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Tour de France Es wartet noch der Mont Ventoux

24.07.2009 ·  Die Freitagsetappe mit dem fünften Sieg von Mark Cavendish brachte keine Veränderung im Gesamtklassement der Tour de France. Alberto Contador sieht wie der Sieger aus. Aber er muss noch hinauf auf den furchteinflößenden Mont Ventoux.

Von Michael Eder, Bedoin
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Sie haben 3300 Kilometer überstanden, Hitze und Wind, wahnsinnige Sprints und fürchterliche Stürze, drei Zeitfahren, zwei Bergankünfte. Immerhin noch 158 Fahrer haben am Freitag auch die 19. Etappe von Bourgon Jallieu nach Aubenas bewältigt, die beim fünften Etappensieg von Mark Cavendish im Sprint gegen Thor Hushovd und den Deutschen Gerald Ciolek (siehe: FAZ.NET-Tour-de-France-Liveticker) keine Veränderungen im Gesamtklassement lieferte (siehe: Tour de France: Gesamtwertung).

Und jetzt, zum Showdown dieser Tour de France, fahren sie in der Provence auf diese fürchterliche Wand zu, die mitten in der lieblichsten Landschaft steht: den Mont Ventoux, 1912 Meter hoch, den Riesen der Provence. Hier wird an diesem Samstag die Tour de France entschieden, ehe sie tags darauf mit einem Schaulaufen nach Paris endet. Der Spanier Alberto Contador hat seit dem Zeitfahren am Donnerstag einen Vorsprung von 4:11 Minuten auf Andy Schleck, er hat diese Tour in den Anstiegen der Alpen und Pyrenäen beherrscht und darf sich wie der kommende Sieger fühlen. Doch bei aller Stärke: Er hat es noch nicht geschafft.

„Du kannst am Fuße des Ventoux wie der sichere Sieger aussehen und am Gipfel alles verloren haben“, sagt Bernard Hinault, der die Frankreich-Rundfahrt fünfmal gewann. Auch Tour-Direktor Christian Prudhomme würde vieles auf Contador setzen, aber nicht alles. „Es spielt keine Rolle, welchen Vorsprung er hat, er muss mit Angst und Demut in den furchteinflößendsten Anstieg dieser Tour fahren.“ Auch Contador weiß um die Gefahr: Im Frühjahr sah er bei der Etappenfahrt Paris-Nizza schon einmal wie der sichere Sieger aus, erlebte dann aber auf der vorletzten Etappe einen schweren Einbruch, der ihn den Gesamtsieg kostete. In der mehr als hundertjährigen Geschichte der Tour de France steht der Mont Ventoux den Fahrern erst zum siebten Mal im Weg, was daran liegt, dass auf seinem Gipfel kein millionenschweres Wintersportzentrum thront wie in Alpe d'Huez, sondern nur eine Wetterstation und der Kiosk von Madame Brusset.

Fans warten seit Tagen

Die Fans warten seit Tagen auf die Rennfahrer, es sind Tausende unten in Bedoin, dem Ort, an dem der 22 Kilometer lange Anstieg beginnt, und am Renntag werden 500.000 am Berg erwartet, die meisten oben auf den letzten sechseinhalb Kilometern, wo der Ventoux seit der für den Schiffsbau an der Mittelmeerküste erfolgten Rodung in früheren Jahrhunderten ausschaut wie eine riesige Geröllhalde, eine Mondlandschaft, schroff und menschenfeindlich, aber auch betörend und grandios. Hier oben, wo es Tage gibt, an denen der Mistral allzu mutige Radfahrer einfach von der Straße bläst, wo am Donnerstag fast vierzig Grad gemessen wurden, hier wollen die Fans Helden sehen, wollen Augenzeugen von Leistungen werden, die sich nur an Ort und Stelle erfühlen lassen, Leistungen, die das Fernsehen nicht vermitteln kann.

Es ist für die Kameras unmöglich, die Steilheit dieser Straße abzubilden, nur wer an der Strecke steht oder schon einmal mit dem Rennrad hinaufgefahren ist, hat einen Eindruck, wie unfassbar es ist, was die Fahrer hier leisten. Wie unglaublich.

22 Kilometern, 1610 Höhenmeter, 9,1 Prozent Steigung

Unglaublich. Das ist das entscheidende Wort. Das Wort, um das sich im Radsport alles dreht. Jeder hier am Berg weiß oder ahnt es wenigstens: Es ist menschenunmöglich, diesen Anstieg mit dem Rad in weniger als einer Stunde hinaufzufahren, in einem Tempo, als säße man auf einem Moped. Das sind die nackten Zahlen: Von Bedoin aus überwinden die Fahrer auf 22 Kilometern 1610 Höhenmeter, die durchschnittliche Steigung beträgt 7,6 Prozent, aber das täuscht. Die ersten fünf Kilometer hinter Bedoin sind ein flacher Anlauf, auf den restlichen 17 Kilometern beträgt die Steigung 9,1 Prozent, der Anstieg ist deshalb besonders gnadenlos, weil er absolut gleichmäßig ist, ohne eine einzige flachere Passage zum Durchatmen.

Natürlich kann man hier mit dem Rennrad hinauffahren, jeder gut trainierte Amateur kann das, er braucht dafür rund zwei Stunden. Die Profis aber sind nach der Hälfte der Zeit oben. Der Rekord liegt bei 55:51 Minuten, aufgestellt 2004 vom Basken Iban Mayo. Mit welchem Treibstoff er damals unterwegs war, kann sich jeder denken: 2007 wurde Mayo als Epo-Doper überführt.

Und immer wieder Dopinggerüchte

An diesem Samstag wird Contador als Erster oben erwartet, der Spanier steht in dringendem Verdacht, Kunde des Madrider Doping-Arztes Fuentes gewesen zu sein. Wie kann man ihm, wie kann man den anderen Topfahrern trauen? Contadors Astana-Kollege Lance Armstrong bringt es auf sechs positive Doping-A-Proben, sein Helfer Andreas Klöden soll laut Freiburger Untersuchungskommission 2006 zum „Blutwechsel“ an die Freiburger Uniklinik gekommen sein, der Spanier Carlos Sastre hat das Geschäft beim Team Once und dessen Leiter Manolo Sainz gelernt, einem Mann, der 2006 auf dem Weg zu Fuentes festgenommen wurde - mit 60 000 Euro im Gepäck, Bares für Doping, wie man annimmt.

Fix am Berg sind auch die Brüder Frank und Andy Schleck aus Luxemburg, die im Saxo-Team des ehemaligen Tour-Siegers und Extrem-Dopers Bjarne Riis fahren. Fränk Schleck war überdies Kunde von Fuentes, belegt ist dies durch eine Überweisung von 7000 Euro an den spanischen Blutpanscher aus dem Jahr 2006.

Sieger werden so lange nicht sauber sein, wie es den Mont Ventoux

Contador, Armstrong, Klöden, Schleck eins, Schleck zwei, Sastre - jeder Radsportfan kennt ihre Geschichte, ihre zweifelhafte Reputation, und doch jubeln die Leute den Spitzenfahrern zu, wenn sie an ihnen vorbeifliegen, die steilsten Rampen hinauf. Es ist den Leuten egal, dass menschenunmöglich ist, was sie sehen. Und dass es ihnen egal ist, ist das Mysterium dieses Sports - und wahrscheinlich auch sein Untergang.

An Orten wie dem Mont Ventoux wird Übermenschliches als möglich verkauft, und die Leute an der Strecke feiern die Illusion, die man ihnen präsentiert. Der Mont Ventoux ist das Symbol des professionellen Radsports, das Symbol seiner Faszination und seiner Perversion. Das war schon immer so: 1967 ist hier oben, anderthalb Kilometer vor dem Gipfel, der Engländer Tom Simpson tot vom Rad gefallen, vollgepumpt mit Alkohol und Drogen.

Die Sponsoren, heißt es, kämpften mit Macht gegen Doping, die Teamleitungen ebenso, doch würden sie es wirklich tun, so handelten sie gegen ihre eigenen Interessen: Sponsoren und Teamleitungen wollen Sieger produzieren, und Sieger im Radsport werden so lange nicht sauber sein, wie es Berge wie den Mont Ventoux gibt und Fans, die dort auf eine Sensation warten, auf das Unglaubliche. Hier geht es nicht um Moralin, hier geht es um Adrenalin. Um fragwürdige Gestalten, die in 55 Minuten diesen Berg hinauffahren. Der Mont Ventoux bringt die Tragik des Radsports auf den Punkt: Faszination schlägt Perversion.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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