22.07.2008 · Bernhard Kohls Aufstieg zum Sieganwärter bei der Tour verblüfft. In seiner Heimat ist der Österreicher ein gefeierter Mann. Gerolsteiner-Teamchef Holczer sieht keinen Grund, an seinem stärksten Fahrer, der früher für Rabobank und T-Mobile unterwegs war, zu zweifeln.
Von Rainer Seele, JausiersEin Leben ohne Berge wird sich Bernhard Kohl kaum vorstellen können; ihn zieht es oft in die Höhe, auch winters. Wenn das Rad zur Seite gestellt werden kann, unternimmt Kohl Skitouren, beispielsweise in den Dolomiten. „Wenn es über 3000 Meter hinausgeht“, sagt der gebürtige Wiener mit Wohnsitz Klagenfurt, „fühle ich mich richtig wohl.“ Die Höhenluft bekommt ihm also, das ist offensichtlich auch in seinem Beruf als Radprofi so.
Kohl jedenfalls galt bisher als die Entdeckung der Tour de France. Als Zweiter des Gesamtklassements hat er lediglich einen Rückstand von sieben Sekunden auf den Luxemburger Frank Schleck. Das verblüfft selbst manche, die vermutlich alle Facetten des Genres kennen. So tat gerade der Amerikaner Lance Armstrong, siebenfacher Sieger der Tour, so, als wäre ein Newcomer in das Establishment des Radsports eingebrochen: „Um ehrlich zu sein, bin ich von Kohl überrascht worden. Ich hatte vor dem Rennen von diesem Kerl noch nie etwas gehört. Wer ist er?“
Früher fuhr Kohl bei T-Mobile und Rabobank
Kohl ist gelernter Schornsteinfeger, seit 2005 verdient er sein Geld als Radprofi, er stand bei T-Mobile unter Vertrag und ist jetzt eines der Aushängeschilder des Teams Gerolsteiner. Und er ist ein gefeierter Mann in seiner Heimat, wo man nicht über allzu viele Sportstars verfügt – und vor einiger Zeit aufgeschreckt wurde durch die Affäre um die Wiener Blutbank, die auch ein Radteam, die niederländische Formation Rabobank, versorgt haben soll. Kohl hatte übrigens einst der Nachwuchsriege der Niederländer angehört.
Von der Stimmung in Österreich hat Kohl in Frankreich inzwischen einiges erfahren. Er erzählt, dass in dem Land bereits von einem Sommermärchen die Rede sei. Was den Fußballspielern bei der Europameisterschaft nicht gelungen ist, soll jetzt der „Bergkönig“ Kohl bewerkstelligen – keine leichte Hypothek. Dabei ist Kohl doch gar kein Mann der großen Worte. „Ich finde, dass ich schon mehr erreicht habe, als ich erwarten durfte.“
Vorbereitung „in der Manier eines Armstrong“
Österreicher hatte man bislang selten in den vorderen Regionen der Tour gefunden. Max Bulla trug als einziger Fahrer des Alpenlandes bisher das Gelbe Trikot; das war 1931. Peter Luttenberger wurde 1996 Fünfter der Tour. Kohl könnte seinen Landsmann nun übertrumpfen. Für T-Mobile hatte Kohl nie die Tour bestritten, stets galt er den Bonnern als nicht gut genug.
Im vergangenen Jahr gab er sein Debüt bei der Tour de France; der Niederösterreicher belegte den 31. Platz. Auf die Frankreich-Rundfahrt 2008 hat sich der 26 Jahre alte Kohl akribisch vorbereitet, er inspizierte beispielsweise auf eigene Faust das Gelände in den Pyrenäen und Alpen. Diese Tour-Vorbereitung kostete 4500 Euro, die Kohl aus eigener Tasche bezahlte. Eine österreichische Zeitung schrieb daraufhin, dass Kohl „fast schon in der Manier eines Armstrong“ vorgegangen sei – ohne vermutlich zu berücksichtigen, dass eine solche Formulierung mehrere Interpretationsmöglichkeiten zulässt.
Kohls Wertschätzung bei anderen Teams wächst
Hans-Michael Holczer, der Chef des Teams Gerolsteiner, hat in den vergangenen Tagen sehr wohl registriert, dass Kohls Aufstieg in diesem Juli manchem doch erstaunlich vorkommt. „Ich wurde in den letzten Tagen oft mit einem gewissen Unterton gefragt, wie unsere Erfolgsserie bei dieser Tour zu erklären ist.“ Holczer versuchte dann, dies mit einer allgemeinen Veränderung im Radsport zu begründen, auch mit dem Fehlen einer dominanten Figur im Peloton – und tatsächlich trennen den Luxemburger Schleck nur 49 Sekunden vom Vierten getrennt, dem Spanier Carlos Sastre. Auf alle Fälle betonte Holczer, „dass es für mich nicht ein Promille gibt, das mich an meiner Mannschaft zweifeln lässt“. Er ist – im Gegenteil – hochzufrieden mit ihr und sagt, dass ihr Wert bei der Tour de France deutlich gestiegen sei.
Jener von Kohl, der mit eher unauffälliger Attitüde und mit konstantem Tempo durch das Gebirge fährt, wuchs natürlich auch. Und schon wird der Klagenfurter mit der belgischen Sportgruppe Silence-Lotto in Verbindung gebracht, deren Kapitän der Australier Cadel Evans ist. Das Team sucht noch bergfeste Profis, und Kohl scheint ein geeigneter Kandidat zu sein. Er ist ja auch ein Mann, der seiner Rennmaschine in besonderer Weise huldigt. So hat der Österreicher seiner Präsentation im Internet diesen Spruch vorangestellt: „Das Fahrrad ist ein kurioses Vehikel. Sein Passagier ist zugleich sein Motor.“ Als solcher funktioniert Bernhard Kohl im Juli 2008 äußerst zuverlässig.