24.01.2008 · Noch niemand hatte solch ein Opfer in einer ernsten Schach-Partie gewagt. Wesselin Topalow versuchte es ausgerechnet gegen Erzrivale Wladimir Kramnik - und siegte sensationell. Nun feiert die Fachwelt den überraschenden Zug des Bulgaren.
Von Stefan LöfflerWar es ein Bluff? Wollte Wesselin Topalow seinen Erzrivalen Wladimir Kramnik besonders demütigen? In einer hunderte Male gespielten Stellung schlug der Bulgare mit einem Springer den Bauern vor Kramniks König. Als wollte er diesem sagen: Dir kann ich sogar eine Figur vorgeben!
Noch niemand hatte dieses Opfer in einer ernsten Partie gewagt. Dutzende Großmeister müssen es analysiert und als inkorrekt verworfen haben. Schließlich handelt es sich um die derzeit angesagteste Eröffnungsvariante, das „Anti-Moskauer Gambit“. Nun stand es beim prestigeträchtigen Turnier im niederländischen Seebad Wijk aan Zee zur Diskussion: Ein Kaffeehauszug oder die Bombe des Jahres?
Frühe Frage: Materialvorteil oder Damenopfer?
Nach den nächsten Zügen versank Kramnik ins Grübeln. Hielte er seinen Materialvorteil fest, war nicht offensichtlich, wie Weiß fortsetzen sollte. Topalows Angriff konnte er auf diese Weise jedenfalls nicht stoppen. Im 27. Zug hatte der Bulgare bereits die Wahl, trivial seinerseits in Materialvorteil zu kommen oder ein Damenopfer obendrauf zu setzen. Er trennte sich von seiner stärksten Figur und gewann mit Stil. Und lobte hinterher seinen Sekundanten Iwan Tscheparinow, der das Springeropfer gefunden und vorbereitet hatte.
Besondere Aufmerksamkeit hatte die Begegnung zwischen den beiden früheren Weltmeistern wegen ihrer Vorgeschichte. Während ihres WM-Kampfs 2006 hatte Topalows Lager Kramnik wegen dessen häufiger Toilettengänge verdächtigt, dort elektronische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dann wurde Topalow Zielscheibe unbelegter Manipulationsvorwürfe, die aus Kramniks Umfeld geschürt wurden. Seitdem dokumentieren sie ihre gegenseitige Abneigung, indem sie einander den vor und nach jeder Partie üblichen Handschlag verweigern.
Partieverlust bei Handschlagverweigerung
In diesem Fall greift auch eine zwischenzeitlich vom Vorstand des Weltschachbunds empfohlene Regel nicht, der zufolge Spieler, die die entgegengestreckte Hand ihres Gegners ignorieren, mit dem Partieverlust zu bestrafen seien.
Erstmals angewandt wurde sie am Sonntag in Wijk aan Zee: Der in der B-Gruppe antretende Iwan Tscheparinow, wurde zunächst disqualifiziert, weil er Nigel Short die Begrüßung verweigerte. Topalows Sekundant legte Protest ein und durfte die Partie, unter der Bedingung, dass er sich bei dem Engländer entschuldigte, am spielfreien Montag nachholen.
Magnus Carlsen überraschend an der Spitze
Die Handschlagaffäre hat während der letzten Tage das schachliche Geschehen überschattet. Überraschend an der Spitze agiert Magnus Carlsen. Am Dienstag musste aber auch der erst 17 Jahre alte Norweger seine erste Niederlage in diesem Wettbewerb gegen den Ungarn Peter Leko hinnehmen. Daraufhin hätte Lewon Aronjan durch einen Sieg gegen Schlusslicht Pawel Eljanow die alleinige Führung erobern können.
Doch der in Berlin lebende Armenier kam mit Weiß nicht über ein Remis hinaus. Nur einen halben Punkt hinter Aronjan und Carlsen lauern nun Kramnik, Weltmeister Viswanathan Anand, der Aserbaidschaner Teimur Radschabow und der Engländer Michael Adams. Selbst Topalow, der schwach begonnen hatte, hat wieder Chancen, in den bis Sonntag ausstehenden vier Runden noch ganz nach vorne zu kommen.