20.07.2009 · Alberto Contador zeigt auf der ersten Alpenetappe, wer der wahre Patron ist. Auch Lance Armstrong kann das Rad der Zeit nicht zurückdrehen - und geriert sich als fairer Verlierer.
Von Rainer Seele, VerbierEs ist das Ende für Lance Armstrong gewesen, das Ende zumindest bei dieser Tour de France, in Spanien ist das überhaupt keine Frage. Dort wird Alberto Contador in den Himmel gehoben, die Zeitung „El Mundo“ beispielsweise schrieb pathetisch von einer „gelben Reconquista“. Und Armstrong? Am Boden zerstört, so sehen die begeisterten Landsleute von Contador das nun, schwer geschlagen, gedemütigt von ihrem Heros, der sich als Autorität im Peloton erwiesen hat. Er habe die Tour gesprengt, heißt es in Spanien, auf alle Fälle hat Contador sich von Fesseln befreit, von der Umklammerung Armstrongs, in der er seit Beginn der Tour gesteckt hatte. Der Amerikaner, der in Verbier gelitten hatte wie selten in seiner Karriere, der seine Grenzen erkennen musste, wird nun in eine neue Rolle schlüpfen – in die des Helfers für Contador.
Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, auch nicht von einem Mann, der siebenmal die Tour gewonnen hat. Am Sonntag, als er von Contador im Wallis um 1:35 Minuten überflügelt wurde, hat Armstrong diese bittere Erfahrung machen müssen. Und vielleicht wird der 37 Jahre alte Texaner, der in seinen Mannschaften stets der Boss war, sich nun die Frage stellen, ob es wirklich sinnvoll war, noch einmal zur Tour zurückkehren. Als die Hierarchie im Team Astana endgültig geregelt war, als in Verbier der ehemalige Patron der Tour entthront war, gerierte Armstrong sich immerhin als fairer Verlierer. „Mein Glückwunsch an ihn kommt von Herzen“, behauptete der Amerikaner, er verneigte sich gewissermaßen vor Contador. „Alberto hat gezeigt, dass er der Beste ist.“ Armstrong musste – wie die Konkurrenz – die Überlegenheit des Profis aus Pinto bei Madrid anerkennen, der für das französische Sportblatt „L’Equipe“ inzwischen eindeutig der „Matador“ bei dieser Tour ist.
Wie motorisiert
Armstrong versuchte, trotz seines Schmerzes auch Zufriedenheit zu demonstrieren. Er bezog diese Einschätzung auf seinen zweiten Platz im Gesamtklassement, und überhaupt: Er sei ja auch stolz auf Contador, sagte Armstrong, der offensichtlich seiner Linie, seine Comeback-Tour mit freundlichen Worten zu garnieren, auch in einem dunklen Augenblick treu blieb.
Nach der Nervenprobe der vergangenen Tage, nach all den Diskussionen über seine Fehde mit Armstrong machte Contador seiner Erleichterung nach dem Triumph von Verbier mit deutlichen Gesten Luft. Der Spanier ging danach zwar nicht verbal gegen den Texaner in die Offensive, seine Bemerkungen skizzierten dennoch das schwierige Verhältnis zu Armstrong. Er sei sein Idol gewesen, sagte Contador, doch jetzt hatte er ihn lediglich noch als einen Rivalen betrachtet, als einen Mann, den es zu distanzieren galt. Wie den Luxemburger Andy Schleck, der das Weiße Trikot von dem Eschborner Tony Martin übernahm, den Spanier Carlos Sastre oder den Australier Cadel Evans. Das war ihm beim ersten Alpen-Intermezzo so eindrucksvoll gelungen, dass er einem französischen Fernsehreporter wie motorisiert vorkam. Contador, der im Verdacht steht, Kunde des mutmaßlichen Doping-Arztes Eufemiano Fuentes gewesen zu sein, entgegnete daraufhin, dass er doch nur ein menschliches Wesen sei.
Erstaunliche Parallele
Anstatt auf die Auseinandersetzungen mit Armstrong einzugehen, erzählte Contador lieber, dass ihm besondere Genugtuung verschafft habe, das Gelbe Trikot diesmal auf der Straße erobert zu haben – im Gegensatz zu 2007, als er dieses Hemd erhalten hatte, nachdem Michael Rasmussen als Spitzenreiter aus dem Rennen genommen worden war. Der Däne war damals von der Tour de France verbannt worden, weil ihm nachgewiesen worden war, falsche Angaben über seine Aufenthaltsorte gemacht zu haben – für Doping-Kontrolleure war er damit nicht auffindbar gewesen. Contador, dem nachgesagt wird, er wechsle in ein Team, das auf Initiative des Formel-1-Piloten Fernando Alonso durch Renault und die Bank Santander gesponsert werde, mochte den Sonntag aber keineswegs als den schönsten Tag seiner Profi-Karriere bezeichnen. Da erwähnte der Spanier das Jahr 2005, als er – nach schwerer Krankheit – bei einer australischen Rundfahrt Etappensieger geworden war. Wegen einer Gehirnblutung hatte er sich 2004 einer lebensgefährlichen Operation unterziehen müssen. Wie Armstrong kann also auch Contador eine Leidensgeschichte vorweisen; es ist eine erstaunliche Parallele zu dem Amerikaner.
Am Sonntag war Armstrong dem Mann, dem er in der letzten Woche der Tour de France zu Diensten sein muss, wenigstens nach der Ankunft in Verbier um einiges voraus: Armstrong, ständig von Bodyguards begleitet, erreichte das Teamhotel „Castel“ in Sion wesentlich früher als Contador. Dort soll im Übrigen am Abend, wie offenbar sehr aufmerksame Beobachter aus Frankreich mit Erstaunen registrierten, nicht ein einziger Tropfen Champagner geflossen sein.