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Tour de France Ja, wo bleiben sie denn?

Es ist das große, mythische Ereignis des französischen Sommers: die Tour de France. Sie macht aus den Menschen am Wegesrand Touristen, die dafür den eigenen Wohnort nicht verlassen müssen. Wir zeigen sie.

© Timm Kölln Vergrößern Warten auf das Peloton

Für viele Menschen in der französischen Provinz wird ein logistisches Detail in den nächsten drei Wochen einen großen Unterschied machen: den zwischen einem ganz normalen Sommer und einem ganz besonderen. Es ist die Frage, ob ihr Dorf oder ihre Kleinstadt an der Strecke der hundertsten Tour de France liegt. Und das nicht einmal als Start- oder Zielort einer Etappe, das wäre vermessen. Nein, schon am Wegesrand zu liegen reicht aus, um das zweiminütige Vorbeirauschen von zweihundert strampelnden Männern als das Ereignis des Jahres zu erleben.

Es sind die unzähligen Orte jener Art, die jeder Durchreisende in jedem Land antrifft und deren Namen man, ob als Rad- oder als Autofahrer, schon vor dem Ortsausgangsschild wieder vergessen hat. Und anders als an den berühmten Pässen auf den Tourmalet oder Galibier oder an den einundzwanzig Serpentinen hinauf nach L’Alpe d’Huez, das sich auch in diesem Jahr durch eine Wohnwageninvasion wieder in die höchstgelegene holländische Ortschaft verwandeln wird, macht in diesen namenlosen Orten auch während der Tour kaum einmal ein Reisender halt.

24964851 Am Straßenrand, irgendwo in Frankreich © Timm Kölln Bilderstrecke 

Doch dieses große, mythische Ereignis des französischen Sommers schafft hier eine seltsame Verwandlung. Aus all jenen, die einfach nur vor ihre Tür gehen, sich früh am Tag auf ihre Klappstühle und Hosenböden, Mäuerchen und Fenstersimse setzen, die Sonnenschirme und Kamerastative aufspannen, um stundenlang auf das Minutenereignis zu warten; die sich vielleicht schick gemacht und parfümiert und vielleicht auch ein paar Jahre zu jugendlich gekleidet haben für den Höhepunkt ihres Sommers oder auch nur in ihrer nach Arbeit riechenden Alltagskleidung aus ihrer Küche oder einer Werkstatt auf die Straße gekommen sind - aus all diesen Menschen am Wegesrand macht die Tour Touristen.

Es sind die einzigen Touristen der Welt, die dafür den eigenen Wohnort nicht verlassen müssen. Auch das ist eine Form des Reisens, eine sehr kommode: die Welt an sich vorbeiziehen zu lassen. Der Berliner Fotograf Timm Kölln, der siebzigtausend Kilometer unterwegs war, um für sein Buch „The Peleton“ die ausgezehrten, trotzig-stolzen Gesichter von Radprofis in den ungeschminkten Minuten nach dem Zieleinlauf festzuhalten, hat auf den langen Fahrten über die Landstraßen auch die Menschen entdeckt, die sonst nur Statisten in der größten Sportkulisse der Welt sind. Er hat angehalten und sie fotografiert, die Menschen, die auf die Tour warten. Und die sonst niemand beachtet.

Hast du das gesehen?

Nur die Zuschauer, die sich auffällig machen, sich als Teufel verkleiden oder als Supergirl, die Banner aufspannen oder Botschaften ins Korn mähen, schaffen es manchmal in die Fernsehinszenierung der Tour, die für Frankreich zu einer gigantischen Reisewerbung wird. Die vielen anderen Menschen in dieser bewegten Bildpostkarte fliegen nur als Spalier vorbei, als winkende Statisten vor wogenden Feldern und windzerzausten Wolkenhimmeln.

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Sie bleiben einen Sekundenbruchteil im TV-Kamerabild eines vorbeirasenden Motorrads, nach dem langen Warten auf das Fahrerfeld, das am Ende, viel kürzer und flüchtiger als die lärmende Vorhut der gewaltigen Werbe-Karawane mit ihren rasenden vierrädrigen Camemberts und Wasserflaschen und Weltkugeln, wie der Blitz vorbeihuschen wird. Nur mit geübtem Blick lassen sich das Gelbe Trikot oder gar die Gesichter einzelner Fahrer erkennen. Ein geschlossenes Feld in vollem Schwung fliegt so rasch vorbei wie ein TGV.

Husch, weg sind sie. Die große Welt ist durchgejagt. In der kleinen Welt, die bleibt und die dieselbe geblieben ist, packt man seine Klappstühle und Kameras wieder ein, ruft vielleicht die an, die es am Fernseher erlebt haben: Hast du das gesehen? Und geht zurück in das Frankreich, das nur am Wegesrand liegt.

Quelle: F.A.Z.

 
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