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Tour de France „Aerodynamisch wie ein Wassertropfen“

Schnellster am pittoresken Mont-Saint-Michel: Tony Martin gewinnt das Einzelzeitfahren und macht seinen Frieden mit der Tour. In Zukunft will er sich zum Klassementfahrer entwickeln.

© REUTERS Vergrößern Toller Sieg in tollem Ambiente: Tony Martin gewinnt das Einzelzeitfahren

Nach der rasenden Fahrt lag Tony Martin ausgestreckt auf dem staubigen Boden, mit einem Handtuch über dem Gesicht. Martin hatte sich verausgabt, er war an seine Grenzen gegangen, eigentlich überschritt er sie sogar. „Man geht über das Limit“, sagte er, „das ist das Quentchen, das einen fast bis zur Bewusstlosigkeit treibt.“ Aber es hing ja für ihn sehr viel ab von diesem Mittwoch, es sollte unbedingt „sein Tag“ werden bei der 100. Tour de France. Und tatsächlich erfüllte sich in Mont-Saint-Michel die Sehnsucht des Radprofis Martin, der endlich sein Glück machte bei dieser Rundfahrt, der sich ein bisschen wenigstens versöhnen konnte mit der Jubiläums-Tour.

Er hatte für seinen Etappensieg am Mittwoch exakt 36:29 Minuten gebraucht, hatte die 33 Kilometer lange Strecke zwischen Avranches und Mont-Saint-Michel mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 54,271 Kilometern pro Stunde zurückgelegt. Martin war aber bereits mittags gefahren, er musste danach einige Stunden bangen, ehe sein Erfolg fest stand. Als letzter Fahrer war, um 16.54 Uhr, Christopher Froome in das Einzelzeitfahren gestartet - der Brite war schließlich als Zweiter zwölf Sekunden langsamer als der Deutsche. „Es waren schreckliche letzte Minuten“, sagte der Zuschauer Martin. Der geschlagene Froome baute aber seinen Vorsprung als Mann im Gelben Trikot aus.

Kraft, Tempo, Tüfteln

Der 28 Jahre alte Wahl-Schweizer Martin hatte Gegenwind trotzen müssen und einem Krampf, aber er überwand alle Fährnisse, er ließ sich auch von seinen Blessuren nicht bremsen, die er sich bei der Tour-Ouvertüre auf Korsika zugezogen hatte. Seitdem wird er von Helge Riepenhof, Arzt im Team Omega Pharma-Quickstep, zum Teil mit ungewöhnlichen Methoden behandelt. Riepenhof stellte selbst eine Salbe her, die helfen soll, Infektionen an Wunden zu verhindern. Der Mediziner hatte dafür sogar Abstriche von Straßenbelägen in Frankreich genommen, um sie auf Keime zu untersuchen. Anders als der forsche Aufsteiger Marcel Kittel hätte Martin, wäre ihm nicht der Coup am Mittwoch gelungen, fast verzweifeln können an der Frankreich-Rundfahrt, die ihm im vergangenen Jahr bereits die kalte Schulter gezeigt hatte: Kahnbeinbruch, Aufgabe, auch wegen der Vorbereitung auf Olympia. Dass er nun, trotz seines geschundenen Körpers, nicht vom Rad gestiegen ist, weiß auch sein Manager Jörg Werner sehr zu schätzen. In einer solchen Situation nicht die Geige einzupacken und nach Hause zu fahren, zeige, dass Martin ein ehrlicher Typ sei. Und ein sehr ehrgeiziger dazu: „Ich wollte noch ein Highlight“, sagte Martin, und es gab dafür nur diesen Mittwoch, nur diesen Wettbewerb, der wie maßgeschneidert für ihn ist.

Es geht dabei um Kraft, um Tempo und um Tüfteln. „Zeitfahren ist“, sagte der Rostocker Profi Andre Greipel, „wenn ein ganzes Peloton versucht, nicht wie Amateure auszusehen und Tony Martin gewinnt. Tony ist aerodynamisch wie ein Wassertropfen.“ Martin, Weltmeister und Olympia-Zweiter im Zeitfahren, errang am Mittwoch nach 2011 in Grenoble seinen zweiten Etappensieg bei der Tour. Er setzte damit das deutsche Hoch in Frankreich fort, zur Freude auch von Werner.

„Man muss einen guten Plan machen“

Der Erfurter vertritt als Manager Rennfahrer wie Martin, Kittel oder John Degenkolb. Eine bemerkenswerte Kundschaft, wie auch die beiden Tour-Triumphe des Sprinters Kittel bewiesen haben. Die „Erfurter Schule“ - ein großer Trumpf also bei der Jubiläums-Tour. Und damit lassen sich auch die Geschäfte weiter ankurbeln. Die Qualitätsmarke Kittel weckt längst Begehrlichkeiten. „Wie lange läuft der Vertrag noch?“ Die Frage wird Werner nun immer wieder mal von Rennställen gestellt. Kittel ist noch bis 2014 an die niederländische Equipe Argos-Shimano gebunden. Und es gibt - für keine Seite - einen Grund, die Verbindung zu lösen. Allerdings könnte Werner sich vorstellen, demnächst über eine Verbesserung der finanziellen Konditionen zu sprechen. „Das ist möglich, natürlich.“ Der 25 Jahre alte Kittel hat sich schließlich zu einem formidablen Rennfahrer gemausert. Werner möchte in dieser Angelegenheit jedoch nichts überstürzen. „Wir wollen nicht mit der Keule rangehen.“

Martin steht in belgischen Diensten, er fühlt sich dort gut aufgehoben, aber vielleicht gibt es demnächst doch einen neuen Martin. Er und Werner überlegen, die Prioritäten im Radsport wieder zu verschieben: Der Profi, bisher vor allem ein Jäger der Zeit, scheint sein Faible für das Klassement bei einer Rundfahrt wie der Tour neu zu entdecken. „Ich würde gerne noch einmal versuchen, auf Gesamtwertung zu fahren“, sagt Martin. Er hatte damit bei der Tour nicht die besten Erfahrungen gemacht, hauptsächlich wegen der Probleme in den Bergen. Um auf diesem Terrain mithalten zu können, wird er abspecken müssen - vier Kilogramm etwa, glaubt Martin, dessen Gewicht offiziell mit 75 Kilogramm angegeben wird. Die Typveränderung dürfte zu einem harten Stück Arbeit werden. „Man muss einen guten Plan dafür machen“, sagt Werner, er betrachtet das als ein Langzeitprojekt. Aber auch als eine gute Möglichkeit, eine frische Herausforderung im Radsport zu finden. „Er ist in einem Alter“, sagt Werner, „in dem man sich neue Ziele setzen kann.“ Und in dem man auch darauf hoffen kann, wirklich noch seinen Frieden mit der Tour zu machen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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