Es hatte immer wieder sehr dominierende Mannschaften im Peloton gegeben - und Radprofis, die sich deutlich von ihrer Konkurrenz abhoben. Auf der Planche des Belles Filles in den Vogesen schien eine neue Ära dieser Art begonnen zu haben. In beeindruckendem Stil stampfte die britische Sky-Mannschaft voran, sie ließ die Rivalen zurück und hievte ihren spindeldürren Kapitän Bradley Wiggins ins Gelbe Trikot. Die Himmelsstürmer um Teammanager Dave Brailsford, zu denen auch Christian Knees gehört, sorgten auf dem steilsten Abschnitt der 99. Tour de France womöglich bereits für eine Vorentscheidung. Heute wollen Zeitfahrspezialist Wiggins und sein Team ihre Vormachtstellung im Einzelzeitfahren von Arc-et-Senans nach Besançon bestätigen.
“Bradley hatte im Finale noch drei Mann bei sich, ich war isoliert - da wird es dann kompliziert“, sagte der Vorjahressieger Cadel Evans, der sich bei der Sky-Gala noch gut hielt, hinterher. Wegen der Überlegenheit der Widersacher aus Großbritannien dürfte der Australier aber für die nähere Zukunft bei der Tour schwarzsehen. „Royal Sky Force“, titelte die Zeitung „L’Équipe“ am Sonntag anerkennend. Es hatte aber auch einen Seitenhieb parat und nannte in Anspielung auf einstige unselige Überlegenheit von Lance Armstrong und dessen Mitstreitern das Team Sky schlichtweg „UK Postal“. Mit seinem US-Postal-Team hatte Armstrong, gerade hartnäckig verfolgt von den Doping-Jägern in den Vereinigten Staaten und angeblich schwer belastet von ehemaligen Kollegen, früher die Tour de France fest im Griff gehabt.
Aushängeschild des britischen Radsports
Hinter dem vom Pay-TV-Sender Sky großzügig ausgestatteten Rennstall um Wiggins, Straßen-Weltmeister Mark Cavendish, Joker und Etappensieger Christopher Froome sowie Edvald Boasson Hagen steht Brailsford. Mit Blick auf Olympia 2012 in London war das Team vor zwei Jahren als Aushängeschild des britischen Radsports, der auf der Bahn schon lange für großes Aufsehen sorgt, gegründet worden. „Wir sind kein Team mit Stars, das Team ist der Star“, sagte Brailsford, der pro Saison angeblich rund 18 Millionen Euro zur Verfügung hat. Sein Masterplan - Tour-Sieg und Olympia-Gold, am besten gleich mehrfach durch Wiggins und Cavendish - könnte aufgehen. „Wir haben uns darauf vorbereitet, so zu fahren, um die Tour zu gewinnen“, sagt der Lenker und Denker der Equipe zur Strategie in diesem Jahr.
Der Deutsche Knees betrachtet es fast als eine Ehre, in diesem Team fahren zu dürfen. „Hier ist alles super professionell. Alles ist auf Brads Tour-Sieg ausgerichtet. Die Chancen sind so groß wie nie“, erzählte der lange Rheinländer. Wie alle Radprofis ist er rank und schlank, fast an der Grenze zur Untergewichtigkeit. Im Vergleich zu Wiggins, der bei einer Körpergröße von 1,91 Meter rund 70 Kilo auf die Waage bringt, wirkt Knees aber fast wie ein Muskelprotz. Als Bahnfahrer - Wiggins holte bereits dreimal Olympia-Gold - waren es noch etwa acht Kilo mehr bei dem Briten.
Kneer arbeitet zuverlässig dem Kapitän zu
Wiggins, der außerordentliche Qualitäten im Zeitfahren besitzt und nun auch in den Bergen zu überzeugen weiß, hält große Stücke auf den Deutschen. „Er ist schon mal größer als ich, deshalb bietet er mir perfekten Windschatten. Er hat einen Riecher dafür, mich aus Problemen während des Rennens herauszuhalten. Ich habe ihm bislang viel zu verdanken“, lobte Wiggins, der als erster Brite zwölf Jahre nach David Millar bei der Tour wieder Gelb trägt.
Wiggins hatte sich bereits vor der Tour mit etlichen Siegen Respekt verschafft. Womöglich hat sein Aufschwung auch mit besonderen Trainingsmethoden zu tun. Seit einem Jahr ist der ehemalige Schwimm- und Ruder-Coach Tim Kerrison für das Team zuständig. „Wir haben nicht nur mit Wiggins das Trainingsprogramm für den Tour-Sieg durchgezogen, sondern mit dem gesamten Team“, sagte der Australier. Am vergangenen Wochenende, auf der siebten Etappe, hatte Wiggins als Dritter hinter Froome und Evans das gelbe Hemd von dem Schweizer Fabian Cancellara übernommen; er verteidigte es mühelos auf der achten Etappe. „Dieses Trikot war mein erstes Ziel“, sagte Wiggins. Er sprach von einem Kindheitstraum. Zu den Geschlagenen am Wochenende zählte auch Andreas Klöden vom Team RadioShack. Damit scheint er für eine Vormachtstellung in seiner luxemburgischen Radsportformation nicht mehr in Frage zu kommen. Aber so oder so scheint vorläufig niemand imstande zu sein, etwas gegen Wiggins und seine Gefährten ausrichten zu können.
und wieder mal ein plötzlich drückend überlegenes Team..
Herbert Sauerbier (simon-says)
- 09.07.2012, 14:49 Uhr