18.07.2010 · Andy Schleck oder Alberto Contador? Der Luxemburger und der Spanier kämpfen um den Sieg. Die Tour de France erwartet von diesem Sonntag an ein spannendes Pyrenäen-Spektakel. Die zwei Hauptdarstellern verkörpern eine besondere Klasse.
Von Rainer SeeleAlberto Contador hatte auf seine Chance gelauert, und er hatte sie entschlossen ergriffen. Er stieg einfach aus dem Sattel, und mit scheinbar leichtem Tritt eilte er Andy Schleck davon. Für den Spanier war damit am Freitag zwar nur ein Bonus von zehn Sekunden gegenüber dem Luxemburger herausgesprungen. Es war trotzdem ein Zeichen seiner Stärke. Und sein Rivale weiß jetzt genau, was von diesem Sonntag an in den Pyrenäen auf ihn zukommen wird – ein Konkurrent, der auf hochalpinem Gelände vermutlich alle Register ziehen wird, um womöglich schon in den nächsten Tagen eine Entscheidung bei der Tour de France herbeizuführen.
Andy Schleck tat so, als hätte ihn die plötzliche Attacke von Contador in Mende nicht aus der Fassung gebracht. Sie habe ihn keineswegs überrascht, behauptete der Luxemburger. Er sagte, dass er auf kurzen Anstiegen im Nachteil gegenüber dem Spanier sei – ihm fehle, so der Luxemburger, der explosive Antritt. Die Tour ist auf alle Fälle zu einem Duell zwischen zwei Radprofis geworden, zu einem Zweikampf zwischen Schleck und Contador.
Der 25 Jahre alte Luxemburger und der zwei Jahre ältere Spanier hatten sich bereits in den Alpen vom Peloton abgesetzt, sie sind allen anderen Fahrern deutlich überlegen. Sie distanzierten den in die Jahre gekommenen und von Doping-Vorwürfen schwer belasteten Lance Armstrong, sie müssen den verletzten Weltmeister Cadel Evans nicht fürchten und nicht den Spanier Samuel Sanchez, der momentan Tour-Dritter ist – Schleck und Contador machen die Sache unter sich aus.
Bemerkenswerte Qualitäten als Kletterer
Der Luxemburger geht allerdings mit weniger Vorsprung als gedacht in die Pyrenäen, die vor 100 Jahren erstmals zum Programm der Tour de France gehört hatten. Der Rückstand des Spaniers auf den Mann im Gelben Trikot beträgt lediglich eine halbe Minute – das bedeutet, dass der Kapitän des Teams Saxo-Bank die Initiative ergreifen muss. Würde Schleck nicht noch mehr Abstand zwischen sich und Contador bringen können, wären seine Hoffnungen auf den ersten Tour-Sieg wohl dahin – im Zeitfahren schließlich verfügt der Spanier, der die Tour bereits zweimal gewonnen hat, über größere Fähigkeiten als sein Widersacher. Die Tour de France hält am vorletzten Tag einen solchen Kampf gegen die Uhr bereit, es geht dabei zwischen Bordeaux und Pauillac über 52 Kilometer.
Schleck und Contador gehören zu den Rennfahrern der jüngeren Generation, sie besitzen bemerkenswerte Qualitäten als Kletterer. Doch viel mehr Gemeinsamkeiten zwischen ihnen gibt es nicht. Contador ist ein introvertierter Mann, bei öffentlichen Auftritten redet er selten Klartext. Er äußert sich dabei auch nur auf Spanisch. Schleck dagegen beherrscht mehrere Sprachen, er ist eloquent und der freundlichen Plauderei sehr zugetan.
Er sagte nun auch, dass er zwar Druck verspüre, er empfindet das aber angeblich nicht als negativ, sondern als einen positiven Antrieb. Andy Schleck, der als talentierter als sein bei der Tour ausgeschiedener Bruder Fränk gilt, hatte sich auch während dieser Frankreich-Rundfahrt nicht vor forschen Bemerkungen gescheut. Er sei noch nie in einer solchen körperlichen Verfassung gewesen, sagte der Luxemburger, „ich bin in der Form meines Lebens“.
Die Unterstützung im Gebirge ist Nebensache
Der Hochbegabte, der 2009 den Frühjahrsklassiker Lüttich–Bastogne–Lüttich für sich entschieden hatte und dann im Juli Zweiter der Tour geworden war, wird sich jetzt in den Pyrenäen beweisen müssen – als Herausforderer eines Profis, der in dieser Saison schon durch mehrere Erfolge auf sich aufmerksam gemacht hat. Contador siegte bei der Algarve-Rundfahrt und bei Paris–Nizza, er ist ja jetzt auch unumstrittener Chef beim Team Astana nach einem Jahr voller Spannungen mit dem Texaner Armstrong.
Das Verhältnis zu dem Kasachen Alexander Winokurow, der nach seiner Doping-Sperre zur Tour de France zurückgekehrt ist und der am Samstag die 13. Etappe für sich entschied, scheint entspannt zu sein – am Freitag jedenfalls, bei der Fahrt zum Flugplatz in Mende, hatte es ein gedeihliches Miteinander gegeben. Contador wird auch bei den kommenden schweren Prüfungen nahe der spanischen Grenze auf die Hilfe von Winokurow setzen – allerdings werden der erfahrene Spanier und auch sein jugendlicher Gegenspieler aus dem Großherzogtum Luxemburg auf sich alleine gestellt sein, sobald es wirklich ernst wird. Die Unterstützung der Kollegen ist auf gebirgigem Terrain letztlich Nebensache.
Nur Bruder Fränk sorgt für dunkle Flecken
Die Tour jedenfalls erwartet in der spannungsgeladenen letzten Woche ein faszinierendes Spektakel, mit zwei Hauptdarstellern, die eine besondere Klasse verkörpern. Vermutlich wird der zum Pathos neigende Tour-Direktor Christian Prudhomme sehr froh sein über diesen vermeintlichen Showdown in den Pyrenäen. Mag sein, dass Frankreich sich jetzt eher auf die Seite des unbekümmert wirkenden Rennfahrers Schleck schlägt, zumal der Luxemburger als eine Art Saubermann betrachtet wird.
Für dunklere Flecken in der Geschichte der sportlichen Familie sorgte bisher nur Fränk Schleck, gegen den die luxemburgische Anti-Doping-Agentur wegen Schlecks Kontakten zu dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes eine Untersuchung eingeleitet hatte – der Fall wurde jedoch zu den Akten gelegt. Contador wird ebenfalls mit der Fuentes-Affäre in Verbindung gebracht, seit längerem schon. Aber für die Tour de France, die auch immer zu Armstrong gehalten hatte, ist das ja nie ein Problem gewesen. Hauptsache, die Protagonisten erledigen ihren Job – möglichst aufsehenerregend.