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Tour de France Die jungen Jäger

 ·  Tejay van Garderen, Peter Sagan, Christopher Froome – das sind Namen, die bei der Tour de France Aufmerksamkeit erregen. Noch müssen sie für die Etablierten Helferdienste leisten. Aber ihnen gehört die Zukunft.

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© dpa Beine, die Flügel verleihen: Der slowakische Sprinter Peter Sagan (Foto Mitte) ist einer der Jungstars der aktuellen Tour

Er fühlt sich stark, sehr stark sogar. Er spürt, dass er sich auf seine Beine verlassen kann. Es sind gute Beine, wie es im Jargon seines Sports heißt. Er könnte sie wirbeln lassen, in hoher Frequenz, könnte sein Tempo deutlich steigern. Aber er muss sich zügeln, muss Rücksicht nehmen auf die Hierarchie seiner Mannschaft. Auf seinen Kapitän, den er nicht desavouieren darf als junger Fahrer. Also bleibt er in seiner Nähe. Aber seine Chance wird noch kommen, eines Tages wird es so weit sein. Da ist er sich sicher.

Solche Gedanken könnten Tejay van Garderen umtreiben in diesen Tagen. Van Garderen ist Amerikaner niederländischer Herkunft, 23 Jahre alt, Radprofi von Beruf und derzeit unterwegs bei der Tour de France. Er ist einer von mehreren jüngeren Radrennfahrern, die Aufmerksamkeit beim härtesten Radrennen der Welt erregen. Die mit Macht in das Establishment zu streben versuchen. Das ist eines der Merkmale der 99. Tour, die zwar vermutlich ein Fahrer jenseits der 30, der Brite Bradley Wiggins, gewinnen wird. Aber hinter Männern seiner Altersstufe ist gehörig Bewegung - es ist ein ermutigendes Signal, soweit sich das heute beurteilen lässt.

Adjutanten der Mannschaftskapitäne

Es gibt unter den Aufsteigern Helfer wie van Garderen, der sich beim BMC-Rennstall um die Belange des Australiers Cadel Evans kümmern muss. Eine Rolle, die auch Christopher Froome, ein Brite mit kenianischen Wurzeln, beim Team Sky innehat, als Adjutant von Wiggins. Froome lässt sich zwar nicht mehr in die Kategorie „Talent“ einordnen, er ist jedoch immerhin fünf Jahre jünger als Wiggins.

Als schillerndster Vertreter der jungen Jäger im Radsport gilt momentan ein Slowake: Peter Sagan, aufgewachsen in dem Städtchen Zilina am Rande der Westkarpaten. Sagan, bereits mehrfacher Etappensieger bei dieser Tour, macht als Sprinter von sich reden, aber auch als Ausreißer. Der ehemalige Mountainbiker weiß sich nicht nur im Flachen zu behaupten, sondern auch in hügeligem Gelände.

„Mit diesem Potential“, glaubt Rolf Aldag, der beim inzwischen aufgelösten Team HTC-Highroad Sportdirektor war, „müsste er jeden Klassiker gewinnen können.“ Der selbstbewusste Tour-Debütant, an dessen Rad der Aufdruck „Tourminator“ prangt, profitiert bei der Frankreich-Rundfahrt davon, dass in der italienischen Equipe Liquigas nicht alles auf Vincenzo Nibali ausgerichtet ist, den Dritten in der Gesamtwertung mit fast zweieinhalb Minuten Rückstand auf Wiggins.

Sagan, der mit seiner Forrest-Gump-Attitüde verdeutlichte, dass er seinen Sport auch als Show versteht, erhält eine Menge Freiheiten - und er nutzte sie konsequent. Dass er zuletzt selbst in alpineren Regionen attackiert hat, schreibt ein Fachmann wie Aldag dem speziellen Wesen der Sagan-Connection in der Profigilde zu. „Das zeigt die Unbefangenheit dieser Generation.“

An die Stallregie gebunden

Freiräume wie der 22 Jahre alte Slowake, der nun das Grüne Trikot trägt, genießt allerdings nicht jeder Youngster bei der Tour. Van Garderen etwa ist bei BMC weiter an die Stallregie gebunden, obwohl er in den Alpen besser in Form zu sein schien als Kapitän Evans. Der Australier kann jedoch zumindest noch Platz drei bei der Tour erreichen; ihn dabei zu unterstützen, wird bei den kommenden schweren Pyrenäen-Etappen auch die Aufgabe des Tour-Siebten van Garderen sein. Aldag, inzwischen Berater bei Tony Martins Team Omega Pharma-Quickstep, hatte mit dem großgewachsenen Amerikaner zwei Jahre lang bei HTC-Highroad zusammengearbeitet.

Er lernte van Garderen als einen stillen, nachdenklichen Menschen kennen. Aber er sah auch, dass der junge Profi sehr zielstrebig an seiner Karriere bastelte. Er sei nicht den einfachsten Weg gegangen, erzählt Aldag. Und nennt als Beleg dafür, dass van Garderen sich früh gewagt hatte, aus seiner Heimat in die Niederlande zu wechseln, zum Continental-Team von Rabobank. Für einen Amerikaner, sagt Aldag, sei das ein großer Schritt. Er traut dem Emporkömmling zu, vielleicht bald schon selbst zu einem wirklichen Klassement-Fahrer bei der Tour zu werden. Das wäre, betont er, eine logische Entwicklung. Ob das aber bei BMC, sollte es dort mit Evans weitergehen, zu realisieren wäre, ist fraglich.

Ein „sehr großes Opfer“

Auch der erfahrenere Froome dürfte sich als zweiter Mann bei Sky mit solchen Überlegungen befassen. Der in Nairobi geborene Profi präsentiert sich bei der Tour in exzellenter Verfassung. Vermutlich hätte er bereits jetzt das Zeug dazu, die Tour für sich zu entscheiden, würde nicht Wiggins vor ihm stehen. Froome befindet sich jedoch offenbar in einem Zwiespalt, jedenfalls zitierte die Zeitung „L’Equipe“ ihn mit den Worten: „Es ist nicht leicht, die Nummer zwei zu sein und auf den möglichen Tour-Sieg zu verzichten.“ Das sei, sagte Froome, sogar ein „sehr großes Opfer“.

Er verkörpert auf alle Fälle, neben Wiggins, ein britisches Hoch im Straßenradsport. Und sogar die Franzosen, die seit 1985, seit dem „letzten Hurra“ des Bretonen Bernard Hinault, sehnsüchtig darauf warten, in Paris einen Landsmann in Gelb feiern zu können, schöpfen wieder Hoffnung. Durch Pierre Rolland oder Thibaut Pinot. Pinot ist erst 22, aber schon ein exzellenter Bergfahrer. Auch ein Italiener sorgt für Aufsehen, vorerst jedoch abseits der Tour. Moreno Moser, 21, siegte soeben bei der Polen-Rundfahrt. Er ist ein Neffe der italienischen Radsport-Legende Francesco Moser - und ein Kollege von Sagan bei Liquigas.

Die junge Garde macht mobil, auf breiter Front. Der Radsport ist ja auch dringend darauf angewiesen, dass alte Zöpfe abgeschnitten werden.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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