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Tour de France Freie Fahrt für Klöden nach dem Fall des Kapitäns

17.07.2007 ·  Bis Montag war der verletzte Kapitän von Astana, Alexander Winokurow, noch oben in der Hierarchie. Am Dienstag jedoch änderte sich dies: Helfer Andreas Klöden wartete nicht, sondern zog davon. Nun sieht der Deutsche Chancen auf den Sieg bei der Tour de France.

Von Rainer Seele, Briancon
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Das Gehen bereitet Alexander Winokurow sichtlich Schwierigkeiten, er zieht das linke Bein nach. Offensichtlich eine Folge der Knieverletzungen, unter denen der Kasache leidet. Aber bis zum Montag wenigstens hatte sich noch nichts geändert an der Hierarchie beim Team Astana, der hinkende Winokurow wurde bis dahin weiterhin uneingeschränkt als Kapitän betrachtet. Auch sein Partner Andreas Klöden sah das so, jedenfalls machte er keine Andeutungen, einen Platz vorrücken zu wollen: an die Spitze seines Teams.

Am Dienstag jedoch, zum Abschluss des Alpen-Intermezzos bei der Tour de France, haben sich die Verhältnisse endgültig gewandelt: Da wartete Klöden nicht mehr auf Winokurow, der während der neunten Etappe der Tour in die Bredouille geriet und auch vom Tour-Arzt behandelt werden musste. Beim Anstieg zum 2645 Meter hohen Galibier fiel der angeschlagene Winokurow zurück, Klöden zog davon. Er erreichte als Neunter das Ziel in Briancon, 46 Sekunden hinter Sieger Juan Mauricio Soler Hernandez aus Kolumbien.

Astana: „Andreas Klöden hat nun alle Freiheiten“

Winokurow war etwa zweieinhalb Minuten langsamer als der Deutsche. In der Gesamtwertung liegt er nun 8:05 Minuten hinter dem weiterhin führenden Michael Rasmussen. Der Traum vom Toursieg ist endgültig geplatzt. Und so wirkte der Kasache im Ziel wie ein Häufchen Elend, weinte sogar - er war desillusioniert. Am Wochenende war Klöden noch treu an der Seite des Kapitäns geblieben. Obwohl er, trotz seiner Blessur am Steißbein, in besserer Verfassung zu sein schien als Winokurow.

Der Deutsche jedoch stellte sich, wohl auf Anordnung seines Rennstalls, in den Dienst des Kasachen, der geholfen hatte, das Team Astana aufzubauen. Schon vor dem Dienstag war allerdings klar gewesen, dass im Fall des Falles die auch von Konkurrenz kritisch beobachtete Mannschaft von Astana ihre Strategie schnell würde modifizieren können - zugunsten von Klöden: „Wino bleibt unser Kapitän, aber Klöden hat nun alle Freiheiten“, sagte Sportdirektor Mario Kummer.

Rückstand von 3:50 Minuten auf das Gelbe Trikot

Der Deutsche wurde von manchem im Peloton ohnehin als aussichtsreicher eingestuft als Winokurow, zumal er im Zeitfahren über größere Qualitäten verfügt als der offizielle Anführer der kasachischen Equipe. Klöden hatte zuletzt nur gesagt, darauf zu hoffen, „dass wir wieder eingreifen können“. Dass es mit Winokurow und ihm also wieder aufwärts geht. Und Klöden hatte am Montagabend auch betont, dass immer noch die Chance bestehe, „die Tour zu gewinnen“. Das ist, auf Astana bezogen, nur noch für Klöden möglich. Er hat einen Rückstand von 3:50 Minuten auf den Dänen Rasmussen im Gelben Trikot.

Andere Rennställe können ihr Konzept nicht so flugs umstellen, ohne ihre ursprünglichen Ziele aus den Augen zu verlieren. Sie müssen, fällt ihr Kapitän aus, ihre Ambitionen zurückschrauben. So verhält sich das jetzt beispielsweise bei T-Mobile, das seit Sonntag nur noch mit sechs Fahrern bei der Tour vertreten ist. Unter anderen fehlt nun wegen einer Schultereckgelenkssprengung Michael Rogers. Der Australier war bis zu seinem Malheur der Kopf der Bonner.

Aldag: „Wir schützen ihn so gut wie möglich“

Zwar gehörte er nicht zum Kreis der Tour-Favoriten; Rogers war jedoch zugetraut worden, den Sprung unter die ersten Zehn zu schaffen. Einen wirklichen Nachfolger für den Australier gibt es nicht: An seine sportlichen Fähigkeiten reicht, wie es scheint, kein anderer Profi von T-Mobile heran. Die Bonner hüteten sich auch davor, Emporkömmling Linus Gerdemann als neuen Kapitän zu installieren. Dies hätte bedeutet, so Sportdirektor Rolf Aldag, dem jungen Münsteraner „großen Druck und viel Arbeit“ aufzubürden.

Dem will T-Mobile Gerdemann noch nicht aussetzen. Allerdings sollte er „alle Unterstützung“ bei der Verteidigung des Weißen Trikots bekommen. „Wir schützen ihn so gut wie möglich“, sagte Aldag. Am Dienstag aber funktionierte das nicht. Gerdemann wurde in dieser Wertung von dem Spanier Alberto Contador von Discovery Channel überflügelt, einem Mann, der Kontakt zu dem spanischen Blutdopingspezialisten Eufemiano Fuentes gehabt haben soll.

„Merckx als dritter sportlicher Leiter auf dem Rad“

Ohne Führung ist T-Mobile gleichwohl nicht nach dem unfreiwilligen Ausstieg von Rogers. Der Belgier Axel Merckx, 34 Jahre alt, fungiert nun gewissermaßen als Ordnungshüter im Feld. Der Sohn des belgischen Radsportidols Eddy Merckx war bereits achtmal bei der Tour de France gestartet, er verfügt mithin über reichlich Erfahrung. Von ihm wird jetzt erwartet, die geschrumpfte Gemeinschaft von T-Mobile durch die zweite Hälfte der Tour zu lotsen. Weil er angeblich alle Gegebenheiten genau kennt; weil er, so Aldag, „jede Situation abgespeichert hat“; und weil er wegen seiner Erfahrung „nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn ins Mikrophon brüllt“.

Salopp bezeichnete Aldag den Belgier „als dritten sportlichen Leiter auf dem Rad“. Freilich soll Merckx auch imstande sein, während einer Etappe ohne Rücksprache mit seinem Team Entscheidungen zu treffen. Über mögliche Attacken zum Beispiel oder auch eine defensive Fahrweise. Merckx war einst schon für das Team Telekom gefahren. Im vergangenen Jahr hatte er spezielle Erkenntnisse bei der Tour sammeln können: Da stand der Belgier beim Team Phonak unter Vertrag, das schließlich nach dem Dopingskandal um den Amerikaner Floyd Landis aufgelöst wurde.

„Er hätte dann logischerweise freie Fahrt“

Merckx wurde offiziell zum Ratgeber befördert. Aber auch für andere Rennfahrer von T-Mobile stellt sich die Lage nun neu dar: Sie haben die Freiheit, in günstigen Augenblicken anzugreifen, ohne auf einen Patron im Team Rücksicht nehmen zu müssen. Aldag verwies dabei etwa auf den Luxemburger Kim Kirchen: „Er hätte logischerweise freie Fahrt.“ Und vielleicht die Aussicht, zumindest an einem Tag eine exponierte Rolle einzunehmen.

Einen starren Plan also besitzt T-Mobile mit einem halben Dutzend Profis nicht mehr. Es setzt künftig bei der Tour auf Überraschungseffekte. Ein Umdenken, das sich zwangsläufig ergab. Nun ist, auf andere Art und auf anderem Niveau, auch Astana dazu gebracht worden. Es kann mit allen Neunen nicht mehr die kasachische Linie verfolgen, es muss auf die deutsche Karte setzen.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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