27.07.2004 · Beim Radrennstall T-Mobile spitzt sich der Streit zwischen Jan Ullrich und Team-Manager Walter Godefroot zu. Nachdem Godefroot dem Radprofi fehlende Professionalität vorgeworfen hatte, kündigte Ullrich Konsequenzen an.
Die Räder drehen sich weiter, nahezu täglich. Die Tage nach der Tour de France sind die Tage des Geldverdienens für die Radprofis, die namhaftesten unter ihnen lassen sich die Auftritte bei den Rennen, den Kriterien, teuer bezahlen. Das ist auch bei Jan Ullrich so, der sich am Montag mit seinen Kollegen von T-Mobile nach der Rückkehr aus Paris in Bonn noch feiern ließ - und nun wieder im Sattel sitzt.
Am Freitag etwa bei der "Nacht von Hannover" und am Sonntag bei einer sportlich deutlich ernsthafteren Prüfung in Hamburg - in der Hansestadt macht an diesem Wochenende der Weltcup Station. Doch es sind keine ungetrübten Tage für Ullrich, vorerst fährt auch der Ärger mit: Es geht dabei um das Verhältnis zwischen Ullrich und Teamchef Walter Godefroot, das stark belastet zu sein scheint. Ullrich artikulierte nun jedenfalls am Montag abend bei "Beckmann" in der ARD seinen Mißmut über den Belgier und kündigte sogar Konsequenzen an, ohne jedoch zu erläutern, wie diese aussehen könnten.
Ullrich fühlte sich von Godefroot offenbar beleidigt
"Ich ärgere mich maßlos", sagte Ullrich, der sich in Hamburg mit "Herrn Godefroot" treffen und die Angelegenheit erörtern will. Die Empörung des 30 Jahre alten Rennfahrers, der die Tour als Vierter beendete, zwei Plätze hinter seinem Teamkameraden Andreas Klöden, entzündete sich an Godefroots Vergleich zwischen Lance Armstrong und Ullrich.
"Armstrong lebt für das Radfahren, Jan fährt Rad, um zu leben. Ich bezweifle, daß Jan von seiner Psyche her überhaupt in der Lage ist, so ein Leben zu führen. Er ist keine Bestie, kein Killer." Das bestätigte Godefroot nun noch einmal: "Dazu stehe ich. Aber ich weiß nicht, was daran schlecht sein soll, wenn ich Jan als Menschen mit ganz normalen Bedürfnissen bezeichnet habe." Ullrich fühlte sich aber durch die Äußerungen von Godefroot offenbar beleidigt: "Herr Godefroot kennt mich ja gar nicht richtig. Wie fleißig ich bin, können nur die Leute beurteilen, die mit mir das ganze Jahr arbeiten. Wie Rudy Pevenage."
„Er hat nicht einmal einen Etappensieg geholt"
Ullrich führte noch einmal seine Grippe als Grund für die schwache Form zu Beginn der Tour und in den Pyrenäen an. Er habe zwar zu Hause in einem eigenen Zimmer geschlafen, dennoch habe er sich bei seiner kleinen Tochter angesteckt. Natürlich wurme es ihn, bei der Tour nicht auf das Podium gekommen zu sein, sagte Ullrich. Er sei aber auch stolz, "daß ich nach Paris gekommen bin." Seine Vorbereitung auf die Tour, behauptete er auch, sei perfekt gewesen. Aber Armstrong sei in diesem Jahr so oder so zu stark gewesen: "Seine Leistung war bemerkenswert." Für unschlagbar aber hält Ullrich den Amerikaner nicht: "Ich bin ein Kämpfer. Im nächsten Jahr greife ich wieder an." Schließlich habe er das Radfahren, so Ullrich weiter, nicht verlernt.
Godefroot hatte noch vor dem Finale der Tour gegenüber französischen Zeitungen kritisch Stellung zu Ullrich genommen. Er hielt dem Rostocker unter anderem fehlende Professionalität vor. Auch über Ullrichs persönlichen Betreuer Pevenage ließ sich Godefroot aus: Er wurde vom "Figaro" mit den Worten zitiert, zu seinem Landsmann Pevenage weder "professionell noch persönlich" Vertrauen zu haben. Seit Pevenage einst das Team Telekom verließ, um weiter an der Seite Ullrichs zu sein, ist der Männerbund Godefroot/Pevenage zerbrochen. Pevenage konnte bei der Tour trotzdem ständig Kontakt zu seinem Partner Ullrich aufnehmen. "Die Abstimmung stimmte", sagte Olaf Ludwig, Sprecher von T-Mobile. Auch gegenüber "L'Equipe" war Godefroot in die Offensive gegangen. Da wies er darauf hin, daß es Ullrich an der richtigen Einstellung und an mentaler Stärke mangele. Godefroot sagte: "Wir haben alles auf Jan ausgerichtet. Er wollte die Tour gewinnen, und er hat nicht einmal einen Etappensieg geholt."
Trennung gilt als unwahrscheinlich
Ludwig versuchte Godefroot am Dienstag in Schutz zu nehmen, indem er behauptete, daß in den französischen Medien die Gespräche mit Godefroot einseitig wiedergegeben worden seien. "Er hackt nicht nur auf Ullrich rum." Ludwig betonte zudem, daß Ullrich bei T-Mobile jedwede Hilfe erhalten habe. "Wir haben ihn unterstützt, wo es nur ging." Ullrichs Manager Wolfgang Strohband warf Godefroot derweil vor, vor einer internen Auseinandersetzung die Öffentlichkeit gesucht zu haben: "Das ist nicht der Stil."
Bei T-Mobile bleibt man hingegen erst einmal defensiv. "Wir halten uns bei dieser Diskussion im Hintergrund und werden jetzt nicht in hektischen Aktionismus verfallen", sagte Unternehmenssprecher Philipp Schindera, der klarstellte, daß Ullrich vertraglich an T-Mobile, die übrigen Fahrer an die Walter Godefroot GmbH gebunden seien. Daß die jüngsten Vorkommnisse zu gravierenden Veränderungen, womöglich gar zu einer Trennung führen könnten, gilt als unwahrscheinlich.