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Triathlon Normann Stadler und Nina Kraft - das Königspaar von Hawaii

17.10.2004 ·  Beim legendären Ironman auf Hawaii haben die Sieger Normann Stadler und Nina Kraft für den größten Erfolg des deutschen Triathlonsports gesorgt. Der deutsche Meister Faris Al-Sultan als Dritter rundete den Triumph ab.

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Welch ein Triumph! Diesmal haben die deutschen Triathleten wirklich Sportgeschichte geschrieben. War der Sieg von Thomas Hellriegel 1997 beim Ironman Hawaii jahrelang das Nonplusultra für die Deutschen Dreikämpfer, so lieferte dieser 16. Oktober 2004 die kaum für möglich gehaltene Steigerung: Doppelsieg in Kailua-Kona, Doppelsieg beim prestigeträchtigsten und wichtigsten aller Triathlonrennen, Doppelsieg bei der Ironman-Weltmeisterschaft. Normann Stadler und Nina Kraft sind die neuen Könige von Kona und endlich auf dem Olymp des Ironman angekommen.

Der grandiose Erfolg der in allen Teildisziplinen überlegenen Nina Kraft, die nach 9:33:25 Stunden vor der viermaligen Schweizer Hawaii-Siegerin Natascha Badmann (9:50:04) und der Kanadierin Heather Fuhr (9:56:21) triumphierte, war allgemein erwartet worden. Doch der Sturm von Stadler auf Platz eins auf Big Island? Kaum jemand hatte den 31 Jahre alten Kurpfälzer aus Mannheim auf der Rechnung. Nur Stadler selbst, der lange Jahre mißverstandene Eisenmann, hatte unbeirrt an sich geglaubt. "Dreizehn Jahre lang habe ich auf diesen einen Moment hingearbeitet", sagte er in der Hafenbucht von Start- und Zielort Kailua-Kona.

Stadlers Tortour durch Deutschland

Daß er vorher von seinen Gefühlen übermannt wurde, daß er nach dem Überqueren des Zielstrichs Tränen der Freude und des Glücks weinte, war Stadlers emotionale Antwort auf die vielen Tiefschläge, die er in den Vorjahren hatte einstecken müssen. Nicht einen einzigen Ironman in Deutschland, weder den lange Zeit prägenden Ironman Europe in Roth noch jetzt den seit drei Jahren in Frankfurt ausgetragenen Ironman Germany, konnte Stadler bis zum Ende durchstehen. Mal war es ein Defekt an der Schaltung seiner Rennmaschine, die ihn in guter Position liegend entscheidend zurückwarf. Mal waren es Magenkrämpfe, die ihn schon nach dem Schwimmen zur Aufgabe zwangen. In der Szene wurde hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, Stadler finde stets die passenden Ausreden und Ausflüchte, um sein Versagen zu entschuldigen.

Alles vergessen, alles vorbei. Seine Freunde auf Hawaii, seine Fans im Szene-Treff "Java-Lava" hatten Stadler immer Großes zugetraut. Auf Hawaii, versteht sich. An der Stätte des Ursprungs, wo er sich durch couragierte Auftritte, vor allem aber durch seine natürliche Art den Ruf des "all american nice guy", des amerikanisch anmutenden Sonnyboys, erworben hatte.

Die Stunde des „Norminators“

Auf Hawaii hatten sie die Bilder aufgesogen, mit denen Stadler in Australien für Furore gesorgt hatte. Mit weit ausgebreiteten Armen, die an Schwingen eines Adlers erinnerten, schien er nach seinen Siegen die Welt umarmen zu wollen. Schnell war Stadlers neues Markenzeichen in Worte gefaßt: Normann Stadler - "Norminator". Auf Hawaii, an diesem unvergeßlichen 16. Oktober 2004, hat "Norminator" Stadler gut acht Kilometer vor dem Ziel gewußt, daß ihn nur noch eine gute halbe Stunde "von der Erfüllung eines Lebenstraums" trennen würde.

Es geschah am Energy Lab, jenem markanten, einschneidenden Wendepunkt auf der Marathonstrecke. Dort, wo die Athleten vom Highway kommend rechts abbiegen und eine elend lang anmutende Asphalt- und Schotterpiste Richtung Meer laufen, an einem Gasdepot umdrehen und auf dem Rückweg ihre Gegner sehen. Stadler hat Peter Reid gesehen, den dreimaligen kanadischen Hawaii-Champion. Und er hat ihm in die Augen geschaut. "Give me five. Peter hat mich abgeklatscht", sagt Stadler. "Da habe ich gewußt, daß ich es schaffen werde. Daß er mich nicht mehr angreifen wird. Daß ich als Erster in Kona ankommen und dieses Rennen gewinnen werde."

Vorentscheidung bei Rad-Kilometer 50

Noch am Morgen hatte ihn sein Vater von zu Hause aus angerufen. "Stolz war er schon immer auf mich. Doch jetzt wird er es noch mehr sein", so Normann Stadler. Daß es wirklich das Rennen seines Lebens würde, hatte er in Ansätzen schon in den Tagen vor dem Start gefühlt. Ausgeglichen, mit sich und der Welt im reinen, hatte sich Stadler am Freitag abend um acht Uhr ins Bett gelegt, um genau acht Stunden später um vier Uhr in der Früh aufzustehen. Keine Spur von Nervosität. "Man hat ja immer gesagt, ein Radfahrer kann Hawaii nicht gewinnen", so Stadler. "Doch meine Taktik ist aufgegangen."

Bei Radkilometer fünfzig setzte sich Stadler bei der Hatz durch Lavafelder zum Wendepunkt in Hawi an die Spitze und unterbot in 4:37:58 Stunden für die 180 Kilometer sogar den ehemaligen Telekom-Profi Kai Hundertmarck um neuneinhalb Minuten. Der Eppsteiner Rookie, erstmals beim Klassiker auf Hawaii am Start, siegte nicht nur souverän in seiner Altersklasse, er wurde nach 9:19:38 Stunden sogar Sechzehnter im Gesamtfeld der 1797 Starter aus 48 Nationen.

„Jetzt ist mein Name in der Liste der ganz Großen“

Voller Genugtuung stellte Stadler fest, "daß mir diesen Sieg keiner mehr nehmen kann. Jetzt ist mein Name in der Liste der ganz Großen - ich bin fassungslos." Nicht minder fassungslos dürften auch die anderen Deutschen gewesen sein, die mithalfen, die 28. Auflage des Ironman Hawaii zu einer vorwiegend deutschen Angelegenheit zu machen. Hinter dem zweitplazierten Peter Reid nämlich, der 10:11 Minuten hinter Stadler in Kailua-Kona ankam, wurde der Münchner Faris Al-Sultan unerwartet Dritter (8:45:14). Mit Alexander Taubert, Vierter in 8:48:35 Stunden, und Timo Bracht, Achter in 9:03:11 Stunden, komplettierten zwei weitere Mannheimer das famose Auftreten der Deutschen.

Und Nina Kraft? Sie hat an diesem denkwürdigen 16. Oktober 2004 gezeigt, daß sie in den kommenden Jahren den Ironman von Hawaii prägen kann. Beim 3,8 Kilometer langen Schwimmen im Pazifik hatte sie zwar ihren Pulsmesser eingebüßt, "doch auf dem Rad bin ich einfach nach Gefühl gefahren". Und wie! Selbst eine vierminütige Zeitstrafe wegen angeblichen Windschattenfahrens konnte sie nicht aus dem Konzept bringen, und als sie nach 9:33:25 Stunden endlich ihren ersten Hawaii-Sieg perfekt gemacht hatte, mußte sie noch lange siebzehn Minuten warten, ehe ihr Natascha Badmann fair gratulierte.

"All die Strapazen, all die Mühen der vergangenen Jahre haben sich gelohnt", sagte die 35 Jahre alte Braunschweigerin, die ebenso wie Stadler für den wichtigsten aller Triathlonsiege 100.000 Dollar erhielt. Sechs Jahre Anlaufzeit für Nina Kraft, dreizehn gar für Normann Stadler: Hawaii belohnt die Geduldigen.

Triathlon auf Hawaii, Ironman in Kailua-Kona (3,8 km Schwimmen, 180 km Rad fahren, 42,195 km Laufen):

Männer

1. Normann Stadler (Mannheim) 8:33:29 Stunden, 2. Peter Reid (Kanada) 8:43:40, 3. Faris Al-Sultan (München) 8:45:14, 4. Alexander Taubert (Mannheim) 8:48:35, 5. Rutger Beke (Belgien) 8:54: 26, 6. Torbjorn Sindballe (Dänemark) 8:58:45, 7. Cameron Widoff (USA) 8:59:25, 8. Timo Bracht (Mannheim) 9:03:11, 9. Rene Rovera (Frankreich) 9:04:32, 10. Raynard Tissink (Südafrika), ...13. Olaf Sabatschus (Witten) 9:12:33, 14. Uwe Widmann (Hofheim) 9:14:59, ...16. Kai Hundertmarck (Eppenheim) 9:19:38

Frauen
1. Nina Kraft (Braunschweig) 9:33:25, 2. Natascha Badmann (Schweiz) 9:50:04, 3. Heather Fuhr (Kanada) 9:56:19, 4. Kate Major (Australien) 10:01:56, 5. Lisa Bentley (Kanada) 10:04:16, 6. Joanna Lawn (Neuseeland) 10:05:10, 7. Belinda Granger (Australien) 10:07: 06, 8. Lisbeth Kristensen (Dänemark), 9 Fernanda Keller (Brasilien), 10. Tina Walter (Urbach) 10:11:02, 11. Nicole Leder (Darmstadt) 10:13:46

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2004
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