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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Tour de France Gefährliche Nähe

 ·  Der Radsport rühmt sich seiner Volksverbundenheit. Sie macht seinen speziellen Reiz aus, ist aber gleichzeitig auch ein großes Dilemma. Die Nagelattacke bei der Tour de France zeigt, wie ungeschützt die Radprofis ihrer Arbeit nachgehen.

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© WITTERS Die Tour-Karawane kommt: Nicht immer geht alles so geordnet zu, der Grat zwischen Begeisterung und Wahnsinn ist manchmal schmal

Ein Städtchen irgendwo in Frankreich, es hat sich herausgeputzt für das größte Ereignis des Jahres, es ist außer Rand und Band. Ausnahmezustand wegen einer schillernden Karawane, wegen der Tour de France, die mit Getöse in den Ort einfällt. Und die Chance bietet, im wahrsten Wortsinn nach den Stars zu greifen, eine einmalige Gelegenheit. Die Rennfahrer bahnen sich, nachdem sie das Ziel erreicht haben, mühsam ihren Weg zu den Transportern ihrer Mannschaften, die in einer schmalen Straße stehen, es herrscht ein Gedränge wie auf einem Basar. Zugriff! Ein Fan reißt einem Profi vom Team Katjuscha kurzerhand die Rückennummer ab, offensichtlich ein begehrtes Sammlerstück. Cadel Evans sitzt im Eingang des Teambusses, vor sich einen Wall von Kameras und Mikrofonen, er gibt Interviews.

Er ist ungeschützt, wie sein Katjuscha-Kollege, jederzeit könnte ein Zuschauer auf ihn zutreten, es ist eine Besonderheit des Radsports. Kaum vorstellbar, dass sich ein namhafter Fußballprofi, direkt nach einem Spiel, sich einer solchen Situation aussetzen würde. Evans zieht sich nach einer Weile zurück, vielleicht fühlte er sich behelligt, allerdings hätte dies nur an den Fragen der Journalisten liegen können. Wenige Tage später ist der Australier, Tour-Sieger von 2011, aber tatsächlich Opfer. Getroffen von einer perfiden Attacke, die zeigt, wie gefährlich die Nähe zwischen Profis und Publikum sein kann im Radsport, der sich im öffentlichen Raum bewegt und fast an jeder Stelle für jedermann zugänglich ist.

Anzeige gegen Unbekannt

Ein Nagel-Angriff also. Chaos auf der 14. Etappe der 99. Tour, verzweifelte, um Hilfe rufende Fahrer am Straßenrand. Unter ihnen Evans, der Vierte der Gesamtwertung. Plötzlich war die Luft raus, dreimal innerhalb von zehn Minuten musste der Kapitän des BMC-Rennstalls einen Reifen wechseln. Eine Nervenprobe für ihn und andere, ebenfalls in Mitleidenschaft gezogene Fahrer. Rückstand auf die Favoriten der Tour, auf Bradley Wiggins vor allem, den Mann in Gelb. Das Team musste sich für Evans ins Zeug legen, ihn wieder an Wiggins und Co. heranführen. Das gelang immerhin, auch weil im Peloton, der Fairness gehorchend, das Tempo gedrosselt wurde. Mit Wiggins als Vorreiter.

Das brachte ihm, auch in seiner Heimat, große Anerkennung ein. Er habe, so schrieb die britische Zeitung „Independent“, den schwarzen Tag bei der Tour „mit Sportsgeist“ gerettet. Wiggins hatte selbst einen Plattfuß am Sonntag, ebenso der Berliner Jens Voigt. Sie alle kamen glimpflich davon, bis auf den Kroaten Robert Kiserlowski, der bei einem Sturz einen Schlüsselbeinbruch erlitt. Der Tour-Veranstalter Aso erstattete nach dem „Sabotageakt“ an der Mur de Péguère Anzeige gegen Unbekannt, die Staatsanwaltschaft von Foix leitete Ermittlungen ein.

Ein Verstoß gegen den Kodex

Der Tour-Tross schwankte zwischen Fassungslosigkeit und Wut. „Jemand, der Nägel auf eine Abfahrt wirft, auf der Rennfahrer mit 80 Stundenkilometer herunterrasen, ist ein Krimineller“, sagte erregt John Lelangue, der Sportdirektor des BMC-Teams. „Was für ein Drecksack wirft denn Nägel auf die Straße des größten Radrennens der Welt?“, twitterte Weltmeister Mark Cavendish, der wie Wiggins beim Team Sky unter Vertrag steht. Auch Voigt machte klar, dass dieser Anschlag auf die Tour fatale Folgen hätte haben können. „Ich glaube, das war einer mit einem besonders kranken Sinn für Humor. Der hat die lebensgefährlichen Konsequenzen gar nicht bedacht.“

Der Zorn der Profis richtete sich am Sonntag aber auch gegen einen der Ihren, gegen den Franzosen Pierre Rolland, der einen Ausreißversuch unternahm – trotz des Malheurs vieler Fahrer und obwohl die Führenden, unter ihnen der spätere Etappensieger Luis-Leon Sanchez aus Spanien, bereits uneinholbar enteilt waren. Rolland verstieß damit gegen einen Ehrenkodex. Der Franzose kam jedoch nicht weit, er wurde vom Feld wieder gestellt. Und mit Missachtung gestraft. „Buh für diese Aktion“, twitterte Voigt, „das ist niveaulos.“

Plattfuß durch eine Nagelattacke: Cadel Evans bekommt endlich Hilfe © dpa Plattfuß durch eine Nagelattacke: Cadel Evans bekommt endlich Hilfe

Der Radsport rühmt sich seiner Volksverbundenheit, sie macht seinen speziellen Reiz aus. Doch gleichzeitig ist dies ein großes Dilemma dieses Sports. Der unmittelbare Kontakt zur Öffentlichkeit birgt schließlich beträchtliche Risiken, zu sehen nicht zuletzt bei der Tour, die immer wieder von Zwischenfällen betroffen war. 1904 lagen auf der fünften Etappe zwischen Nantes und Bordeaux ebenfalls Nägel auf der Straße. Begleitfahrzeuge gab es noch nicht. Und so schlingerte der spätere Tour-Sieger Henri Cornet mit platten Reifen ins Ziel; er hatte 40 Kilometer mit diesem Handicap zurücklegen müssen. 1999 prallte der Italiener Giuseppe Guerini beim Anstieg nach Alpe d‘Huez mit einem Mann zusammen, der fotografierend auf die Strecke gelaufen war; Guerini rappelte sich aber wieder auf und gewann die Etappe.

Künstlerische Einlagen und bitterer Ernst

Voigt erzählte nun, ebenfalls auf 1999 bezogen, dass sogar schon Tränengas gegen die Profis eingesetzt worden sei. „Jemand hatte etwas von einer Brücke gesprüht. Uns allen brannten ganz fürchterlich die Augen.“ Im Jahr 2009 wurden der Spanier Oscar Freire und Julian Dean aus Neuseeland von Jugendlichen mit Luftgewehren beschossen. 2011 wurde der Niederländer Johnny Hoogerland von einem Wagen eines TV-Unternehmens gerammt und in einen Stacheldrahtzaun geschleudert; er kam trotz vieler Wunden in Paris an. Hoogerland, der als Folge des Unfalls angeblich immer noch an Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit und Stimmungsschwankungen leidet, will jetzt gegen die Firma klagen.

Zynisch – oder doch vertretbar als amüsante Fußnote? Die schweren Turbulenzen vom vergangenen Sonntag hatten zumindest für die Zeitung „L‘Equipe“ auch eine heitere Seite. Es ging dabei um Jim Ochowicz, den Manager von BMC. Als er Evans bei einem seiner Reifenschäden schnell helfen wollte, rutschte er in den Straßengraben und kam nur mühsam wieder auf die Beine. „L‘Equipe“ gab Ochowicz dafür in ihrer Extra-Rubrik „Noten des Tages“ zehn von zehn möglichen Punkten, für die besonders künstlerische Einlage. Ochowicz und Evans dürften in ihrer Not jedoch kaum geschmunzelt haben.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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