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Tour de France : Der Abfahrts-Wahnsinn

Schräge Typen: Radprofis wie der Pole Michal Kwiatkowski müssen bei der Tour auch hervorragende Abfahrer sein. Bild: dpa

Tempo 100 ohne Knautschzone: Die rasende Talfahrt verlangt den Radprofis bei der Frankreich-Rundfahrt alles ab - mit einem Helm als einzigem Schutz.

          Ein Ungetüm, mehr als 2100 Meter hoch, noch einmal ein mächtiges Hindernis auf dem Weg nach Paris. Wer die Champs-Élysées erreichen will, muss den Tourmalet meistern, einen mythisch verklärten Berg, er gilt als ein Monument der Tour de France. Der Tourmalet steht am Donnerstag auf dem Programm, ein Fixpunkt der 18. Etappe. Ein Tag der Schwerstarbeit, der große Kletterkünste verlangt von den Radrennfahrern - und die Fähigkeit, mutig in den Abgrund schauen zu können, im wahren Wortsinn. Bergab in rasender Fahrt, mit Tempo 80, 90, 100 oder auch mehr. Ein halsbrecherisches Unternehmen, es mutet bei einem Rennen wie der Tour manchmal wie blanker Wahnsinn an.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Aber wer oben ist, muss sich zwangsläufig wieder nach unten stürzen, das wird am Tourmalet so sein, das war auch am Dienstag so, als das Peloton mitsamt seinem Patron Vincenzo Nibali die Pyrenäen in Angriff nahm und der Australier Michael Rogers als Erster in Bagneres-de-Luchon ankam. Eine Mutprobe, ganz sicher, selbst für erfahrene Profis. Und für manchen eine schaurige Sache, die eine Menge Überwindung kostet. Für einen jungen Franzosen zum Beispiel, für den 24 Jahre alten Thibaut Pinot, inzwischen Dritter in der Gesamtwertung. Pinot scheut sich nicht, über seine Ängste zu sprechen, seine Furcht vor der Hochgeschwindigkeit bei einer Abfahrt. Es ist eine Art Phobie bei ihm, seit einem Sturz in Juniorenzeiten. Seitdem, sagt Pinot, habe er einen solchen Bammel vor den Schussfahrten im Sattel wie andere Leute vor Spinnen oder Schlangen.

          Etappensieg dank Abfahrtskünsten: Der Australier Michael Rogers im Ziel in Bagneres-de-Luchon
          Etappensieg dank Abfahrtskünsten: Der Australier Michael Rogers im Ziel in Bagneres-de-Luchon : Bild: dpa

          Wer zögert, könnte tatsächlich schon verloren haben. Wer zu vorsichtig ist und zu viel bremst, findet sich, vor allem bergab, schnell in den hintersten Reihen des Feldes wieder. Pinot hat das selbst schon erlebt, im vergangenen Jahr bei der Tour, ebenfalls in den Pyrenäen. Und zog prompt die Konsequenzen. „Als ich in den Abfahrten gemerkt habe, dass ich kaum ein Hinterrad halten kann, habe ich mich gefragt, was ich bei der Tour mache“, sagte er. „Ich habe eine klare Antwort bekommen - ich habe hier nichts verloren.“

          Pinot ist wiedergekommen, sehr stark sogar, obwohl er sein Trauma wohl nicht ganz abgelegt hat, trotz eines Crashkurses im vergangenen Herbst. Er hatte von einem früheren französischen Rallyepiloten das Angebot bekommen, seine Blockade in einem Rennwagen auf dem einstigen Formel-1-Kurs von Magny-Cours zu bekämpfen. Ein Training mit Knautschzone - letztlich aber nicht zu vergleichen mit der irrsinnigen Hatz auf dem Rad, bei der jeder Fehler zu einer Katastrophe führen kann, der kleinste Zwischenfall sich fatal auswirken kann. Bei der die Fahrer durch nichts geschützt sind als durch ihren Helm, den zu benutzen seit 2004 bei der Tour de France Pflicht ist. Oft erreichen die Profis die heikelsten Abfahrten nach Stunden extremer Anstrengung, bereits erschöpft, müde. Und trotzdem müssen sie noch imstande sein, mit Vollgas dem Ziel entgegenzusteuern.

          Manche Rennfahrer immerhin können das enorme Risiko weitgehend ausblenden. So hat Erik Zabel, erst Sprintstar, dann Doping-Sünder, einmal erzählt: „Solange ich mich im Grenzbereich bewege, kann ich mich nicht damit beschäftigen, über Störfaktoren zu sinnieren. Ich muss meinen Vordermann im Auge haben und dessen Hinterrad halten, um vom Windschatten zu profitieren.“ Und er sagte über die Zeiten, als die Profis noch die freie Wahl hatten bei der Kopfbedeckung: „Bei Hochgebirgsetappen ist es nun mal angenehmer, nur mit einer Mütze zu fahren, als immer diesen Dampfkessel aufzuhaben und den über die Berge zu schleppen. Es gibt bei uns einen schönen Spruch: Was nützt mir ein Helm, wenn ich einen Bauchschuss kriege?“

          Einer der besten Abfahrer im Feld: Tour-Spitzenreiter Vincenzo Nibali aus Italien
          Einer der besten Abfahrer im Feld: Tour-Spitzenreiter Vincenzo Nibali aus Italien : Bild: AFP

          Am Dienstag passierte das Fahrerfeld den Col d’Aspet und damit just die Stelle, an der Fabio Casartelli vor fast 20 Jahren, am 18. Juli 1995, bei der Tour zu Tode gekommen war. Der Italiener hatte bei seinem fürchterlichen Unfall keinen Helm getragen. Aber erst im März 2003, nachdem der Kasache Andrej Kiwilew bei Paris-Nizza schwer zu Fall gekommen und im Krankenhaus an den Folgen eines Schädelbruchs gestorben war, wurde die Helm-Debatte neu entfacht - und der Internationale Radsportverband ordnete daraufhin an, dass zur Sicherheit zwingend eine solche Schale, die etwa 200 Gramm wiegt, zu verwenden sei. Ohne dass sie - bei einer mitunter kurvenreichen Jagd ins Tal und schlechtem Straßenbelag - im Fall des Falles eine Lebensgarantie sein könnte.

          Gedenken an den tödlich verunglückten Casartelli

          Als Nibali am 18. Juli in Chamrousse seinen dritten Etappensieg bei der 101. Tour errungen hatte, gedachte er seines Landsmannes Casartelli. „Ich kann mich an diese Tragödie noch sehr gut erinnern. Es ist daher sehr wichtig, dass ich heute gewonnen habe“, sagte der Kapitän des Teams Astana. Der Sizilianer gilt als sehr geschickter, verwegener Abfahrer, vielleicht ist er sogar der beste der Gegenwart. Schon früher hatte sich ein Italiener, Paolo Savoldelli, als ein Meister dieser speziellen Rad-Disziplin entpuppt, als ein Artist, er lieferte ein Spektakel im alpinen Gelände. Savoldelli wurde wegen dieser besonderen Eigenschaft „der Falke“ genannt.

          Pinot, offenbar stabiler als noch im Vorjahr, stellt sich nun tapfer den hohen Herausforderungen. Und den schwindelerregenden Tiefen bei der Tour de France. Getrieben von den Erwartungen der Grande Nation und der eigenen sportlichen Sehnsucht. Er ist schon weit gekommen. Die Schatten in ihm werden aber vermutlich nie ganz verschwinden.

          Quelle: F.A.Z.

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