16.07.2007 · Ein tragischer Unfall hat die Tour de France überschattet. Ein Zuschauer, der mit dem T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz in Tignes kollidierte, erlitt schwere Kopfverletzungen und fiel ins Koma. Zudem musste Kapitän Michael Rogers verletzt aufgeben. Der Däne Michael Rasmussen gewann die Etappe.
Ein tragischer Unglücksfall hat die achte Etappe der Tour de France überschattet und die sportlichen Ereignisse bei der ersten Bergankunft in den Hintergrund gedrängt. Nach einem Zusammenprall zwischen T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz und einem Fan nach Ende der Etappe befand sich der Zuschauer anscheinend in akuter Lebensgefahr. Über die genauen Verletzungen des Mannes gab es zunächst unterschiedliche Angaben. Sinkewitz kam dagegen nach ersten Angaben mit einem gebrochenen Nasenbein davon.
Damit folgte für T-Mobile auf den vorangegangenen Freudentag von Le Grand-Bornand der schwarze Tag von Tignes. Denn nur 24 Stunden nach dem Tour-Etappensieg und der Eroberung des Gelben Trikots durch Linus Gerdemann war der Magenta-Rennstall durch das sturzbedingte Aus von Kapitän Michael Rogers und Sinkewitz' Unfall vom Pech verfolgt. Dass Gerdemann die Gesamtführung trotz tapferen Kampfes knapp an Tagessieger Michael Rasmussen (Dänemark/Rabobank) verlor, geriet angesichts dieser Ereignisse zur Nebensache.
„Patrik hat ernste Kopfverletzungen erlitten“
Die Sorgen galten auch Sinkewitz. „Patrick ist nach der Etappe auf der Rückfahrt ins Mannschaftshotel mit einem Zuschauer zusammengestoßen und hat ernste Kopfverletzungen erlitten“, erklärte T-Mobile-Sprecher Christian Frommert in einer ersten Reaktion. Eine genauere Diagnose sollte nach der Untersuchung im Krankenhaus erfolgen.
Zuvor hatte das Ausscheiden von Rogers den Bonner Rennstall bereits hart getroffen. Der Australier war in der Abfahrt vom Cormet de Roselend rund 60 km vor dem Ziel in eine Leitplanke gestürzt und hatte das Rennen in der Ausreißergruppe um Rasmussen zunächst fortgesetzt. Allerdings machten die Schmerzen durch eine Schultereckgelenkssprengung dem letztjährigen Tour-Zehnten so sehr zu schaffen, dass er nach und nach zurückfiel und das Rennen schließlich 30 Kilometer später aufgab. Auch der in der ersten Tourwoche mehrmals gestürzte Brite Mark Cavendish stieg nach 35 Kilometern aus.
Gerdemann: „Das war ein schlimmer Tag für uns“
Schlimmer erwischte es noch Rogers ebenfalls auf der Abfahrt vom Roselend zu Fall gekommenen Landsmann Stuart O'Grady. Der Paris-Roubaix-Sieger vom CSC-Team erlitt eine Lungenverletzung, fünf Rippenbrüche, drei angebrochene Rückenwirbel sowie einen Bruch des Schulterblattes. O'Grady wurde am Abend zur Überwachung aus dem Krankenhaus von Moutiers nach Grenoble verlegt.
„Das war ein schlimmer Tag für uns“, sagte Gerdemann, für den die eigene sportliche Leistung natürlich in den Hintergrund rückte (Siehe auch: Linus Gerdemann: Gelbes Trikot - weiße Wäsche?). Dabei hatte der 24-Jährige bravourös um die Verteidigung des Gelben Trikots gefightet und am Ende immerhin Platz zwei in der Gesamtwertung behauptet. Zwar liegt der gebürtige Westfale mit nur 43 Sekunden Rückstand auf Rasmussen weiter in Reichweite des Spitzenreiters, doch davon wollte Gerdemann zunächst nichts wissen. „Wir müssen jetzt erst mal abwarten, wie es weitergeht“, sagte der Etappensieger des Vortags. 5:05 Minuten hinter Rasmussen hatte Gerdemann als Zwanzigster das 2068 Meter hoch gelegene Ziel in Tignes erreicht, nachdem er erst zwölf Kilometer vor dem Ziel aus der Gruppe der Favoriten um Andreas Klöden und Alexander Winokurow zurückgefallen war.
„Die Rollenverteilung war von Anfang an klar“
Am Ende der Etappe hatte er 36 Sekunden Rückstand auf die beiden Spitzenfahrer von Astana, die allerdings ihrerseits einiges an Boden auf die schärfsten Konkurrenten verloren hatten. Vor allem Winokurow hatte drei Tage nach seinem Sturz auf der fünften Etappe große Mühe das Tempo der Besten zu halten, während der ebenfalls verletzungsgeplagte Klöden (Steißbein) zurückblieb, um seinen Teamkapitän auf den letzten fünf Kilometern zu unterstützen. „Wino bleibt unsere Nummer eins, diese Rollenverteilung ist auch Andreas von Anfang an klar gewesen“, sagte Astana-Sportdirektor Mario Kummer.
Allerdings werde man die weitere Entwicklung von Winokurows Leistungskurve genau beobachten. „Wenn Andreas in den Pyrenäen stärker ist, bekommt er freie Fahrt.“ Offen ist nunmehr auch die Kapitänsfrage bei T-Mobile. Gerdemann werde man diese Bürde trotz seiner guten Platzierung jedenfalls nicht auferlegen, versicherte Sportchef Rolf Aldag: „Zu einer Leaderrolle gehört mehr als nur schnelles Fahren. Als Kapitän muss man die anderen Fahrer führen und im Rennen Entscheidungen treffen - das werden wir Linus bei seiner ersten Tour sicher nicht zumuten.“
Zabel will Grünes Trikot von 1996 zurückgeben
Am Samstag hatte die Mannschaft von Teamchef Bob Stapleton noch jubeln dürfen, als sich Gerdemann mit einem Husarenritt Etappensieg und Gelbes Trikot sicherte. Immerhin behauptete der Wahl-Schweizer die Führung in der Nachwuchs-Wertung der Tour. Am Montag ist bei der Frankreich-Rundfahrt Ruhetag.
Erik Zabel, der am Sonntag als Flachland-Spezialist keine Rolle spielte, ist unterdessen bereit, sein bei der Tour 1996 gewonnenes erstes Grünes Trikot zurückzugeben. „Darüber hatte ich mir vor dem Start schon Gedanken gemacht. Jetzt ist die Frage da - und es wäre nur ein konsequenter Schritt“, sagte der Berliner, der im Mai Doping gestanden hatte, in einem Interview. Zuvor war Bjarne Riis nach dessen Doping-Geständnis der Sieg von 1996 aberkannt worden.
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