aber fehlten eben noch gut zehn Prozent. Doch nicht zuletzt seine psychische Stärke, immer wieder trainiert mit seinem Onkel Bruno, half ihm von Station zu Station. „Es war hammerhart“, sagte er hinterher, er sei „total glücklich über Silber und kein bisschen enttäuscht“, dass es nicht der erste Europameistertitel für einen deutschen Turner wurde. Eine zweite Chance auf eine Auszeichnung bekommt er an diesem Sonntag, wenn er an seinem Lieblingsgerät Reck im Einzelfinale turnt.

Während sich die Werbestrategen der WM in Stuttgart schon langsam die Hände reiben dürften, hat der Noch-Schüler eine Hürde zu überwinden, für die er wieder die Zeichensprache bemüht: Deutsch und Politik stehen an, als Prüfungsfächer im mündlichen Abitur. „Und da gucke ich genau so“, sagte er in Amsterdam – und verzog das Gesicht.

Quelle: F.A.Z.

 
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