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Totilas Der Zauber ist endgültig verflogen

 ·  Verletzungen, Ausfälle, eine fragwürdige Trainingspraxis - und nun ist auch noch Reiter Rath erkrankt: Der geplante Hype um Totilas war nur ein Strohfeuer. Das Goldprojekt ist gescheitert.

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© dpa Von wegen Traumpaar: Matthias Rath und Totilas haben den Weg nach London verfehlt

Offensichtlich gibt es wirklich Menschen, die Totilas-Tassen im Schrank haben. Und ganz verlassen ist der Devotionalienstand für den berühmten Dressurhengst auf dem Gelände des CHIO in Aachen selbst jetzt nicht. Wer auf der Verkaufsausstellung ein bisschen sucht, der findet den Laden hinter der Haupttribüne, und es kommen auch ab und zu ein paar Kunden vorbei. Ein Set aus Fan-Shirt und Schirmmütze kann man dort zum Sonderpreis von 20 Euro kaufen - und es ist nicht wahr, dass die Preise erst gesenkt wurden, seit bekannt ist, dass Totilas bei den Olympischen Spielen in London fehlen wird.

Angeblich ist sogar eine neue Kollektion in Planung. Doch fest steht nicht erst seit ein paar Tagen, dass aus dem geplanten Hype um das Millionenpferd nach einem ersten Strohfeuer nicht viel geworden ist. Verletzungen, Ausfälle, zum Teil enttäuschende Leistungen und eine fragwürdige Trainingspraxis unter seinem Reiter Matthias Rath haben das Publikum ernüchtert. Das Londoner Goldprojekt musste für gescheitert erklärt werden, weil Rath erkrankt ist. Und ein zweiter Anlauf in Rio 2016 ist unwahrscheinlich. Dann wird Totilas, so die Pferdegötter wollen, 16 Jahre alt sein - ein gesegnetes Alter. Experten für klassische Pferdeausbildung können sich allerdings kaum vorstellen, dass der Körper des Hochleistungsreittiers die Folgen der „Rollkur“ heil überstanden hat. Eine schmissige Gold-Vorstellung in vier Jahren im olympischen Viereck erwarten sie eher nicht.

Wieder im gewohnten Leben

In Aachen wendet sich der Pferdesport erleichtert wieder seinem gewohnten Leben zu. Die Olympiamannschaften in drei Disziplinen werden in der Soers gesichtet, die Bundestrainer knobeln an ihren Aufgaben, das Publikum wanderte am Samstag vom Dressurviereck ins Vielseitigkeitsgelände und dann zum Spring-Parcours, und so langsam nahm die Nennungsfrequenz des Pferdenamens Totilas ab - so als schlösse sich das große Meer dieses traditionsreichen Sports über einer lärmenden Krawallmaschine, die nun untergegangen ist.

Die Erkenntnis, dass man nicht zehn Millionen Euro in die Hand nehmen und sich einen Olympiasieg kaufen kann, beruhigt die Gemüter. Selbst Totilas-Mitbesitzer Paul Schockemöhle gibt sich weitgehend gelassen. Er hat mit den Zuchtrechten bereits gutes Geld verdient. Und damit, dass die Nachfrage nach dem ersten Jahr zurückgehen würde, hatte er gerechnet. Schockemöhle ist schließlich nur Besitzer der Totilas-Refinanzierungsquelle. Die Sportrechte hat er der vermögenden Erbin Ann Kathrin Linsenhoff verkauft, die ihren Stiefsohn Rath in den brisanten Sattel setzte.

Unter einem unglücklichen Stern

Selten hat es ein Projekt gegeben, das unter einem so unglücklichen Stern stand. Seit der Niederländer Edward Gal sich im Jahr 2010 bei den Weltmeisterschaften in Kentucky im Sattel von Totilas als dreifacher Titelgewinner verneigte, ist es vorbei mit der großen Magie, die von diesem Pferd ausging. Der spektakuläre Dressur-Crack, mit dem Gal viele Menschen begeistert und sämtliche Punkterekorde gebrochen hatte, wurde stattdessen Gegenstand eines aufsehenerregenden Millionendeals. Ein wunderbares Tier ist dieser Totilas, mit großem Bewegungstalent und einer fesselnden Persönlichkeit - doch eben auch ein Tier; wirtschaftlich gesehen eine Ware. Die Verwandlung dieses wundersamen Wesens in einen piaffierenden Goldbarren ist seinem Star-Appeal nicht gut bekommen. Und Matthias Rath, dem 27 Jahre alten Reiter, kam die unlösbare Aufgabe zu, den alten Zauber wiederzubeleben und gleichzeitig Deutschland einen Doppel-Olympiasieg zu liefern.

„Wer hoch fliegt, kann tief fallen.“ So warnte schon vor mehr als einem Jahr - zum Missvergnügen der Totilas-Entourage - der erfahrene Dressurtrainer Klaus Balkenhol, der zeitweise auch Raths Trainer war. „Er wäre der Erste, der in einer solchen Situation keinen Druck verspürt. Ich hoffe, er hält das aus.“ Isabell Werth, die versierteste und professionellste deutsche Dressurreiterin, hatte es rundheraus abgelehnt, das Himmelfahrtskommando im Sattel des Wunderhengstes zu übernehmen. Sie bilde ihre Pferde üblicherweise selbst aus, sagte sie.

Ein Verkauf kommt nicht in Frage

Ständig mit dem glamourösen Gal verglichen zu werden, der außerdem ein hervorragender Ausbilder und Reiter ist, schien nur einem nichts auszumachen: Matthias Rath. Dass nun die Erkrankung des Reiters das Totilas-Spektakel beendet hat und nicht etwa eine abermalige Verletzung des Pferdes, scheint deshalb schon fast einleuchtend. Rath wäre nicht der Erste, dessen Körper sich dem übermäßigen Psychodruck verweigert. Aus Kronberg wird gemeldet, dass er mit Pfeifferschem Drüsenfieber im Bett liege. Diese Krankheit gilt unter Leistungssportlern zumindest als Saisonkiller, andere hat es schon die Karriere gekostet.

„Man muss das realistisch sehen“, sagte Schockemöhle am Tag von Raths endgültiger Olympia-Absage. Er wolle die Sache abhaken. „Wenn ich Aids oder Krebs hätte - dann wäre das wirklich ein Problem.“ Nun müsse man Rath eben eine vernünftige Pause geben, bis er wieder in Schuss sei. Und dann werde er Totilas weiter reiten. Ein Verkauf des Pferdes kommt für die Besitzergemeinschaft nicht in Frage. Schon ein früheres Angebot durch den österreichischen Waffenhersteller Gaston Glock hat sie abgelehnt. Glock ist der neue Sponsor des ehemaligen Totilas-Reiters Edward Gal, der gleich mit drei Pferden zum niederländischen Olympiakader gehört. Ein neuer Totilas ist aber nicht dabei. Den gibt es nicht.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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