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Trainingswissenschaft Stabhochsprung im Schlaf

13.12.2010 ·  In einem Heidelberger Labor versuchen Sportler, durch „Klarträume“ ihre motorische Leistung zu steigern. Kritiker halten die Schlummer-Übung für esoterisch, Forscher sehen darin eine Trainingsmethode mit Zukunft.

Von Niklas Schenck, Heidelberg
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Es ist 6 Uhr 58, als Sandro de Boni mit dem Training beginnt. Sein Betreuer Marcel Richter hat die ganze Nacht nicht geschlafen. De Boni ist ein stämmiger, untersetzter Turner, er grätscht die Beine, schließt sie wieder, macht eine Rolle vorwärts, dann Strecksprung, halbe Drehung. Schon nach wenigen Minuten hat Richter genug gesehen. Er weckt de Boni, denn die Trainingseinheit hat nur im Schlaf stattgefunden. Ließe Richter sie weiterlaufen, würde er riskieren, dass sich sein Proband schon bald an nichts mehr erinnert. Dann wäre eine ganze Nacht im Schlaflabor wertlos gewesen.

Es ist bereits die zwölfte Nacht in diesem Monat, in der Richter nicht schlafen darf. Für seine Abschlussarbeit an der Universität Heidelberg sucht er Methoden, die Sportlern verlässlich sogenannte Klarträume ermöglichen. Viermal hat er in dieser Nacht versucht, mit einem Tonsignal in Sandro de Bonis träumendes Unterbewusstsein vorzustoßen, doch immer hat er ihn damit geweckt. Kurz bevor er am Morgen das Experiment abbrechen will, stellt sich doch noch Erfolg ein: De Boni vernimmt das Signal. Er schlummert zwar weiter, doch jetzt wird ihm bewusst, dass er träumt. Er kann die Kontrolle über sein Handeln übernehmen.

Genau diese Kontrolle will Daniel Erlacher nutzen, damit Athleten im Schlaf motorische Abläufe üben. Der Sportwissenschaftler, der sich nach einem Gastspiel im Schlaflabor der amerikanischen Elite-Universität Stanford der Schlafforschung verschrieb, ist Marcel Richters Betreuer. Bei einer Umfrage unter 840 Spitzensportlern fand er 44, die Klarträume für ihr Training nutzen - quer durch alle Sportarten, von Basketball und Leichtathletik bis zu Eiskunstlauf, Skispringen und Fußball. Mehr als die Hälfte hatten schon einmal einen Klartraum erlebt, immerhin ein Viertel gab an, mindestens ein Mal pro Monat diesen Zustand zu erreichen. Potential genug für eine Trainingsmethode mit Zukunft?

Michael Schredl verspricht sich viel davon. Er leitet das Schlaflabor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit der Universität Mannheim. „Therapeuten setzen Klarträume schon lange ein, um ihre Patienten auf öffentliche Auftritte vorzubereiten oder damit sie in Albträumen ihre Ängste konfrontieren“, sagt er. Warum sollten sie nicht auch Sportlern helfen? „Schon ein Klartraum pro Woche könnte die Technik entscheidend voranbringen“, schätzt Schredl.

Trainingsvideo im Traum

Für einen Zuwachs an Muskelmasse müssen Athleten auch in Zukunft Gewichte stemmen. Doch im Training ohne Schwerkraft und Zeit lassen sich komplexe Bewegungsabläufe - ein Stabhochsprung etwa oder eine schwierige Turnübung - beliebig ausdehnen. Die meisten Athleten, die Erlacher befragte, nutzen luzide Träume, um ihre Technik zu verfeinern. Sie perfektionieren das Zusammenspiel ihrer Muskeln bei schwierigen Bewegungen - häufig solchen, die im Wachzustand noch viel zu riskant wären. Manche spulen ihren Traum wie ein Trainingsvideo so oft zurück, bis sie zufrieden sind. Andere verwenden Zeitlupen oder saugen die Atmosphäre eines voll besetzten Stadions auf. Fast alle fühlen sich am Morgen beschwingt. „Überall, wo mentales Training greift, kann auch dieses Training im Traum funktionieren“, sagt Erlacher. Vorausgesetzt, die Klarträume stellen sich regelmäßig ein.

Im Keller des Heidelberger Sportinstituts gehen nach und nach die Lichter aus. Marcel Richter macht wieder die Nacht zum Tag. Damit sein Proband Sandro de Boni heute erstmals einen Klartraum erlebt, schickt ihn der junge Forscher abends zwei Stunden lang auf ein „Balance Board“ der Spielekonsole Wii. Immer wieder spielt er ihm dabei über Lautsprecher eine Stimme zu, die unterstellt: „Du träumst doch!“ Dann muss de Boni vom Balancierbrett steigen und einen Realitätstest machen. Dazu hält er sich fest die Nase zu und prüft, ob er trotzdem einatmen kann. Er könnte auch auf seine Hand blicken und versuchen, sechs Finger zu zählen. „Gelingt ihm das, weiß er, dass er träumt“, erläutert Richter. De Boni spielt so lange auf dem Gerät, bis ihm die Frage in Fleisch und Blut übergeht. Denn er soll auch im Traum sofort einen Realitätstest machen, wenn ihm der junge Forscher das Stimmsignal aufs Ohr spielt.

Trainingsfortschritt in der REM-Phase

Bevor de Boni schlafen geht, wird er von Richter verkabelt. Vier Elektroden messen Hirnströme und Muskeltonus, zwei weitere zeigen, wohin der Schlafende seine Augen bewegt. Sobald de Boni eingeschlafen ist, verfolgt Richter auf einem riesigen Bildschirm im Nebenraum die entsprechenden Kurven. Nach knapp 90 Minuten hat de Boni seine erste REM-Phase, drei weitere folgen in ähnlichem Abstand. In diesen Phasen, die ihren Namen den schnellen Augenbewegungen (“rapid eye movement“) verdanken, versucht Richter ihn anzusprechen, aber nicht zu wecken. Denn jetzt ist zwar de Bonis Hirn besonders aktiv, aber seine Muskeln sind völlig erschlafft. „Das ist wichtig, damit er die geträumten Bewegungen nicht in Wirklichkeit ausführt“, sagt Richter.

Früh morgens, während seiner vierten REM-Phase, spricht der Proband auf das Stimmsignal an und beginnt sogleich mit dem Forscher zu kommunizieren. Sein Körper bleibt unbewegt, doch wenn er im Traum die Augen bewegt, sieht Richter das auf seinem Bildschirm. Links-rechts-links-rechts, zeigt de Boni an, genau wie verabredet. Dann schreitet er im Traum zur Turnmatte. Grätsche, Rolle, Drehung, Stopp. Nach der Übung wieder links-rechts-links-rechts. Jetzt kann er geweckt werden. Der REM-Schlaf ist nicht die einzige Phase, in der wir träumen, aber meist die einzige, an deren Träume wir uns später erinnern.

Erkenntnis im Klartraum

Es gibt ein Dutzend Verfahren, um Klarträume zu induzieren. Richter und ein Kollege haben zwei neue Techniken getestet. Bei einer hatte mehr als die Hälfte der Probanden einen Klartraum. Für Daniel Erlacher sind diese Quoten eine Art Durchbruch. „Wenn wir das mit weiteren Studien bestätigen, würde ich mit einem geduldigen Athleten auch schon erste Trainingsversuche wagen“, sagt Erlacher, der zugleich Hoffnungen auf schnelle Trainingserfolge bremst. Dabei mangelt es ihm nicht an bemerkenswerten Erkenntnissen. Kein anderer Sportwissenschaftler in Deutschland beschäftigt sich so intensiv mit der Funktion des Schlafs für motorisches Lernen wie Erlacher.

In einer Studie instruierte er Klarträumer, im Schlaf Kniebeugen zu machen. Herzfrequenz und Atmung nahmen zu wie bei einer echten Belastung. Erlacher wies nach, dass erfolgreiche Sportler vor Wettbewerben häufiger von Erfolgen träumen als ihre unterlegenen Konkurrenten. Und vor allem konnte er belegen, dass Üben im Schlaf den Erfolg bei motorischen Aufgaben steigert - etwa die Trefferquote beim Wurf einer Münze in einen Plastikbecher.

Oder doch nur Esoterik?

Nicht alle Sportler glauben an solche Experimente. „Manche Leute halten Klartraumforschung für esoterisch“, sagt Melanie Schädlich, eine Psychologie-Studentin aus Bonn, die ebenfalls zu Erlachers Dream-Team gehört. Sie studiert Sandro de Bonis Schlafdaten und seine Erinnerungsprotokolle, weil sie wissen will, ob er die Übung im Schlaf genauso schnell durchführt wie im Wachzustand. Dafür misst sie die Dauer zwischen seinen beiden Augensignalen.

Wenn sie die Nächte nicht im Schlaflabor verbringt, kommt Schädlich selbst auf zehn bis zwölf Klarträume pro Monat. Sie läuft dann an der Decke oder geht durch Wände. Als sie sich einmal mit Johnny Depp traf, wachte sie vor lauter Aufregung auf. Die Versuchung, den bewusst erlebten Schlaf für Klamauk zu nutzen, scheint enorm, doch das Trainingspotential ist es auch. „Was die Leute im Schlaf üben, ist auf neuronaler Ebene real“, sagt Melanie Schädlich. Klarträume sind intensiver als mentales Training, das eher einem Tagtraum gleichkommt.

Als Sandro de Boni zu seinem ersten Klartraum befragt wird, gerät er ins Schwärmen. „Schade, dass ich keine Zeit hatte für mehr“, sagt er und grinst. Wenn Menschen erstmals die Kontrolle über ihre Träume übernehmen, nutzen sie das meist für zwei Dinge, sagt Daniel Erlacher: Fliegen und Sex. Für Sandro de Boni war es sicher nicht der letzte Klartraum.

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