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Turn-EM : Nguyen gelingt Sensation am Barren

Abgang mit Tsukahara zu Gold Bild: dpa

Marcel Nguyen gewinnt bei der Turn-Europameisterschaft in Berlin überraschend Gold am Barren - als erster Deutscher seit 1955. Am Reck wird er Dritter hinter Philipp Boy. Die Gesamtbilanz der deutschen Riege ist ausgezeichnet.

          Gold, Silber und Bronze haben Marcel Nguyen und Philipp Boy am Sonntag zu der ohnehin großartigen Bilanz des Deutschen Turnerbundes bei der Europameisterschaft in Berlin beigetragen. Der Münchner Nguyen wurde Europameister am Barren und Dritter am Reck, Mehrkampf-Europameister Philipp Boy aus Cottbus wurde am Reck Zweiter. Reck-Europameister wurde der Niederländer Epke Zonderland.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Als jeweils erste Turner der Finals waren Nguyen und Boy an Reck und Barren gegangen und erhöhten die überraschende Ausbeute der deutschen Turnerinnen und Turner damit auf sieben Medaillen - so erfolgreich wie zuletzt die DDR-Turner vor 22 Jahren 1989 in Stockholm. Bereits am Freitag war der Cottbuser Boy Europameister im Mehrkampf geworden, die Mannheimerin Elisabeth Seitz wurde Zweite bei den Allrounderinnen. Die 35 Jahre alte Oksana Tschusowitina aus Köln wurde Zweite im Sprung, die Stuttgarterin Kim Bui Dritte am Stufenbarren.

          Abgang mit Tsukahara zu Gold

          Nguyen siegte am Barren mit der schwersten Übung des Wettkampfes. Den Tsukahara, einen Doppelsalto mit ganzer Schraube, zeigte der Dreiundzwanzigjährige am Sonntag, dem Schlusstag in Berlin, beim Abgang vom Gerät - ein Element, das am Barren nur er beherrscht. Er stand wie eine Eins und musste dennoch minutenlang darauf warten, dass seine Leistung, mit 15,525 Punkten bewertet, angemessen belohnt und von den wieder gut siebentausend Zuschauern in der Max-Schmeling-Halle bejubelt wurde. Sieben Konkurrenten turnten nach ihm im Finale, sieben Mal applaudierte Nguyen einem Konkurrenten für dessen Leistung - auch das keine leichte Übung. Doch er wusste ja, was er geleistet hatte. „Eine Bombenübung“ bescheinigte er sich.

          Auf zur „Bombenübung”: Marcel Nguyen, Europameister am Barren

          Dann erst stand fest, dass der mit 57 Kilogramm bei 1,67 Meter Körpergröße Schmächtigste aus der deutschen Riege sein Comeback nach einem Wadenbeinbruch, den er sich bei einem dreifachen Tsukahara beim Bodenturnen zugezogen hatte, mit einem Titel gekrönt hatte. Das war die erste EM-Goldmedaille im Barrenturnen für einen Deutschen seit dem Erfolg des späteren Olympiasiegers Helmut Bantz 1955. „Damit geht ein Traum in Erfüllung“, sagte Nguyen.

          Boy musste ebenfalls bis zum Schluss warten - und wurde enttäuscht. Zonderland war mit dem höchsten Ausgangswert für die größten Schwierigkeiten ins Finale gegangen und setzte sich durch. Er bekam 15,575 Punkte, Boy konnte sich lediglich 15,350 Zähler erturnen. Nguyen kam auf 15,300. „Mir ist ein Fehler unterlaufen, der mir öfter passiert“, sagte Boy. „Ich bin froh, dass es noch zu Silber gereicht hat.“

          Im Mehrkampf-Finale am Freitag hatte Nguyen mit einem Sturz vom Reck noch seine Medaillenchancen ruiniert, nun lagen er und sein Stuttgarter Trainer Valeri Belenki sich glücklich in den Armen. In dieser Konkurrenz wurde der Niederländer Zonderland mit 15,300 Punkten Zweiter. Der Beste der Qualifikation, der Slowene Mitija Petkovsek, musste vom Gerät.

          Kritik an der Zeitplangestaltung

          Nguyen, im vergangenen Jahr in Berlin deutscher Meister im Mehrkampf geworden, scheint von fragiler Konstitution. „Auch aus einem kleinen Fisch kann man eine große Mahlzeit machen“, scherzt Belenki gern. Doch beim Mehrkampf-Finale verging ihm und Chef-Bundestrainer Andreas Hirsch das Lachen, als Nguyen bei seiner Übung am Pauschenpferd plötzlich Krämpfe in den Seiten bekam und sich auf den Boden legen und behandeln lassen.

          Zwischen Qualifikation und Finale an jeweils sechs Geräten lagen lediglich 18 Stunden, viel zu wenig Zeit für eine ausreichende Wiederherstellung. Hirsch kritisierte den Zeitplan der Europameisterschaft deshalb heftig. „Die Wettkampffolge war so, dass wir in der Qualifikation erst Frauen, dann Männer hatten. Im Finale war es umgekehrt. Die Turner, die am Vorabend geturnt hatten, sind schon am Mittag wieder angetreten. Sie hatten nicht einmal 24 Stunden Erholungszeit.“ Über Nguyen, der darunter besonders zu leiden hatte, sagte Hirsch: „Der Sportler war am Rande seiner Leistungsfähigkeit. Das war ein körperlicher Erschöpfungszustand.“

          Er verzichtete darauf, auszumalen, welch schreckliche Unfälle passieren können, wenn Turner sich erschöpft und dadurch mit mangelhafter Konzentration durch die Luft katapultieren, wenn sie gefährliche Übungsteile am Reck, beim Sprung und am Barren absolvieren. Auf der Tribüne saß, wie zur Mahnung, der frühere Nationalturner Ronny Ziesmer, der seit einem Sturz bei der Olympiavorbereitung 2004 querschnittsgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt ist. „Ich kann nur die Verantwortlichen darauf aufmerksam machen, dass wir nicht das Recht haben, die Gesundheit eines Sportlers auch nur annähernd zu gefährden“, warnte Hirsch. „Sagen wir es mal so: Ich bin für die Gestaltung zuständig, und hier hat die Verwaltung gesiegt.“

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