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Tour-de-France-Kommentar Gefährliche Nähe

19.07.2009 ·  Die Tour de France trägt Trauer nach dem Tod einer Zuschauerin. Aber eine Schuld an dem Unglück gibt sie sich nicht. Denn der Radsport ist nicht einzuzäunen. Es grenzt fast an ein Wunder, dass bisher nicht mehr geschah. Und es wird sich nichts ändern.

Von Rainer Seele
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Die Tour hat innegehalten, für einen kurzen Moment wenigstens, ein ungewohnter Augenblick der Stille bei einem lärmenden, schrillen Spektakel. Das Peloton legte eine Schweigeminute ein, bevor es sich am Sonntag auf den Weg nach Verbier machte. Gedenken an eine Frau, die ihr Leben ließ bei der Tour de France, bei einem Zusammenstoß mit einem Polizisten auf einem Motorrad (siehe auch: Sport kompakt: Kiefer scheitert - Iwanow siegt - Pechstein bangt).

Die Tour trug deswegen Trauer, aber sie gab sich keine Schuld an dem tragischen Unglück. Sie hält ihre Sicherheitsvorkehrungen für ausreichend. Aber was heißt schon Sicherheit bei der Tour? Der Radsport ist nicht einzuzäunen, er ist fast an jeder Stelle für jedermann zugänglich, seine Rennen sind offene Veranstaltungen mit Protagonisten zum Anfassen, im wahrsten Sinne des Wortes. Vor allem in den Bergen, wo ständig Hände sich nach den Radprofis recken und mancher Fahrer dadurch schon aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Der Radsport bewegt sich im öffentlichen Raum, er rühmt sich dieser Volksnähe, sie macht seinen speziellen Reiz aus, einen Teil seiner Faszination – doch gleichzeitig ist dies ein großes Dilemma seines Sports. Der unmittelbare Kontakt zum Publikum birgt schließlich beträchtliche Risiken, wie sich in den vergangenen Tagen wieder deutlich zeigte. Mit den Schüssen auf zwei Radprofis, einer ungeheuerlichen Tat offenbar von Jugendlichen. Mit dem Tod einer Zuschauerin, die offensichtlich das Tempo falsch einschätzte, mit dem der Tross der Tour durch die Lande hetzt.

Es hat solche Unfälle immer wieder gegeben bei der Tour, die Karawane ist daraufhin ein wenig verkleinert worden, doch die Kolonne, darunter ein Lindwurm von Werbefahrzeugen, hat immer noch eine beträchtliche Größe. Und letztlich grenzt es fast an ein Wunder, dass es nicht noch öfter zu schweren Zwischenfällen kommt.

Der Radsport möchte berührt werden, er legt es regelrecht darauf an. Und möglichst viele sollen etwas von ihm haben, in diesem Jahr beispielsweise zieht die Tour durch fünf Staaten, sie ist sehr expansionsfreudig, sie möchte ihren Geschäftsbetrieb ausweiten. Sie passiert Großstädte und kleine Orte, sie führt die Fahrer über unwegsames Gelände und durch enge Straßen, und überall lauern Gefahren. Mancher scheint sich am vergangenen Wochenende tatsächlich Gedanken gemacht zu haben über dieses rastlose Treiben mit bisweilen schwerwiegenden Konsequenzen.

Rolf Aldag, ehemaliger Profi und jetzt Sportdirektor des amerikanischen Teams Columbia, sagte, dass er sich doch die Sinnfrage stelle, mitten in der Jagd nach dem Gelben oder dem Grünen Trikot. Aber was soll sich schon ändern? Der Radsport, auch das sagte der Westfale Aldag, wolle nicht werden wie der Fußball, weitgehend abgeschirmt also, durch Gitter getrennt von seiner Kundschaft. Die Risiken, mit denen er behaftet ist, wird der Radsport somit kaum eindämmen können. Und so wird auch die Tour sich ihnen weiter aussetzen. Mit unverändert hoher Geschwindigkeit nach einer kleinen Phase des Innehaltens.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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