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Triathlon Lance Armstrong greift wieder an

18.02.2012 ·  Der siebenmalige Tour-Sieger kehrt als Triathlet zurück und verblüfft die Szene. Manche trauen ihm sogar einen Sieg auf Hawaii zu. Der Ironman-Konzern sieht kein Problem darin, mit dem dopingdauerverdächtigen Amerikaner zu kooperieren.

Von Michael Eder
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© dapd Der alte Mann will noch mehr: Von Lance Armstrong erzählen sich die Triathleten wahre Wunderzeiten

Lance Armstrong goes Ironman - ein Geschäft zur Schlagzeilenproduktion, verpackt in ein Charity-Projekt, so wurde die Nachricht zunächst aufgenommen. Doch dann trat Armstrong, der siebenmalige Gewinner der Tour de France, am vergangenen Wochenende in Panama an, und kaum war er über die Ziellinie gelaufen, war die Triathlonszene in Aufruhr. Der ehemalige Radprofi war über die Ironman-Halbdistanz in 3:50:55 Stunden Zweiter geworden, 40 Sekunden nur langsamer als der Neuseeländer Bevan Docherty, aber mehr als fünf Minuten schneller als sein Landsmann Chris Lieto, der WM-Zweite über diese Distanz. Die Szene überschlug sich. Was hat der Texaner vor? Was will er? Was kann er?

Erst einmal ist es ein Deal zwischen zwei Marketingprofis. Das Ironman-Label, das unter dem Namen World Triathlon Corporation (WTC) firmiert und dem amerikanischen Finanzinvestor Providence gehört, und Lance Armstrong haben vor einer Woche ihre Zusammenarbeit angekündigt. Eine Million Dollar garantiert der Triathlon-Konzern dem umstrittenen Athleten für seine Anti-Krebs-Stiftung. Als Gegenleistung sagte der 40 Jahre alte Texaner seine Teilnahme an vier Ironman-Rennen über die Halbdistanz (in Panama, Texas, Florida, Big Island) zu. Außerdem wird er über die klassische Distanz (3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42,195 Kilometer Laufen) in Nizza und auf Hawaii starten.

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© dapd Zehn Watt mehr als die Konkurrenz? Auf dem Rad dürfte Armstrong die Konkurrenz abhängen

Lothar Leder ist einer der erfahrensten Triathleten. Der 39 Jahre alte Darmstädter war 1996 der Erste, der über die Ironman-Strecke unter acht Stunden blieb, er hat in seiner Karriere zehn Titel über die Langstrecke gewonnen. Armstrong, sagt er, werde in diesem Jahr auf Hawaii gewinnen. „Wenn es schlecht läuft, wird er Dritter." Unter die Top Ten reiht den Texaner vorab jeder Weltklasseathlet ein, den man fragt. Timo Bracht aus Eberbach, Fünfter auf Hawaii im vergangenen Oktober, hat Armstrongs Auftritt in Panama genau verfolgt - und war beeindruckt: „Er hat viele arrivierte Ironman-Athleten einfach weggeputzt. Ich fürchte, das ist auf Hawaii ein Konkurrent mehr für mich." Auch der Mannheimer Normann Stadler, Hawaii-Sieger 2004 und 2006, hat Armstrong nun auf der Rechnung. „Für mich ist er einer der Jungs, die auf Hawaii in den Top Drei finishen können."

„Das ist Wahnsinn“

Die Ironman-Szene hat recherchiert, alles zusammengetragen, was zu finden war. Man wusste, dass Armstrong, der seine Radkarriere vor einem Jahr beendet hatte, in seiner Juniorenzeit einer der besten amerikanischen Nachwuchs-Triathleten war, ehe er sich aufs Radfahren konzentrierte. Aber nun kursieren plötzlich Zeiten, die aufhorchen lassen. „Er soll eine Bestzeit unter 16 Minuten auf 1500 Metern Kraul haben", sagt Leder, „das ist Wahnsinn." Auch wenn diese Zeit aus dem Reich der Fabel kommen sollte, so gibt es doch keinen Zweifel mehr, dass Armstrong ein ausgezeichneter Schwimmer ist, in Panama kam er keine halbe Minute hinter dem Schnellsten aus dem Wasser.

Und schon beginnen die Hochrechnungen für Hawaii. So könnte es aussehen: Armstrong kommt knapp hinter den Besten aus dem Wasser und fährt mit dem Rad schnell an die Spitze. Niemand zweifelt daran, dass Armstrong die zehn Watt, die er braucht, um vom Führungspulk wegzufahren, in den Beinen hat. „Es ist nur die Frage, ob er so weit wegkommt, dass ihm eine 2:55 im Marathon reicht, um zu gewinnen", sagt Kai Walter, der Geschäftsführer der Ironman-Zentrale in Europa. Die Topläufer unter den Triathleten laufen auf Hawaii Marathonzeiten zwischen 2:42 und 2:45 Stunden. Fünfzehn Minuten Vorsprung nach dem Radfahren könnten Armstrong genügen, vielleicht sogar weniger.

In Panama hat die Konkurrenz auch ganz genau Armstrongs Laufleistung analysiert. Fazit: überraschend gut. Er lief zwischenzeitlich von Position drei auf eins, ehe ihn Docherty überholte. Seine Halbmarathonzeit von 1:17:03 Stunden war nur zehn Sekunden langsamer als die von Rasmus Henning; der Däne ist einer der stärksten Triathleten im Ironman-Zirkus mit allein vier Top-drei-Plazierungen im vergangenen Jahr. Armstrong hat auch ihn in Panama locker besiegt - und die Karten dabei längst nicht aufgedeckt. Seine Renntaktik war kühl und professionell. Keine Emotionen, kein zu hohes Radtempo, alles wie am Computer geplant, ein perfekt getimter Auftritt. „Er hat das ganz konservativ gemacht, das war nur der Beginn, er fängt als Triathlet ja erst an, richtig zu trainieren", sagt Leder. „Im Sommer in Nizza bei seiner ersten Langdistanz wird er dann mit 110 Prozent Fitness am Start stehen. Er wird uns alle blamieren."

„Ein Schatten aus unbeantworteten Fragen“

Wie wird Armstrong aufgenommen? Mit riesengroßem Respekt erst einmal. Lieto etwa hat sich gleich als Fan seines Landsmanns geoutet. „Es war ein Highlight für mich, in Panama mit ihm am Start zu stehen." Aber es gibt auch andere, meist zurückhaltend formulierte Stimmen, die Bezug auf die Dopingindizien nehmen, mit denen Armstrong seit Beginn seiner Karriere konfrontiert ist. Er ist der einzige Top-Radprofi der vergangenen fünfzehn Jahre, dem es gelungen ist, seine Karriere zu beenden, ohne je des Dopings überführt worden zu sein. Als 2005 sechs tiefgefrorene Urinproben aus dem Jahr 1999, dem Jahr seines ersten Tour-Sieges, auftauchten und ihm eindeutig zugerechnet werden konnten, reichte auch das nicht für ein Verfahren, weil es keine Kontrollproben mehr gab. 1999 war Epo noch nicht nachweisbar gewesen.

Vor zwei Wochen erst hatte die amerikanische Staatsanwaltschaft ihre Dopingermittlungen gegen Armstrong eingestellt. Der gewinnorientierte Ironman-Konzern sieht kein Problem darin, mit dem dopingdauerverdächtigen Texaner zu kooperieren. Der Reutlinger Michael Göhner, im vergangenen Jahr Dritter beim Ironman in Frankfurt, formuliert die Vorbehalte gegen Armstrong vorsichtig: „Ich sehe diesen Deal zwiespältig. Ich habe mich stets im Anti-Doping-Kampf engagiert - somit ist eigentlich klar, was in mir vorgeht. Mehr möchte ich dazu nicht sagen."

Das übernimmt der Däne Torbjørn Sindballe, der bis 2009 in der Weltspitze unterwegs war, ehe er seine Ironman-Karriere 2009 wegen eines Herzklappenfehlers beenden musste. „Armstrongs Einstieg ist ein Riesenspektakel und wird dem Triathlonsport viel Aufmerksamkeit bringen", sagt er. „Aber er wirft auch einen Schatten aus unbeantworteten Fragen auf unseren Sport. Wie können wir jemanden willkommen heißen, der mehr oder weniger der Einzige in einer ganzen Rad-Ära sein will, der nichts mit deren Dopingkultur zu tun hat?"

„Das verstehen wir Europäer gar nicht“

Kai Walter vom Ironman-Hauptquartier in Europa verweist auf umfassende Doping-Tests. „Wir haben einen Testpool, für den sich jeder melden muss, der als Profi bei einem Ironman starten will. Ich gehe davon aus, dass bei allen Rennen die Top Drei getestet werden und dass auch in Trainingsphasen getestet wird, nicht nur in Deutschland." Wie lasch allerdings gerade amerikanische Ironman-Athleten in den Vereinigten Staaten getestet werden, darüber gibt es viele Geschichten. Chris Lieto zum Beispiel ist in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres von der zuständigen amerikanischen Anti-Doping-Agentur genau einmal zum Test gebeten worden. Dass Armstrong unter der Aufmerksamkeit der Dopingfahnder über die Maßen zu leiden haben wird, ist nicht zu erwarten. In Panama fiel er schon einmal aus der angeblichen Top-drei-Testregel heraus. Von ihm wurde keine Probe genommen.

With a little help from his friends: Armstrong war schon immer ein großer Netzwerker, ob das im Sport war, in der Politik oder in der Wirtschaft, und auch auf Hawaii wird er nicht alleine dastehen. Die Ironman-Marketingabteilung würde nichts lieber sehen als seinen Sieg, und es ist auch kein Geheimnis, dass amerikanische Athleten auf Hawaii schon immer einen ordentlichen Heimvorteil genossen. Armstrong könnte davon in besonderer Weise profitieren. Dass der Chef-Wettkampfrichter auf Big Island, Jimmy Ricitello, einer seiner engsten Freunde ist, wird ihm auch nicht zum Nachteil gereichen. Und wenn er mit dem Rad an der Spitze fährt, dann werden, darauf würden Insider alles wetten, Lastwagen mit Fotografen auf der Ladefläche, Führungsmotorräder und Kampfrichterfahrzeuge schon so gesteuert, dass ein bisschen mehr Windschatten produziert wird als erlaubt - und erlaubt ist gar keiner.

Armstrong und der Ironman - es ist eine aufregende Geschichte, die da ins Rollen kommt. „Da wird am ganz großen Marketing-Rad gedreht", sagt Leder. „Das verstehen wir Europäer gar nicht."

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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