19.07.2009 · Wer kann den Astana-Stars Alberto Contador und Lance Armstrong bei der 96. Tour de France noch gefährlich werden? Die Verfolger Carlos Sastre, Andy Schleck und Cadel Evans müssen in der Alpen-Woche endlich ihre Chance suchen.
Von Rainer Seele, BesanonSignora Nocentini wird möglicherweise ein bisschen traurig sein, die sonnigen Tage sind schließlich für sie jetzt vorbei. Mehr als eine Woche hatte auch sie sich inszenieren können bei der Tour de France, immer ganz dicht an der Seite ihres Gatten Rinaldo, der durch eine Laune des Schicksals das Gelbe Trikot erobert hatte. Da wurde auch seine Ehefrau in Frankreich zu einer Person des öffentlichen Interesses, zumal sie sich geschickt in Szene zu setzen verstand.
Mit einem gelben Collier und mit einem sehr engen gelben Shirt, das mit der Aufschrift bedruckt war: „How do you feel today?“ Wie fühlst du dich heute? Natürlich musste Rinaldo Nocentini das nicht gefragt werden, jeder sah es ihm an: Der in die Jahre gekommene, bis zur Tour weithin unbekannte Italiener genießt die Tage in Gelb. Am Samstag konnte er das begehrte Trikot noch einmal verteidigen, als der Russe Sergej Iwanow die 14. Etappe über 199 Kilometer von Colmar nach Besancon im Alleingang gewann.
Aber nun kommen die Alpen, an diesem Sonntag etwa muss Verbier in der Schweiz erklommen werden, und da wird die Nocentini-Geschichte bei der Tour beendet sein. Das Gelbe Trikot wird den Besitzer wechseln, die Favoriten rüsten sich für den großen Schlagabtausch.Vor allem gilt das für Lance Armstrong und Alberto Contador, und es ist nun die Frage, wer ihnen noch gefährlich werden könnte.
Evans, Sastre und Schleck müssen sich nun zeigen
Die luxemburgischen Brüder Andy und Frank Schleck vom dänischen Team Saxo Bank vielleicht? Andy Schleck zumindest liegt noch aussichtsreich im Rennen, sein Rückstand auf die beiden Stars des Teams Astana beträgt etwa eine Minute und 40 Sekunden. Der Spanier Carlos Sastre, Sieger der vergangenen Tour, und der Australier Cadel Evans, der vor dieser Frankreich-Rundfahrt ebenfalls hoch gehandelt worden war, müssen fast drei Minuten aufholen – ihre Chancen dürften gering sein.
Sastres Schweizer Mannschaft, das Team Cervelo, setzt allerdings darauf, dass der Spanier seine speziellen Qualitäten ausspielen kann – in der letzten Woche einer Rundfahrt wie der Tour ist er in der Regel zu einer Tempobeschleunigung imstande. Auf das Podium in Paris zu kommen, hält Thomas Campana, der deutsche Chef von Cervelo, jedenfalls noch für möglich.
Dass Sastre bislang eher unauffällig agierte, missfiel Campana keineswegs – er kennt das von Sastre, es ist ein gewohntes Procedere. So habe der Spanier, sagt Campana, auch den Giro d’Italia bestritten, er sei trotzdem effektiv gewesen. „Das ist seine Strategie.“ Der introvertierte Spanier hält sich zugute, in wichtigen Momenten doch aus sich herauszugehen zu können, und auf einen solchen Augenblick scheint er auch bei der Tour noch zu lauern.
„Andy, mach Schluss mit der Langweiler-Tour“
Er oder die Schlecks scheinen gewissermaßen „Schläfer“ zu sein, die auf die Stunde warten, in der sie attackieren können – in dem Wissen jedoch auch, dass ihnen in der kasachischen Equipe von Armstrong und Contador eine Großmacht gegenübersteht, die vermutlich auch nach dem Ausfall des Amerikaners Levi Leipheimer wegen eines Handgelenkbruchs noch immer sehr schlagkräftig sein dürfte.
Mancher scheint geradezu sehnsüchtig auf einen Vorstoß der Gegner des Teams Astana zu warten. Das Luxemburger „Tageblatt“ zum Beispiel forderte unlängst Andy Schleck auf, endlich ein Zeichen zu setzen: „Andy, mach Schluss mit der Langweiler-Tour.“ Am Freitag in den Vogesen mochte Schleck dem Wunsch seiner Landsleute nicht folgen, auf regennassen Straßen war ihm das zu riskant. Die Luxemburger spekulieren nun darauf, dass ihre Galionsfigur am Dienstag oder Mittwoch, bei ebenfalls harten Prüfungen in den Alpen, einen Angriff wagt.
Mit der Unterstützung von Frank Schleck, der – so ein mögliches Szenario – erst mal Unruhe stiftet und vorprescht und Armstrong und seine Gefährten damit zum Handeln zwingt. Andy Schleck, der den Frühjahrsklassiker Lüttich–Bastogne–Lüttich für sich entschieden hat, könnte dann nachrücken und der Konkurrenz vielleicht enteilen. Allerdings ist zweifelhaft, ob Frank Schleck, der wegen seiner Kontakte zu dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes ins Gerede gekommen war, zu einem solchen Unterfangen fähig ist. Der Luxemburger hat Knieschmerzen, er leidet noch immer unter den Folgen eines Sturzes beim Amstel Gold Race.
Schwierige Lage durch Dominanz für Astana
Dass der Australier Evans noch einmal ins Rampenlicht rücken könnte, dürfte unwahrscheinlich sein. Ohnehin wird er in Frankreich schon mit Raymond Poulidor verglichen, dem „ewigen Zweiten“. Dreimal belegte Poulidor diesen Platz bei der Tour de France, fünfmal war er Dritter. Er habe keine Lust, ihm zu gleichen, sagte Evans, der 2007 und 2008 jeweils Zweiter bei der Tour de France geworden war. Vermutlich wird der in sich gekehrte, manchmal verträumt wirkende Profi vom belgischen Rennstall Silence-Lotto diesmal schlechter abschneiden. Er müsste, um der Spitze noch entscheidend näherzurücken, über seinen Schatten springen und die Initiative ergreifen – damit aber ist kaum zu rechnen.
Die bisherige Dominanz des Teams Astana hat Sastre und Co. in eine schwierige Lage gebracht. Und die Hoffnung, dass für diese Fahrer in den Alpen noch „eine Tür aufgeht“, wie Campana es formuliert, arg schrumpfen lassen. Eines dürfte aber sicher sein: So feurig wie Rinaldo Nocentini, der vorübergehend dem Domestiken-Dasein entfliehen konnte, wird bei der Tour de France 2009 kein Mann in Gelb mehr begleitet werden.
hört doch endlich auf
Klaus-P Karpowsky (karpowsky)
- 19.07.2009, 15:49 Uhr