06.07.2007 · Viele sehen schwarz für die Tour. Dabei wird sie grün. Für die Ausgabe 2007 gibt es eine Mülltrennungsanleitung. Noch 1998, beim Festina-Skandal, wussten manche Fahrer nicht, wohin mit Spritzen und Pharma-Müll.
Von Christian Eichler, LondonViele sehen schwarz für die Tour. Dabei wird sie grün. Für die Ausgabe 2007 gibt es eine Mülltrennungsanleitung. Man erhält sie bei der Akkreditierung. Als Aufkleber. Als Gewissensappell. „Bei der Tour de France trenne ich meinen Abfall!“ So steht das da, wie eine Verpflichtungserklärung.
Wie geht man mit seinem Müll um? Es ist schon länger das heimliche Thema der Tour. 1998, beim Festina-Skandal, wussten manche Fahrer nicht, wohin mit Spritzen und Pharma-Müll. So fanden ihn Fahnder im Hotelabfall. Mit Mülltrennung wäre das nicht passiert. Ein anderes, aktuelleres Problem: Wie entsorgt man Altlasten?
Ab auf den Müll der Geschichte
Die Tour-Leitung hat aus ihrem „Guide historique“ der Tour 2007 die Fotos der Sieger von 1996 und 2006 getilgt. Weil Riis und Landis keine sauberen Sieger waren. L’Equipe, das Zentralorgan der Tour, hat sogar ihre Namen getilgt, die Rennen von 1996 und 2006 hatten demnach keinen Sieger, nur Zweite. Das ist konsequent. Und erinnert doch an die alten sowjetischen Politbürofotos, auf denen einer, der in Ungnade fiel, plötzlich wegretuschiert war: ab auf den Müll der Geschichte.
Le Tour 2007, Cycling goes Recycling – ein Sport will sauber werden. Die Art der Fortbewegung auf dem Rad war es schon immer. Nur die, dabei auch Geld zu verdienen, ist es lange nicht mehr. Die Stadt London, wo die 94. Tour de France diesen Samstag mit einem 7,9 Kilometer langen Zeitfahren beginnt, hatte sich als Startort beworben, um bei ihren Bewohnern für eine saubere Art der Fortbewegung zu werben.
Alles schön sauber, bitte
Das Team Discovery Channel, für das der alte Patron Lance Armstrong derzeit einen neuen Geldgeber sucht, geht mit einem „Umweltbewusstseinsprogramm“ ins Rennen. Mit grünen Trikots. Mit Bäumen, die für jeden Erfolg gepflanzt werden. Mit reduziertem CO2-Ausstoß der Teamfahrzeuge. Alles schön sauber, bitte: Motto der Stunde in der schadstoffbelasteten Heldentour von einst. Selbst bei der Verpflegung der Tour-Journalisten wird darauf geachtet, was drinsteckt. „Korngefüttertes Curry-Huhn“ stand Donnerstag auf der Speisekarte. Also nicht irgendein mit chemischem Müll gestopftes Federvieh. Sondern ungedoptes Geflügel.
Auch die Fahrer haben zur Beruhigung der Verbraucher einen Stempel bekommen. Das kurz vor der Tour zur Selbstreinigung entworfene „ethische Dokument“, in dem sie unter Androhung einer Geldbuße in Höhe eines Jahresgehaltes erklären, dass sie in nichts verwickelt seien, ist umstritten, juristisch vielleicht nicht wasserdicht, aber von den meisten nun unterschrieben. „Es ist nur eine große Geste vor der Tour“, sagt der Schotte David Millar, der Dopingvergehen gestand und nach zweijähriger Sperre nun auf einen Heimsieg im Tour-Prolog hofft. „Mehr ist es nicht.“
Die unerreichbare Wurst vor der Nase
Draußen vor dem Messegelände in den Londoner Docklands haben sich in den Tagen vor dem Start viele Autos mit seltsamen Aufbauten angesammelt, mit Kängurus, Salamis, Riesenreifen auf dem Dach, auch zwei riesige gelbe Abfalltonnen rollen mit: Teil der gewaltigen Kommerz-Karawane, die dem Fahrerfeld über 3500 Kilometer voraneilen wird.
Mit dabei erstmals auch Homer Simpson, der Familienvater aus der legendären Comic-Serie, der nun quer durch Frankreich Werbung machen wird für den ersten Simpson-Kinofilm – und dabei wie eine Karikatur des fremdgesteuerten Tour-Profis aussieht. Unermüdlich strampelt er auf dem Werbe-Auto einer unerreichbaren Wurst hinterher, die ihm sein Chef (die Gattin) vor der Nase baumeln lässt.
Wo ist der „Notausgang“
Drinnen im Messegebäude, wo der Tour-Tross bis Sonntag Stellung bezogen hat, gibt es ein anderes überraschendes Gefährt: einen roten Doppeldeckerbus, mit Ziel „Paris 2007“. Der Zweck des unhandlichen Fahrzeugs in der Tiefe des Raumes erschloss sich nicht sofort – bis am Donnerstag die Chefs der zwei deutschen und sechs französischen Tour-Teams wütend die Teamleitersitzung verließen, weil die Spanier und Italiener es mit der Dopingbekämpfung nicht so genau nehmen wollten wie sie.
So ließen sie sich zur Beratung ihrer neugegründeten Hygiene-Gruppe in der oberen Bus-Etage nieder. „Notausgang“ stand auf dem hinteren Fenster, was man sehr symbolisch für den ganzen Radsport nehmen konnte. Aber schon die schiere Existenz des Doppeldeckers unter dem Dach der Docklands drängte eine sinnbildliche Wahrnehmung auf: völlig verfahren, dieser Radsport.
Tour ohne Ullrich, ohne Basso, ohne Landis
Hier die, die es endlich genau nehmen wollen, wie Gerolsteiner-Teamchef Hans Holczer, der sagt, Radsport sei zwar „sauberer“ geworden, aber noch lange nicht sauber – und dort die, die sich weiter durchmogeln wollen, die „nicht dopen, nur Medizin nehmen“, wie es ein Spanier formuliert hatte? Hier die Guten, da die Bösen? Und die einst Besten nun im Lager der Schlechten?
Es ist eine Tour ohne Ullrich, ohne Basso, ohne Landis. Eine Tour ohne die Teamchefs Riis (der lieber zu Hause bleibt) und Godefroot (der Rückenschmerzen beklagt). Ohne den Kronzeugen Jaksche und ohne den Sprint-König Petacchi, den sie kurz vor dem Start noch aus dem Verkehr nahmen, weil er den Freifahrtschein für ein leistungssteigerndes Asthmamittel, wie ihn mehr als ein Drittel aller Profis dank eines Asthma-Attestes besitzen, überbeansprucht hatte. Die Tour 2007: ein Rennen ohne Nummer eins, ein Rennen ohne Stars.
„Kennst du den?“
Selbst altgediente Tour-Begleiter stellten sich am Rande der medizinischen Untersuchung, bei der die mageren, blassen Oberkörper der Profis abgeklopft und angestöpselt, ihre Lungen taxiert, ihre Maße genommen werden, scherzhafte Quizfragen darüber, ob irgendwem irgendein Fahrer bekannt sei: „Kennst du den?“ Kein Wunder, dass sich Tour-Direktor Christian Prudhomme „frische Gesichter und neue Helden“ erhofft.
Frische Gesichter sind da, etwa der 24-jährige Debütant Linus Gerdemann aus Münster. Er zielt auf das Weiße Trikot des besten Jungprofis – das wohl die richtige Farbe hat, denn es scheint immer mehr, es sei das einzige, das man sauber gewinnen kann. Neue Helden wird es auch geben, denn die Tour ist seit hundert Jahren eine große Heldenmaschine. Doch es könnten auch diesmal wieder die falschen sein.
„Ich habe beschlossen, mich abzuschotten“
Als Favorit gilt Alexander Winokurow, der aber vom früheren Kollegen Jaksche mit dem Blutpanscher Eufemiano Fuentes in Verbindung gebracht wird und neuerdings mit dem berüchtigtsten aller Rad-Ärzte, dem früheren Armstrong-Vertrauten Michele Ferrari, zusammenarbeitet. Deshalb wäre für den höchsten Radsportfunktionär, Pat McQuaid, ein Sieg des Kasachen „kein Gewinn für die Glaubwürdigkeit des Sports“. Vielleicht dann doch lieber dessen Mannschaftskollege bei Astana, Andreas Klöden? Er ist einer von 19 Deutschen – Rekord bei der Tour, Zeichen dafür, dass die Ullrich-Welle trotz all der Dopingstrudel noch wirkt.
Der frühere Ullrich-Helfer Klöden lehnte vor dem Start jeden Kommentar über „irgendwelche durchgeknallten Jaksches“ ab. Und beschrieb seine Methode, Dopingenthüllungen wahrzunehmen – nämlich gar nicht: „Ich habe beschlossen, mich abzuschotten.“ Fenster dicht, damit der Gestank draußen bleibt: die einfachste Form der Mülltrennung.
Es ist dabei nur ein tragisch komischer Zufall, dass sich der Tod des Namensvetters Tom Simpson am Ventoux, des einzigen Doping-Toten der Tour-Historie, am Freitag zum 40. Male jährt.