Plötzlich wurde gescherzt, immer wieder, ausgerechnet in einer Mannschaft, der vorläufig nicht nur der beste Fahrer abhandengekommen ist, sondern auch noch der Manager. Fränk Schleck aber amüsierte sich, als befände er sich auf einem Betriebsausflug und nicht unmittelbar vor seiner vermutlich schwierigsten beruflichen Aufgabe in diesem Jahr.
Vielleicht wollte der aufgekratzt wirkende Luxemburger mit seinem Verhalten jedoch auch nur ein bisschen ablenken. Von all den Turbulenzen, die das Team RadioShack-Nissan-Trek in jüngster Vergangenheit erfasst haben, von seiner eigenen Betroffenheit über die angespannte Lage. Schleck jedenfalls machte seine Späße vor der an diesem Samstag in Lüttich beginnenden Tour de France, auch sein Teamkollege Andreas Klöden blieb davon nicht verschont.
„Klödi, drei Minuten, Mann“, rief Schleck ihm zu, als der deutsche Radprofi mit einiger Verspätung zur Teampräsentation in einem Hotel in Francorchamps erschienen war. Der Luxemburger war dort erst mal Alleinunterhalter gewesen, ehe sich nach Klöden auch Fabian Cancellara und Chris Horner zu ihm gesellten.
Auf sie alle hofft RadioShack nun im Besonderen bei der Tour, da es keinen wirklichen Kapitän mehr gibt in dieser Equipe nach dem Tour-Verzicht des verletzten Andy Schleck. Aber womöglich springt doch sogar ein Gelbes Trikot für RadioShack heraus, gleich am Samstag zum Beispiel, beim Prolog in Lüttich. Der Schweizer Cancellara ist ein Spezialist in dieser Disziplin, er könnte seinem Team einen prestigeträchtigen Sieg bescheren.
„Wir sind eine intakte Truppe“
Das wäre für seinen Rennstall eine kleine Befreiung nach Wochen und Monaten des Rumorens, das nicht zuletzt durch den Fall Johan Bruyneel entstand. Um RadioShack rankten sich vorwiegend schlechte Nachrichten; das Team wurde mit allen Problemen konfrontiert, die sich überhaupt im Radsport ergeben können. Es ging um interne Streitigkeiten, um einen folgenschweren Sturz des Mannes, der die Tour für RadioShack hätte gewinnen sollen, und es ging um Doping.
Wegen der schweren Vorwürfe aus den Vereinigten Staaten, die Lance Armstrong betreffen und dessen einstigen Mentor Bruyneel, wird RadioShack nicht von seinem umstrittenen belgischen Teamchef bei der Tour betreut werden. All das Dunkle des Radsports wurde also bei RadioShack sichtbar, und just in diesem besonderen Spannungsfeld muss nun das härteste Radrennen der Welt bewältigt werden. Trotzig behauptet der Berliner Jens Voigt immerhin, dass „wir eine intakte Truppe sind“. Man wolle versuchen, sich vernünftig durch die Tour zu kämpfen. „Ich hoffe, dass wir alles ausgeräumt haben, was zu bereinigen war.“
Natürlich geht es jetzt, da Andy Schleck wegen eines Steißbeinbruchs fehlt, nicht mehr darum, in Gelb in Paris anzukommen. Die größten Chancen werden einem Briten und einem Australier eingeräumt, Bradley Wiggins und Cadel Evans. Aber vielleicht lässt sich doch ein Zeichen setzen, nicht nur durch Cancellara, sondern auch durch Schleck, Klöden oder den Amerikaner Horner.
Sie sollen erst mal ins Rollen kommen, schadlos die erste Woche der Tour überstehen, in der es - wegen der großen Nervosität im Peloton - häufig zu Karambolagen kommt. Da gehe es, sagt Voigt, der seine 15. Tour bestreitet, „um das pure Überleben“. Danach könnten sich die Rundfahrer im Team wenigstens ein bisschen in Szene setzen. „Wir können drei Karten spielen“, sagt Klöden, der sich selbst auf die letzten Tage der Tour konzentriert; er möchte bis dahin „zu 100 Prozent“ in Form sein.
„Wer hat das ruhigere Leben?“
Viel mehr ist von dem Deutschen nicht zu hören, er bleibt seiner Linie treu, Journalisten gegenüber sehr sparsam mit Worten umzugehen. Er spiele stattdessen lieber Playstation, sagt Voigt, und er scheint das so schlecht gar nicht zu finden. „Wer“, fragt der extrovertierte Berliner, „hat das ruhigere Leben?“ Aber grundsätzlich mag Voigt den Trubel ja doch, weswegen er auch bedauert, diesmal keinen Tour-Favoriten unterstützen zu können. „Mir wäre es lieber, mehr Verantwortung zu tragen und das Heft in die Hand zu nehmen.“
RadioShack wird dennoch eine Menge Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Schließlich herrscht immer noch beträchtliche Unruhe im Team. So sollen sich inzwischen sogar mehrere Rennfahrer wegen verspäteter Gehaltszahlungen beim Internationalen Radsportverband beschwert haben. Der Bauunternehmer Flavio Becca, der die Luxemburger Formation maßgeblich alimentiert, steckt angeblich in finanziellen Schwierigkeiten.
„Wir haben das unterschätzt“
Becca war vor dieser Saison auch entscheidend am Zusammenschluss des Teams Leopard mit RadioShack beteiligt; das mutete wie eine kleine Revolution im Radsport an. Die Dimension dieses Deals beschreibt Voigt so: „Das ist im Prinzip so, als würde man im Fußball Schalke 04 und den Hamburger SV zusammenführen.“
Das Aufeinandertreffen geballten Know hows und eigenwilliger Charaktere hatte allerdings seine Tücken, zu sehen etwa an einem heftigen Streit zwischen Fränk Schleck und Bruyneel. „Wir haben das unterschätzt“, sagt Voigt. „Du kannst nicht alles in einen Topf schmeißen und nach kurzer Zeit schon sagen: Alles ist easy.“ Außerdem beklagt er ein schlechtes Krisenmanagement, speziell in der Auseinandersetzung zwischen Schleck und Bruyneel: „Das wurde einen Tick zu öffentlich gemacht.“
„Ich brauche dich am Sonntag“
Dass der schlecht beleumundete Bruyneel der Tour fernbleibt, nimmt von RadioShack zwar eine gewisse Last, die Angelegenheit bleibt dennoch aktuell. „Ob Johan hier ist oder nicht, es wird so oder so darüber geredet“, sagt Voigt. Ins Detail mag der Berliner in dieser brisanten Causa jedoch nicht gehen. Er fühle sich dadurch nicht so sehr betroffen, betont Voigt, schließlich sei er in diese Vorgänge nicht involviert.
Lieber befasst er sich mit dem bevorstehenden Tour-Start - und der Hilfe, die Cancellara bei seinem deutschen Kollegen bereits für die erste Etappe angefordert hat. „Ich brauche dich am Sonntag“, ließ der Schweizer Voigt wissen. Das heißt: Cancellara rechnet damit, dann das gelbe Hemd der Tour verteidigen zu müssen. Das auf alle Fälle sollte man ernst nehmen.