28.07.2008 · Sie waren die unerwarteten Höhenflüge der Tour. Bernhard Kohl, der Bergkönig, und Stefan Schumacher, der Zeitfahrsieger, sind die frohen Botschaften für den deutschen Radsport. Nun soll Letzterer auch bei Olympia in Peking auftrumpfen.
Von Rainer Seele, ParisAlles traumhaft, natürlich: Bernhard Kohl, Stefan Schumacher, zwei unerwartete Höhenflüge bei der Tour de France. Der deutsche Radsport hat damit Zeichen gesetzt, Chapeau! Kohl, der neue „Berg-König“, ist zwar Österreicher, aber auch Mitglied des Teams Gerolsteiner, weswegen sein plötzlicher Aufstieg bei der Tour auch eine deutsche Komponente hat.
Am Samstag hatte der Nürtinger Schumacher seinen zweiten Coup in einem Zeitfahren gelandet, und Kohl festigte an diesem Tag seinen dritten Platz im Gesamtklassement hinter Carlos Sastre und Cadel Evans. Da auch dem Chemnitzer Marcus Burghardt vom Team Columbia ein Etappensieg gelungen war, meldete sich Rudolf Scharping, der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, umgehend mit einer frohen Botschaft zu Wort: „Das war eine für die deutschen Fahrer und Teams ungewöhnlich erfolgreiche Tour. Das macht Mut für Olympia.“
„Kein Promille Zweifel“ an der Tour-Mannschaft
Schumacher beispielsweise wird man tatsächlich wieder sehen in Peking - mit dem Schwaben, der bei der Tour vorübergehend das Gelbe Trikot trug, soll nun auch im olympischen Kampf gegen die Uhr zu rechnen sein. Dass ihm mancher in den zurückliegenden Wochen in Frankreich allerdings eher reserviert gegenüberstand, muss man verstehen.
Schließlich war der nun stark auftrumpfende Profi im Jahr 2007 durch auffällige Blutwerte ins Gerede gekommen, außerdem waren nach einem Autounfall unter Alkoholeinfluss Amphetamine in seinem Körper entdeckt worden. Hans-Michael Holczer, der Chef des Teams Gerolsteiner, betonte jedoch, „kein Promille Zweifel“ an seiner Tour-Mannschaft gehabt zu haben. Schumacher war von den Doping-Kontrolleuren bei der Tour häufig getestet worden.
Zabel: „Er hätte hier die besten Möglichkeiten“
Sein österreichischer Mitstreiter Kohl war am Samstag nach dem 53 Kilometer langen Zeitfahren zwischen Cerilly und Saint-Amand-Montrond erst mal platt. Sein Kreislauf brach zusammen, weil Kohl seine Grenzen in diesem Wettbewerb offensichtlich überschritten hatte. Als der Klagenfurter wieder auf den Beinen war, beschrieb er sein Tour-Glück so: „Absoluter Wahnsinn.“
Allerdings könnte die Frankreich-Rundfahrt 2008 auch eine deutsche Abschiedstour gewesen sein. Für den 38 Jahre alten Erik Zabel war die 14. Tour-Teilnahme womöglich die letzte; sein Vertrag mit dem Team Milram läuft nach dieser Saison aus. Vielleicht, sagte Zabel, werde er bald Privatmann sein. Der Berliner musste zwar die Dominanz von jungen Sprintern wie Mark Cavendish anerkennen, grundsätzlich aber bewies er ein beträchtliches Stehvermögen. Sollte Milram, das generell aufrüsten möchte, Gerald Ciolek vom Team Columbia verpflichten, wäre Zabels Weiterbeschäftigung als eine Art Lehrmeister für Ciolek denkbar. Zabel empfahl dem aufstrebenden Profi, Zweiter der letzten Etappe hinter dem Belgier Gert Steegmans, jedenfalls einen Wechsel. „Er hätte hier die besten Möglichkeiten.“
Holczers Team als „Filetstück“ des Radsports
Noch unklar ist, ob es eine Perspektive für Holczers Equipe gibt, die Suche nach einem neuen Hauptsponsor blieb bisher trotz bemerkenswerter sportlicher Resultate ergebnislos. Der vierte (entdeckte) Doping-Fall wird Holzcers Chancen eher noch reduzieren. Kurz nach Ende der Tour wurde bekannt, dass der Kasache Dimitri Fofonov positiv auf ein Stimulanzmittel getestet worden ist.
Dabei bezeichnet Holczer sein Team gerne als ein „Filetstück“ des Radsports. Er glaubt sogar, dass der Rennstall - sollte der Betrieb eingestellt werden müssen - im Nachhinein Kultstatus erlangen könnte. Holczer sprach in diesem Zusammenhang von einem James-Dean-Effekt. Der deutsche Radsport hat wirklich aufwühlende Tage hinter sich.