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Erinnerungen an die Tour Mon Amour

 ·  Ich erinnere mich an wunderbare Landschaften, an den Duft frischgebackener Croissants, die Begeisterung der Franzosen und ihre Art, mit dem Leben umzugehen. Ja, ich liebe die Tour, ohne jede Einschränkung. Und Liebe macht blind.

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© picture alliance / AUGENKLICK/RO Vergrößern Schöne Bilder: die Tour bietet Ansichten herrlicher Landschaften

„Wenn es Juli wird, dann kribbelt es. Meine Familie ist dann an den Gardasee gefahren und ich nach Frankreich. Das war auch wie Urlaub, nein, mehr. Die Tour ist mehr als Urlaub. Heute fährt jeder im Sommer in die Welt hinaus. Ich habe elf Jahre auf diesen Moment gewartet. Seit 1947, seit ich mich Sportjournalist nennen durfte. Elf Jahre. Eigentlich waren es mehr. Mich hat die Tour schon als Kind fasziniert. Ich kannte die Namen, die Sieger, die Gescheiterten.

Kurt Stöpel wurde 1932 Zweiter, ich glaubte, alles über ihn zu wissen. Ich hatte ja Zeit. Meine Tour-Geschichte war auch eine des Wartens. 65 Jahre hat es gedauert, bis Jan Ullrich Stöpel überholte, bis ein Deutscher die Tour endlich gewann. Da war ich auch schon nicht mehr das jüngste Modell, aber jetzt bin ich 88 Jahre alt, in einem biblischen Alter, sagen die Leute. Ich kann nicht mehr hinfahren, aber ich bin doch dabei, wie damals als Kind.

Was ich sehe, wenn ich die Augen schließe und an die Tour denke? So viele Bilder. Den Wiesbadener Franz Reitz vor uns auf seinem Fahrrad in den Alpen, wie er stürzt, das war 1958. Wir halten an, springen aus einem nagelneuen VW-Cabriolet, das ein Wiesbadener Autohändler einfuhr, und helfen Reitz wieder aufs Rad. Damals konnte man als Reporter noch direkt dabei sein, die Tour anfassen, die Fahrer, man konnte das Leiden fühlen.

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© AP Vergrößern Liebe macht blind: „Ich liebe die Tour, ohne Einschränkung“

1958 waren die Deutschen erstmals wieder dabei seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, mit einer halben Mannschaft. Die Franzosen waren sehr freundlich, erstaunlich, nicht wahr? Sie lieben die Tour, und sie mögen Menschen, die die Tour mögen. Ich erinnere mich an wunderbare Landschaften, an den Duft frischgebackener Croissants, die Begeisterung der Franzosen und ihre Art, mit dem Leben umzugehen. Savoir vivre. Die Jugend sagt heute cool dazu, so kam mir das vor. Eigentlich fühlte ich mich, der Journalist aus Frankfurt, wie ein französischer Zuschauer.

Ja, ich liebe die Tour, ohne jede Einschränkung. Und Liebe macht blind. Das weiß man in meinem Alter. Also muss ich auch sagen, dass ich Doping lange Zeit toleriert habe, zumal es jahrzehntelang nicht verboten war; ich hatte nichts gegen den Einsatz von Mitteln wie Amphetamine oder Ephedrin. Ich war der Überzeugung, dass die Fahrer das brauchen, um diese Strapazen überstehen zu können. Ich habe Doping bis etwa Mitte der sechziger Jahre hingenommen, und ich habe ungern darüber geschrieben. 1999 sagte ich einem jungen Kollegen, den ich in die Tour einführte: „Ich mache Rennberichte und Kommentare, und du schreibst über anstehende Doping-Fälle.“ Doping war für mich ein unbequemes Thema, weil ich die physischen Leistungen der Radsportler zu sehr bewunderte.

Merckx ist der größte aller Fahrer für mich

Man sagt ja, Ernest Hemingway habe zu seiner Zeit nur Bergsteigen, Stierkampf und Autorennen akzeptiert, weil alle drei so gefährlich waren, weil die Männer alles riskiert haben. Alles andere sei Spielerei. Dann muss man die Tour, Phasen zumindest, auch auf Hemingways Liste setzen. Anquetil, Poulidor, Merckx, und auch die vielen dahinter im Schatten, sind oft an die Schmerzgrenze und darüber hinaus gegangen. Wir haben ihr Leiden doch gesehen, ihren Kampf, ihren Mut, ihre Verzweiflung, wenn der Mann mit dem Hammer kam.

Wenn der kommt, dann lassen sich die Pedalen nicht mehr heruntertreten, dann geht nichts mehr voran. Ein trauriger Moment. Man muss dieses Auf und Ab sehen, um die Faszination der Tour verstehen zu können, ihre dramatischen Geschichten. Wir haben unsere Storys damals mühsam durchtelefonieren müssen. Wie beneide ich heute die jungen Kollegen.

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