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Triathlet Timo Bracht : Der gläserne Athlet

Timo Bracht in Kailua-Kona: Aktion „Eiserne Transparenz” Bild: dpa

Timo Bracht ist einer der besten Triathleten der Welt - und einer der bestkontrollierten. Er hat die Blutwerte eines Normalbürgers. Beim Ironman auf Hawaii will er diesen Samstag einmal mehr beweisen: Es geht auch ohne Doping.

          Siebzehn Mal ist Timo Bracht in dieser Saison auf Doping kontrolliert worden. Im Trainingslager auf Lanzarote kamen die Fahnder vor zwei Wochen abends um Viertel nach acht und am nächsten Morgen um Viertel nach sechs noch einmal. Kein Grund zur Klage für den Ironman-Europameister aus Eberbach am Neckar. „Ich habe kurz geschluckt“, sagt er, „aber dann habe ich mir gesagt, es gibt viele Leute, die müssen um sechs in die Straßenbahn steigen, um zur Arbeit zu fahren, da kann ich mich als Sportler, der ein privilegiertes Leben führt, nicht beschweren, wenn es ab und zu mal um sechs an der Türe klingelt.“

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Timo Bracht, 34 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, gehört am kommenden Samstag beim Ironman auf Hawaii zum engsten Favoritenkreis. Er ist einer der besten Triathleten der Welt, und er ist auch einer der bestkontrollierten Sportler der Welt. Neben den „normalen“ Kontrollen der Anti-Doping-Agenturen unterzieht er sich als Mitglied des Commerzbank-Triathlon-Teams zusätzlich fünf bis sieben kombinierten Blut-Urin-Tests, deren Ergebnisse in Langzeitstudien ausgewertet werden. In den vergangenen Jahren hat sich Bracht außerdem dem Reglement der Aktion „Eiserne Transparenz“ unterworfen, das der Anti-Doping-Experte Dr. Klaus Pöttgen für den Ironman Germany in Frankfurt ausgearbeitet hat. Dafür gab Bracht alle seine bisherigen Werte zur Datenbankerstellung frei.

          Damit nicht genug: 2008 und auch in diesem Jahr ließ sich Bracht von Professor Walter Schmidt an der Uni Bayreuth im Rahmen eines Projektes der Welt-Anti-Doping-Agentur die Hämoglobinmasse vor und nach dem Frankfurter Ironman bestimmen. Die Hämoglobinmasse ist als Sauerstoffträger der roten Blutkörperchen einer der entscheidenden leistungsbestimmenden Faktoren im Ausdauersport. Bleiben die Werte gleich, bedeutet dies, dass keine Blutkonserven genommen wurden, für deren Verwendung es noch immer keinen direkten Nachweis gibt. Die Auswertung der Bayreuther Studie zeigte, dass Bracht bei den Frankfurter Ironman-Rennen 2008 (3. Platz) und 2009 (Sieg mit Streckenrekord) vor und nach dem Rennen nahezu identische Werte hatte. „Damit“, so Pöttgen, „können Brachts Erfolge auf trainingsmethodische Effekte zurückgeführt werden.“ Anders gesagt: Nach wissenschaftlichem Ermessen ist Bracht ohne Doping zu einem der weltbesten Athleten in einer der anspruchsvollsten Ausdauersportarten geworden.

          Timo Bracht im Juli in Frankfurt: Sieger beim Ironman Europe
          Timo Bracht im Juli in Frankfurt: Sieger beim Ironman Europe :

          Werte, die auch bei jedem Normalbürger zu finden sind

          Vor dem Ironman auf Hawaii hat Bracht jetzt einen weiteren Schritt auf dem Weg zum gläsernen Athleten beschritten. Er gestattete Pöttgen, seine Blutwerte zu veröffentlichen. Demnach lag in den vergangenen anderthalb Jahren Brachts Hämoglobinwert zwischen 13,0 und 14,6 Gramm pro Deziliter, sein Hämatokrit zwischen 38 und 44 Prozent. Das sind Werte, die auch bei jedem Normalbürger zu finden sind. Zur Erläuterung: Die Grenzwerte, an die sich manche Ausdauersportler „herandopen“, liegen im Radsport bei Männern für Hämoglobin bei 17,0 und für den Hämatokrit bei 50 Prozent. Man könne nicht behaupten, sagt Pöttgen, dass Bracht „genetisch besonders begünstigt“ sei. Er habe vielmehr „die gleichen normalen genetischen Voraussetzungen wie sein Vater oder Jedermann.“

          Auch Brachts maximale Sauerstoffaufnahme, sagt Pöttgen, liege mit 75 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht nicht sonderlich hoch. Viele Triathleten kommen auf Werte von mehr als 80, Tour-de-France-Sieger Contador auf unglaubliche 99 Milliliter.

          Vorteil durch ein „gutes Bewässerungssystem“

          Die Frage ist: Wie ist es möglich, dass Bracht mit diesen Voraussetzungen und mit Blutwerten, die völlig normal sind, auf der Ironman-Distanz Weltklasseleistungen bringen kann? Bracht hat an der Bayreuther Studie auch deshalb teilgenommen, um dadurch einer plausiblen Antwort näher zu kommen. Ein Ansatz: Sein Vorteil liege nicht darin, dass sein Blut extrem viele rote Blutkörperchen transportiere, also viele Sauerstoffträger, sondern darin, dass es relativ dünnflüssig und dadurch leichter durch den Körper und die Muskeln fließe, dass es „ein gutes Bewässerungssystem“ darstelle.

          Ein anderer, wichtigerer Ansatz: Weil bei Bracht die Daten sowohl der Bayreuther Studie als auch der Blutuntersuchungen im Vergleich der vergangenen beiden Jahre fast identische Ergebnisse ergaben, die Leistungsverbesserung in diesem Zeitraum aber deutlich war, lässt sich die Schlussfolgerung auf Pöttgens Fazit reduzieren: Training wirkt, auch auf allerhöchstem Niveau. Es gehe darum, sagt Bracht, in intelligentes Training zu investieren. Und es gehe um ein intelligentes Wettkampfsystem. „Wenn ich als Radrennfahrer jeden Tag mithalten muss, habe ich ein Problem“, sagt Bracht. Als Ironman könne er sich auf zwei, drei Saisonhöhepunkte konzentrieren.

          Gegenüber jungen Sportlern plädiert Bracht dafür, „nachhaltig mit seinem Körper zu wirtschaften“, den Sport nicht als „Durchlauferhitzer“ zu sehen, sondern Körper und Karriere „kontrolliert, langfristig und systematisch“ aufzubauen. Bracht hat Abitur gemacht, Zivildienst, Sportstudium, hat gearbeitet, war Jugendtrainer, er hat sich Schritt für Schritt entwickelt, hat sich Zeit gelassen, alles immer weiter zu optimieren. Training, Ernährung, Wettkampfplanung, Psychologie, soziale Vernetzung - „wenn das alles ineinandergreift“, sagt Bracht, „dann sind an einem guten Tag mit normalen Blutwerten und ohne Doping Weltspitzenleistungen möglich.“

          Quelle: F.A.S.

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