Home
http://www.faz.net/-gub-6k08c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tour de France Im Schatten der Legenden

20.07.2010 ·  Bernard Hinault und Laurent Fignon waren einst die strahlenden Tour-Helden der Franzosen. Die aktuelle Radfahrer-Generation kommt an ihnen nicht vorbei. Und Hinault urteilt hart: „Sie verdienen zu viel und strengen sich zu wenig an.“

Von Rainer Seele, Bagneres-de-Luchon
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (1)

Bernard Hinault steht immer auf dem Podium, Tag für Tag. Er repräsentiert, er schüttelt Hände, und wer bei der Tour de France ins Rampenlicht rückt, kommt an Hinault nicht vorbei. Auch Laurent Fignon begleitet die Tour, er ist fast täglich von einem großen Publikum zu hören. Fignon arbeitet als Kommentator für den französischen Fernsehsender France 2. Hinault und Fignon stehen für die große Zeit des französischen Radsports, der eine hat die Tour fünfmal gewonnen, der andere zweimal. Sie sind Legenden in ihrer Heimat. Allerdings liegt Hinaults letzter Triumph schon lange zurück, genau ein Vierteljahrhundert. Seitdem hat kein Profi der Grande Nation dieses Rennen mehr beherrschen können.

Immerhin gibt es immer wieder kleine Lichtblicke, zuletzt am Montag, als Thomas Voeckler den fünften französischen Etappensieg bei dieser Tour errang. Hinault gratulierte herzlich, er ist inzwischen für das Begrüßungszeremoniell zuständig. Auch Fignon dürfte Genugtuung empfunden haben, aber er ist nicht immer gut zu verstehen. Fignon spricht mit brüchiger Stimme. Er leidet an Bauchspeicheldrüsenkrebs, ein Tumor drückt auf seine Stimmlippen. Er ist schwer gezeichnet von den Behandlungen.

Eine feste französische Größe bei der Tour ist nur Hinault

So ist eine eigenartige französische Melange bei dieser Tour de France entstanden. Mit Hinault, der einen Mythos verkörpert, mit Fignon, dessen Gesundheitszustand arge Beklemmung auslöst, mit französischen Rennfahrern, die es den Protagonisten von einst nicht nachmachen können – doch sie geben der Tour 2010 wenigstens eine gewisse französische Note. Das war bei Riblon so und zuvor bei Sylvain Chavanel, der vorübergehend das Gelbe Trikot trug. Das ist auch der Fall bei Anthony Charteau, dem derzeit – nach Punkten – besten Kletterer der Frankreich-Rundfahrt. Charteau ist damit regelmäßig Gast bei Hinault.

Aber eine wahre feste Größe bei der Tour ist doch nur der Mann, der „Dachs“ genannt wurde wegen seiner Schlauheit. Hinault hat seine neue Rolle längst verinnerlicht bei dem Rennen, das er zuletzt 1985 für sich entschieden hatte. Vielleicht sehnt sich der Bretone wirklich nach einem würdigen Nachfolger, jedenfalls befeuert der ehemalige Champion immer wieder die Diskussionen um seine Erben – mit teilweise sehr kritischen Äußerungen. So glaubt er, dass es den französischen Fahrern an Leidenschaft mangelt, Hinault unterstellt seinen Nachfolgern sogar eine Beamtenmentalität, er spricht von einem gesellschaftlichen Problem. Man müsse ihnen ein Messer an die Kehle setzen, um Ergebnisse zu bekommen, sagte Hinault. „Sie verdienen zu viel und strengen sich dafür zu wenig an.“

Fignon führt einen verzweifelten Überlebenskampf

Das ließe sich natürlich ändern, der Mann aus der Bretagne schlägt vor, einen Teil des Gehaltes erst bei einem Erfolg auszuzahlen. „Wahrscheinlich hat es die Natur gut mit mir gemeint“, sagte Hinault, „aber ich habe auch alles für den Sport getan. Einige meiner Landsleute haben vielleicht die Qualitäten, aber sie tun nichts dafür, um auch dahin zu kommen.“ Auf die Stufe also, die er selbst erreicht hatte.

Frankreich ist zwar keineswegs am Boden, aber die Sehnsucht der Franzosen nach einem Profi, der sich zum Patron des Pelotons aufschwingen könnte, wird sich so bald nicht erfüllen. Mancher sieht die Flaute sogar im Jahr 1998 begründet, als die französischen Fußballspieler Weltmeister geworden waren. Danach, heißt es, sei die Jugend ein wenig auf Distanz zum Radsport gegangen. Somit können die Franzosen bei der Tour nur darauf setzen, dass einer ihrer Profis – wie Riblon in den Pyrenäen – sein Heil in der Flucht sucht. Und damit zumindest an einem Tag aus der Masse herausragt. John Gadret, Frankreichs Bester in der Gesamtwertung der Tour, lag nach vierzehn Etappen auf Platz 23; er hatte mehr als dreizehn Minuten Rückstand auf den Luxemburger Andy Schleck und den Spanier Alberto Contador, die ein einsames Duell bei der Tour de France austragen.

Fignon hatte seine Blüte in den Jahren 1983 und 1984, 1989 verlor er die Frankreich-Rundfahrt um acht Sekunden gegen den Amerikaner Greg Lemond. Im vergangenen Jahr, als er ein Buch mit dem Titel „Wir waren jung und unbekümmert“ veröffentlichte, hatte Fignon Doping gestanden. Mag sein, dass seine schwere Krankheit mit dem Missbrauch in Verbindung steht, erwiesen ist es nicht. Der Franzose ließ sich von einem Logopäden behandeln, um die Tour am Mikrofon verfolgen zu können. Er liebe den Radsport und die Tour de France immer noch, wird berichtet, das motiviere ihn. Aber Fignon führt einen verzweifelten Überlebenskampf, in diesen Tagen sogar sehr öffentlich. Frankreich lauscht, wenn Fignon redet. Frankreich sieht zu, wenn der allgegenwärtige Hinault seine Honneurs macht. Und Frankreich freut sich über kleine Glücksmomente bei der Tour de France im Schatten der Besten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1957, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Improvisieren unter Zeitdruck

Von Michael Ashelm

Die Nationalelf setzt darauf, dass die frustrierten Münchner ihr neuen Anschub geben. Über genug Turniererfahrung und Reife verfügen die Leistungsträger. Zudem ist es ja nicht so, als hätten die Gegner keine Sorgen. Mehr 1