21.07.2009 · Tony Martin setzte bei der Tour Zeichen im Weißen Trikot, Heinrich Haussler als Etappensieger - aber der deutsche Radsport, der durch schmutzige Affären in der Branche gehörig in Schieflage geraten ist, ist noch nicht über den Berg.
Von Rainer Seele, VerbierWieder mal vergebens gerackert, wieder eine kleine Enttäuschung, aber sprachlos blieb Gerald Ciolek zumindest nicht. Erst mal eine Erfrischung: „Hat jemand Wasser für mich?“ Dann eine eigenartige Aussage, die vielleicht auf seinem ernüchternden Gefühl basierte, trotz aller Anstrengungen auch am Samstag in Besançon nicht zum Zuge gekommen zu sein. „Radsport“, sagte Ciolek, „ist vielleicht ein bisschen unfair, weil immer nur der Stärkste gewinnt.“
Das war an diesem Tag der Russe Sergej Iwanow, Ciolek wurde Zehnter – und trotzdem versuchte der deutsche Radprofi, darin auch einen positiven Aspekt zu sehen. Immerhin sei er ja aggressiv gefahren, ganz nach der Devise seines Teams Milram, das attraktiven Sport bei der Tour de France bieten möchte. „Das haben wir heute umgesetzt“, behauptete der Rheinländer Ciolek. Und auch sein Teamchef, der Niederländer Gerry van Gerwen, tat so, als wäre er nicht unglücklich. Und überhaupt: Die Deutschen spielen nach seiner Ansicht generell eine gute Rolle bei der Tour. „Sie geben der Tour ein Gesicht“, sagte van Gerwen am Samstag.
Tatsächlich gibt es bei der Tour Signale der Hoffnung für den deutschen Radsport, der durch die schmutzigen Affären in der Branche gehörig in Schieflage geraten ist. Der Eschborner Tony Martin setzt Zeichen als Träger des Weißen Trikots für den besten Jungprofi, das er am Sonntag aber verlor. Der Deutsch-Australier Heinrich Haussler krönte seinen verblüffenden Aufschwung in dieser Saison mit einem Etappensieg. Das Team Milram hat zwar bisher nicht nachhaltig auf sich aufmerksam machen können, doch wenigstens waren seine Fahrer gelegentlich in den vorderen Regionen zu erkennen.
„Ob der Radsport eine Zukunft hat, bleibt immer noch offen“
Diese Entwicklung registriert mit Genugtuung auch Rudolf Scharping, der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR). Er findet, dass Deutschland einen „sehr starken Nachwuchs“ habe, „es war richtig, auf die jungen Leute zu setzen“. Sie verdeutlichten, sagt Scharping, einen Imagewandel. Allerdings geriert sich der ehemalige Politiker auch als Mahner, offensichtlich lassen ihn die bitteren Erfahrungen der vergangenen Jahre inzwischen doch behutsam mit Prognosen umgehen. „Ob der Radsport eine Zukunft hat“, sagt Scharping, „bleibt immer noch offen.“
Auf Haussler zum Beispiel kann er sich getrost verlassen, zumindest nach den Worten von Haussler selbst (siehe auch: Tour de France: Heinrich Hausslers Karriere „beginnt jetzt erst“). Der Rennfahrer vom Schweizer Team Cervelo stellt Kollegen, die des Leistungsmissbrauchs überführt wurden, resolut an den Pranger: „Für mich sind das Idioten, sie gehören ins Gefängnis.“ Wohin sein Weg führen wird, sportlich betrachtet natürlich, ist für seine Equipe einerseits klar – weiter nach oben selbstredend. Wo andererseits die Grenzen für den Mann sein könnten, der künftig für Australien starten möchte, mag man bei Cervelo noch nicht skizzieren.
„Er geht immer noch durch eine Lernphase“, sagt der deutsche Teamleiter Thomas Campana, „seine Karriere beginnt jetzt erst. Wo seine Limits sind, wissen wir selbst nicht.“ Ein solcher Profi weckt auf alle Fälle Begehrlichkeiten, auch beim BDR, der Haussler nicht zurück in sein Geburtsland ziehen lassen möchte. Darüber, sagt Scharping, sei das letzte Wort noch lange nicht gesprochen. Der deutsche Verband hat den Emporkömmling jedenfalls in das vorläufige Aufgebot für die Weltmeisterschaften im Herbst in der Schweiz geholt. Worauf Haussler aber abgewunken hat. „Die WM ist kein Rennen für mich. In diesem Jahr fahre ich sie nicht und im nächsten wohl auch nicht“, sagte Haussler, der angeblich nicht zuletzt wegen der Dopingdiskussionen in Deutschland lieber für Australien antreten möchte.
„Von ihnen kann ich lernen, dort bin ich auf der sicheren Seite“
Für das zarte deutsche Hoch steht seit einigen Tagen schon der Columbia-Profi Martin , der sich im Rennen zuletzt selbstbewusst meist in der Nähe von Profis wie Lance Armstrong oder Alberto Contador aufgehalten hatte - allerdings nicht am Sonntag. „Von ihnen kann ich viel lernen“, sagt er, „dort bin ich auf der sicheren Seite.“ Sein deutscher Sportdirektor Rolf Aldag mag die bemerkenswerte Vorstellung des Eschborners jedoch nicht automatisch als eine Befeuerung der deutschen Zunft betrachten.
Der Westfale Aldag denkt in anderen Kategorien: „Wir sind ein internationales Team“, sagt er, „wenn Martin einen spanischen Pass hätte, würden wir ihn genauso unterstützen.“ Aldag möchte den jungen Deutschen nun längerfristig an seinen Rennstall binden, er will ihn überzeugen, beim Team Columbia „am richtigen Ort“ zu sein. Dort soll Martin weiter reifen können, und Aldag ist sich sicher, „dass wir noch viel Freude an ihm haben werden“. (siehe auch: Tour de France: Tony Martin radelt in die Weltelite)
„So langsam gehen wir aus dem Tal heraus“
Die deutschen Radprofis scheinen wieder an Fahrt aufzunehmen, der Niederländer van Gerwen beschreibt das so: „So langsam gehen wir aus dem Tal heraus.“ Die Verhältnisse im deutschen Radsport sind allerdings immer noch schwierig, van Gerwen hatte das deutlich zu spüren bekommen, als er seinem Rennstall eine deutsche Note geben wollte. Er hatte dem Italiener Gianluigi Stanga die Lizenz – und auch die Ausstattung – selbst abkaufen müssen, Hauptsponsor Nordmilch war dazu nicht bereit.
Van Gerwen erzählt, dass er seinen gesamten Besitz, darunter sein Haus, der Bank als Garantie hatte geben müssen, um das Geld für die Übernahme aufzutreiben. Auch die Ersparnisse seiner Tochter mussten für dieses riskante Unterfangen herhalten. Es sei eine harte Zeit gewesen, sagt er. Der Niederländer muss jetzt mit dem Radsport Gewinn machen, um seine Schulden tilgen zu können. Seine Zuversicht ist inzwischen ein wenig gestiegen. Auch wenn in erster Linie deutsche Profis aus anderen Lagern dafür gesorgt haben.
Die Hoffnung stirbt zuletzt oder ist schon lange tot!?
Ralf Baecker (ralfbaecker)
- 21.07.2009, 17:53 Uhr