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Totilas geschlagen Das britische Gegenmodell

 ·  Die Dressur-EM erlebt schon am zweiten Tag einen nie dagewesenen Superlativ - doch nicht Totilas mit seinem deutschen Reiter Rath ist das Wundertier im Carree. Dem Briten Carl Hester gelingt mit Uthopia ein Manifest der Gelassenheit.

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Als Matthias Alexander Rath mit Totilas in die Arena von Rotterdam einritt, war das Gold schon weg. Zu stark waren die Briten im Grand Prix gewesen, allen voran Carl Hester mit Uthopia, zu fehlerhaft die Auftritte der anderen Deutschen. Weil selbst Rath mit seinem Millionenhengst nichts mehr daran ändern konnte, dass Großbritannien Mannschafts-Europameister in der Dressur wurde, ging es am Donnerstagnachmittag um eine andere Frage: Wer ist der Chef im europäischen Ring? 82,568 Prozentpunkte hatte Hester vorgelegt, die Herolde aus England hatten nicht übertrieben, hier hatte ein neues Traumpaar des Dressurreitens erstmals vor großem Publikum seine Möglichkeiten entfaltet.

Rath nahm den neuen Maßstab an und versuchte, Hesters umjubelten Grand Prix zu übertreffen. Doch die Risiken, die der Kronberger einging, waren zu groß. Die fliegenden Einerwechsel hatte er zuletzt im Training noch einmal verbessert, nun wollte er damit auftrumpfen, doch am Ende der Diagonale gab es ein Missverständnis. „Ich hätte die Hilfe einen Tick konsequenter geben müssen“, sagte der Reiter. So aber fielen nach der offenbar zu vorsichtigen Aufforderung die beiden letzten Wechsel aus. „Schade“, sagte Rath.

Auf der letzten Linie erhöhte er noch einmal das Risiko und legte so viel Nachdruck hinter die Passage - den erhabenen Trab -, dass Totilas plötzlich ein kurzer Galoppsprung entfuhr. Zweiter Fehler. Das Ergebnis waren 79,453 Prozentpunkte. Damit musste er am Abend auch noch die Niederländerin Adelinde Cornelissen auf Parzival mit 81,155 Punkten an sich vorbeiziehen lassen. „Man darf sich keinen Fehler erlauben“, sagte Rath, der damit im Grand Prix das drittbeste Einzelergebnis erzielt hatte. „Dafür ist das Niveau einfach zu hoch.“

Mit 238,678 Punkten enteilten die Briten den Deutschen (226,110) am Ende um mehr als zwölf Punkte - ein deutlicher Vorsprung vor den einstigen Seriensiegern, die eigentlich zur Europameisterschaft gekommen waren, um den Niederländern die Vorherrschaft wieder abzunehmen. Die ließen sie tatsächlich hinter sich - mit 222,645 Punkten blieb dem Titelverteidiger nur Bronze. Die Briten mit Hester, Charlotte Dujardin auf Valegro (78,830) und Laura Bechtolsheimer auf Mistral Hojris (77,280) sorgten hingegen im Jahr vor den Olympischen Spielen in London für einen fliegenden Wechsel.

Alle Blicke wenden sich nun Carl Hester zu

Auch Isabell Werth (Rheinberg) war es nicht gelungen, am Tag der Entscheidung ihrem Pferd, El Santo, seine beste Leistung zu entlocken. Wegen anhaltender Piaffen-Probleme gab es nur 75,213 Punkte. Schon am Vortag hatten Christoph Koschel (Hagen) mit Donnperignon und Helen Langehanenberg mit Damon Hill als Lieferantin des Streichresultats unnötig gepatzt. Am Samstag im Grand Prix Special und am Sonntag in der Kür werden die Cracks nun gegeneinander um die Einzeltitel antreten. „Es wäre kein Weltuntergang, wenn ich hier nicht gewinnen würde“, sagt Rath. „Aber die Sache könnte genau so gut auch anders herum passieren.“

Alle Blicke wenden sich nun Carl Hester zu. Er gehört schon seit 20 Jahren zur Dressur-Elite, doch der zehnjährige Hengst Uthopia ist das Beste, was der 43 Jahre alte Brite je unter dem Sattel hatte. Hat man je ein Pferd den starken Trab mit mehr Speed und Leichtigkeit ausüben sehen? Die Richter in Rotterdam jedenfalls - neuerdings sind es sieben - ließen sich von Uthopia zu einem noch nie dagewesenen Superlativ hinreißen. Einhellig zogen sie die Höchstnote zehn für diese Lektion. Nicht einmal für Totilas waren sie jemals zu solch einer Manifestation bereit. Insgesamt umgibt das Paar eine Aura der Gelassenheit, die wie ein Gegenmodell wirkt zum manchmal zirzensischen Spektakel, mit dem Totilas die Mengen begeistert.

Top-Dressurpferd und Top-Zuchthengst

Vier Jahre alt war Uthopia, als Hester ihn - ursprünglich für seine nordirische Schülerin Sasha Stewart - entdeckte. Hester bildete ihn aus, und als Sasha Stewart heiratete und drei Kinder bekam, übernahm er ihn ganz. In Rotterdam bestritt er mit dem Pferd erst den sechsten Grand Prix, und die Kür am Sonntag wird eine Premiere sein - die Musik ist erst vergangenen Freitag fertig geworden. Schon seit einiger Zeit allerdings klingelt bei Familie Stewart ständig das Telefon. Die Kaufangebote häufen sich, die gebotenen Summen dürften astronomisch Ausmaße haben, denn wie Totilas ist Uthopia nicht nur ein Top-Dressurpferd, sondern außerdem noch ein Top-Zuchthengst, also eine dauerhafte Geldquelle.

Hester ist trotzdem zuversichtlich, dass er ihn bis zu den Olympischen Spielen behalten kann. Auch der neunjährige Wallach Valegro, mit dem Hesters Angestellte Charlotte Dujardin schon am Mittwoch die Zuschauer in Rotterdam überwältigte (siehe: Dressur-EM: Einfach überrollt), ist eine Entdeckung des Briten, und dieses Pferd gehört ihm selbst. Zu zwei Dritteln ist das britische Dressurwunder also auf Carl Hesters Hof in Gloucestershire zuhause.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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