17.02.2012 · Unfit und widersetzlich: Der Zustand von Totilas versetzt die Szene in Aufregung. Reiter Rath ist in der Kritik, Mitbesitzer Schockemöhle entgehen Einnahmen und die Anwerbung des niederländischen Dressur-Gurus Janssen löst Protest aus.
Von Evi SimeoniVon Gold ist keine Rede mehr. Spätestens seit dem ersten Auftritt dieses Jahres von Totilas bei der Hengstschau in Vechta stellt sich die Branche ganz andere Fragen. Was ist los mit diesem Pferd? Wie lange wird es dauern, bis Totilas wieder bei einem Turnier starten kann? Wie schlimm ist seine Verletzung? Wird er sich mit dem Reiter Matthias Rath im Sattel überhaupt für die Olympischen Spiele in London qualifizieren? Wenn ja: Wird Rath dort um eine Medaille reiten können? Schlimmer noch: Es gibt sogar Experten, die bezweifeln, dass Totilas jemals wieder auf einem Turnier zu sehen sein wird.
Die Diskussionen an der Basis und in Fachkreisen sind heftig, es herrschen Sorge und Schrecken, Bedauern und Schadenfreude. „Hilflos und peinlich", nennt Bundestrainer Holger Schmezer die Präsentation des zwölfjährigen Rapphengstes vor knapp vierzehn Tagen, bei der das Pferd einen unfitten und widersetzlichen Eindruck machte. Zum Glück, zumindest für die beteiligten Zweibeiner, folgte am vergangenen Sonntag die zweite Präsentation, bei der Totilas - nach einer intensiven Trainingswoche - wieder brav piaffierte und fliegende Galoppwechsel aneinanderreihte. Nach einer echten Problemlösung sah es trotzdem nicht aus. Der schlechte Eindruck des ersten Auftritts nach fünf Monaten Pause wirkt fort - und lässt sich im Internet anhand eines Videos immer wieder wachrufen.
Es sollte eine Werbeveranstaltung für die Qualitäten des populären Dressurpferdes werden, das 2010 dreifacher Weltmeister und allenthalben wegen seines extremen Bewegungstalents und seiner fesselnden Ausstrahlung als Wundertier gefeiert wurde. Eine Kür ist angekündigt in der kleinen Halle. Zu majestätischen Klängen trabt Totilas herein, doch dann klappt nichts mehr. Nach gut zwei Minuten muss Rath mit Totilas die Arena sogar wieder verlassen. Das Pferd hat die Zunge über das Gebiss gelegt, der Kontakt zwischen Reiter und Pferd ist schwer beeinträchtigt. Die Zäumung wird in Ordnung gebracht, doch auch danach hopst das Pferd herum, obwohl es antraben soll, der Reiter hat den Hengst nicht im Griff. Erst eine öffentliche Reitstunde, die Vater-Trainer Klaus Martin Rath über Mikrofon erteilt, bringt Ruhe in die Vorführung. Augenzeugen berichten, dass einige Züchter da schon die Tribüne verlassen haben.
Wie konnte es dazu kommen? Erklärungsversuche gibt es viele - und alle können richtig sein. Matthias Rath schildert die Sache so: Das Pferd sei fünf Wochen verletzt gewesen, man habe deswegen auf geplante Starts im Dezember in Frankfurt und im Januar in Florida verzichtet. Er habe das Pferd nur drei Wochen auf die Hengstschau vorbereiten können, es sei nach der Pause allzu frisch und energiegeladen gewesen. Eine Kür sei zwar vom Hallensprecher angekündigt worden, aber nie geplant gewesen. „Wir dürfen noch nicht alle Lektionen reiten", sagt Rath. Seitwärtsgänge und Pirouetten seien nach der Verletzung noch nicht wieder erlaubt. Vor dem zweiten Auftritt hätten sie dann „in Absprache mit dem Tierarzt" ein bisschen mehr trainiert.
Ein Interessenkonflikt - und ein unausgesprochener Vorwurf an Paul Schockemöhle - lässt sich aus diesen Worten leicht heraushören: Das Pferd musste trotz einer noch nicht ganz auskurierten Verletzung bei der Hengstschau gezeigt werden. Dies dient zunächst nicht den Interessen des Turnierreiters, sondern den Interessen des Kaufmanns aus Mühlen, dem die Zuchtrechte an Totilas gehören. 8000 Euro nimmt er ein, wenn eine Stute von Totilas tragend wird. Das Geschäft ist bisher glänzend gelaufen.
Allein in Deutschland werden in diesem Jahr etwa 200 Totilas-Fohlen erwartet. Allerdings dürfte die verunglückte Präsentation von Vechta Interessenten gekostet haben. „Das war sicher nicht zuträglich", sagt Schockemöhle. Sollten sich nur zehn Züchter von Totilas abgewandt haben, hätte ihn das 80.000 Euro gekostet. Er findet: „So was passiert mal mit Tieren." Ein Grundsatzproblem bei Totilas sieht er nicht. „Grundsätzlich war zu erkennen, dass es ein außergewöhnliches Pferd ist", sagt Schockemöhle. „Aber es funktionierte nicht."
Er sieht das Problem auf der anderen Seite. Er wählt seine Worte vorsichtig, schließlich steht er inzwischen in lebhafter Geschäftsverbindung mit Ann-Kathrin Linsenhoff, Raths Stiefmutter, die für die Sportrechte an Totilas einen Millionenbetrag bezahlt hat. Insgesamt soll der Hengst zehn Millionen Euro gekostet haben, nach welchem Schlüssel der Kaufpreis auf die Besitzergemeinschaft verteilt wurde, ist unbekannt. Aber auch bei Schockemöhle kann man zwischen den Zeilen lesen: Wenn die Klasse des Pferdes stimmt, es mit der Präsentation aber hapert, muss es am Reiter und seiner Entourage liegen.
Deutlich wird Schockemöhle, wenn es um Raths Ritte bei den Europameisterschaften im vergangenen Jahr in Rotterdam geht, wo er keine Einzelmedaille gewinnen konnte und Totilas dem Reiter phasenweise den Respekt verweigerte. „Das war keine brillante Vorstellung. Das Pferd ist besser, als es in Rotterdam ging." Schockemöhle ist der Überzeugung, dass Rath die Erfahrung fehlt. „Er muss lernen, mit Situationen fertig zu werden, die er nicht erwartet hat." Rath gehörte auch vor dem Totilas-Deal zum deutschen Championatskader, allerdings profitierte er immer von bereits fertig ausgebildeten Pferden. Er gilt als talentierter, aber braver Reiter. Gegen die Untugend seines Pferdes Sterntaler, auf der Schlusslinie die Piaffe zu verweigern, hat er sich zum Beispiel nie durchsetzen können.
Edward Gal, der Totilas zum Star gemacht hat, ist ein erfahrener Profi. Er hat mehrere Weltklassepferde in den Sport gebracht. Der Niederländer, der gerne einmal mit Pelzstiefelchen durch den Stall stolziert, bildete mit dem energiesprühenden Totilas ein faszinierendes Paar. Es war nicht zu erwarten, dass Rath jemals Gals Abgebrühtheit und Glamour-Faktor erreichen würde. Stattdessen sollte der Hengst - so jedenfalls äußerten sich einst der Reiter und sein Vater - künftig nach den traditionellen deutschen Grundsätzen geritten und so weiter verbessert werden. Das Ergebnis: Widersetzlichkeiten bei der Premiere in Wiesbaden, Gesamtsieg in Aachen, allerdings gegen schwächelnde Konkurrenz, Probleme bei der Europameisterschaft in Rotterdam, das angestrebte Olympia-Doppelgold außer Sichtweite, das Projekt festgefahren.
Matthias Rath bestreitet, dass es eine Verzweiflungstat gewesen sei. Aber der Versuch, in dieser Problemlage den niederländischen Dressur-Guru und Bondscoach Sjef Janssen zu verpflichten - angeblich nur für die Nachwuchspferde -, kommt für Puristen der alten Lehre einem opportunistischen Überlaufen ins feindliche Lager gleich. „Wir waren uns der Brisanz bewusst", sagt der Reiter. Janssen ist der erfolgreichste Dressur-Trainer der vergangenen 15 Jahre. Er propagiert Trainingsmethoden, die nicht verboten, aber umstritten sind.
Zentraler Kritikpunkt ist die „Rollkur". Dabei wird die Nase eines Pferdes extrem auf die Brust gezogen, es entsteht eine Überdehnung des Pferdehalses, durch die der gesamte Tierkörper unter Spannung gesetzt wird. Aus dieser Spannung entstehen exaltierte, zirzensische Bewegungen, für die zum Beispiel Totilas unter Gal seine Rekordnoten erhielt. Die Verfechter der traditionellen Reitlehre, bei des es um die Gesunderhaltung des Pferdes und weniger um Showeffekte geht, beklagen seit Jahren die in ihren Augen schädliche Entwicklung. So hat die Bundesvereinigung der Berufsreiter in einer Stellungnahme „mit großem Bedauern“ auf den Plan des Totilas-Clans reagiert, mit Janssen zusammenzuarbeiten. Das sei „absolut unverständlich“. Und die Gesellschaft Xenophon, deren Vorsitzender der deutsche Ausbilder Klaus Balkenhol ist, in einer Stellungnahme erklärt: „Die von Sjef Janssen vertretene Methode ist . . . nicht mit den Grundsätzen einer pferdegerechten Ausbildung vereinbar." Die Gesellschaft lässt durchblicken, dass diese Methode gegen Fairness und Tierschutz verstoße. Schockemöhle aber will von all dem nichts wissen: „Die sollen sich um ihren eigenen Kram kümmern."
Die Hüter der tradierten kavalleristischen Pferdeausbildung befürchten, dass die Überdehnung des Pferdehalses und die unnatürlichen Bewegungen zu einem frühen Verschleiß führen. Typisch dafür wäre ein steifer, schmerzender Rücken. Zwar ist der Wallach Bonfire - das erste von Janssen trainierte Pferd, das unter seiner Frau Anky van Grunsven erfolgreich die Deutschen herausforderte - mittlerweile 29 Jahre alt. Aber es gibt auch Gegenbeispiele. Unter den Traditionalisten, die sich untereinander lebhaft austauschen, herrscht die Überzeugung, dass auch Totilas die holländische Dressur-Schule nicht heil überstanden hat und längst Schmerzen leidet. Schade um das wunderbare Pferd, sagen sie. Schockemöhle hingegen ist optimistisch: „Ich gehe davon aus, dass das im Sommer gut klappt. Ich denke, dass er in London geht, und hoffe, dass er die Chance auf eine Einzelmedaille hat."
Janssen musste auf Druck des niederländischen Verbandes auf den Linsenhoff-Job vorerst verzichten - nach Olympia kann er mit der Arbeit beginnen. Bis dahin wird das Totilas-Projekt unverändert weitergehen. Der Tierarzt wird sich um ihn kümmern - wann er erstmals in dieser Saison an den Start gehen kann, ist unklar. Fest steht auch, dass Matthias Rath ihn weiter reiten wird. Schon, weil der 27 Jahre alte Stiefsohn den Auftrag hat, in dritter Generation Olympia-Gold ins Haus Linsenhoff zu holen, nach der Patriarchin Liselott und deren Tochter Ann-Kathrin.
Edward Gals Wunsch, Totilas zurückzubekommen, wird sich hingegen nicht erfüllen. Sein neuer Mäzen, der österreichische Pistolenfabrikant und FBI-Ausrüster Gaston Glock, hat zwar bereits mehrere Angebote an Schockemöhle und die Familie Linsenhoff abgegeben. Zuletzt war nach der missglückten Hengst-Schau in den österreichischen Zeitungen davon die Rede. Rath empfand das als Störfeuer: „Genau in dieser Woche, das war echt mühsam." Er könne ja verstehen, dass Gal am Anfang traurig gewesen sei, Totilas zu verlieren. „So ein Pferd bekommt man nur einmal im Leben." Aber nun, findet er, solle endlich Ruhe einkehren. Totilas werde nicht verkauft. „Dazu haben wir viel zu viel Spaß und Freude an dem Pferd." Danach sieht es im Moment allerdings nicht aus.