Der Meister gab sich demütig. „Ich muss noch lernen.“ Sein Lächeln hatte Lance Armstrong zwar schnell wiedergewonnen. Doch einen Ironman gewinnen, das kann der Amerikaner noch nicht. Und auch wenn es nur die kleinere Variante über die Halbdistanz von 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und 21,1 Kilometer Laufen gewesen ist: Der siebenmalige Champion der Tour de France ist nicht der Dominator, der er auch auf neuem Terrain sein möchte. Platz sieben beim Ironman 70.3 in seiner texanischen Heimat - es waren andere, darunter zwei Deutsche und ein Schweizer, die dem 40 Jahre alten Amerikaner so etwas wie eine Lektion erteilten.
Sebastian Kienle, im Vorjahr Zweiter beim Weltrekordrennen von Roth über die Langdistanz, sicherte sich auch im Finish auf dem Flugfeld von Galveston Platz zwei. Erstaunlich dabei: Es war nicht Armstrong, der zuvor seine radfahrerische Klasse in einen Vorsprung verwandeln konnte. Im Gegenteil. Der 27 Jahre alte Karlsruher Physikstudent Kienle, einer der Shooting-Stars der deutschen Ironmanszene, war der Schnellste mit der Rennmaschine - 2:03:43 Stunden. Armstrong musste sich mit der zweitbesten Zeit begnügen und kam nach 2:05:10 Stunden in die Wechselzone. „Es war hart auf dem Rad“, sagte der Texaner später. „Am Ende habe ich dafür den Preis gezahlt.“
Dass Armstrong nicht an Gesamtsieger Timothy O’Donnell (3:47:40 Stunden) herankam und auch Kienle (3:48:03), den Schweizer Ronnie Schildknecht (3:48:49) sowie den zweimaligen Halb-Ironmanweltmeister Michael Raelert (3:50:08) passieren lassen musste, ehe er als Siebter den Zielstrich nach 3:54:32 Minuten erreichte, hatte Gründe. „Ich hatte Magenprobleme und bin ein bisschen gegangen“, sagte Armstrong. „Die letzten sechs Laufkilometer waren absolut mies. Und ich habe immer zu mir selbst gesagt: Das hier ist kein Spaß.“
Nahrungsaufnahme „verbesserungsfähig“
Der Amerikaner, zuvor auf dem Rad nahezu am Limit gefahren, musste sich eingestehen, dass seine Nahrungsaufnahme während eines Ironman-Rennens „verbesserungsfähig“ ist. Auch dies mag die knapp sieben Minuten Rückstand auf seinen siegreichen Landsmann erklären. Raelert übrigens, der im Vergleich zu Kienle höher eingeschätzte Spezialist über die halbe Ironmandistanz, musste wie schon öfter mit Widrigkeiten kämpfen. Erst war sein Rennrad verspätet in Texas angekommen, dann passierte ihm während des Wettkampfes das Missgeschick eines Plattfußes.
Andreas Raelert, einer der großen Favoriten für den Sieg beim Ironman Hawaii am 13. Oktober, verfolgte von der Heimat in Rostock aus das Treiben seines Bruders in den Vereinigten Staaten und zollte später Respekt. „Ich bin unheimlich stolz auf ihn.“ Schließlich war Michael Raelert in den Tagen zuvor auch noch erkältet.
Armstrong und der Ironman - das ist nicht nur eine sportliche Geschichte, sondern auch ein Geschäft zwischen Marketingprofis. So sind das renommierte Ironman-Label, das unter dem Namen World Triathlon Corporation (WTC) firmiert und dem amerikanischen Finanzinvestor Providence gehört, und Armstrong eine Zusammenarbeit eingegangen. Der global agierende Triathlon-Konzern, der 27 Rennen über die klassische Ironmandistanz von 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen sowie 54 über die halbe Strecke anbietet, garantiert dem umstrittenen Athleten eine Million Dollar für seine Anti-Krebs-Stiftung.
Armstrongs Gegenleistung: Der Texaner sagte seine Teilnahme an vier Rennen über die Halbdistanz zu - in Panama (Zweiter), Texas (Siebter), Florida und Big Island. Außerdem wird er über die Langstrecke in Nizza und bei der Weltmeisterschaft auf Hawaii starten.
Vor seinen bisherigen zwei Starts in Panama und Texas äußerten sich Kenner wie der zweimalige Hawaii-Champion Normann Stadler und Lothar Leder, der als Erster die Achtstundenmarke bei einem Ironman unterbot, über Armstrong zwischen Respekt und Ehrfurcht. Tenor: Unter die ersten Drei auf Hawaii kommt er immer. Die Wirklichkeit aber ist derzeit eine andere. In Galveston hatte es Armstrong im bestbesetzten 70.3-Rennen der Ironmangeschichte mit vielen Spezialisten zu tun. Im Oktober, wenn wieder Vollmond ist über der Bucht von Kona, muss sich Armstrong mit den wirklich Großen der Szene auseinandersetzen.
Chris McCormack, Craig Alexander - die beiden Australier haben insgesamt schon fünfmal das Gefühl des Sieges beim schwersten aller Ironmanrennen ausgekostet. Und auch die Deutschen Faris Al Sultan, Timo Bracht und Andreas Raelert wissen, auf was es bei der Hatz durch die heißen Lavafelder ankommt. Zudem gibt Mittelstreckenmann Michael Raelert sein Debüt auf der Ultrastrecke. Gut sechs Monate noch, dann kann Armstrong beim Klassiker auf Hawaii zeigen, ob sein Mitwirken in der großen Ironman-Familie mehr ist als nur perfekt scheinende Geschäftsidee.
"Sogar zwei Deutsche sind schneller als er"
Patrick Berbner (charles75)
- 03.04.2012, 21:18 Uhr