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Tony Martin : Der ratlose Champion

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Was ist nur los? Tony Martin sehnt sich nach einer Kehrtwende in seiner Karriere. Beim Zeitfahren in Bergen an diesem Mittwoch hält er allenfalls Bronze für möglich. Bild: dpa

Tony Martin grübelt über sein Leben als Radrennfahrer. Er sieht sich in einer Abwärtsspirale – Beim Zeitfahren in Bergen hält er allenfalls Bronze für möglich. Nach der WM will er nach Antworten suchen.

          Am kommenden Montag wird Tony Martin an einem norwegischen See sitzen, die Angelrute auswerfen, die Beine stillhalten und die Gedanken kreisen lassen: nachdenken, ja fast schon grübeln über sein Berufsleben als Rennfahrer. Nicht, dass Martin sich mit Gedanken über eine Exit-Strategie aus dem professionellen Räderwerk trägt, ganz im Gegenteil. „Aber ich hadere schon sehr. Wo die Baustellen sind, weiß ich noch nicht genau. Ich habe das Gefühl, dass ich in einer Abwärtsspirale stecke, aus der ich mich herauskämpfen muss“, sagt der 32-Jährige und spricht von einer „gewissen Ratlosigkeit“, die er fühle. Zumal seine, gemessen an den eigenen Ansprüchen, schon chronische Erfolglosigkeit im Missverhältnis zu seiner gefühlt guten Form und seinem unverminderten Spaß am Trainings- und Rennbetrieb steht, wie er sagt. „Ich habe mich nach dem Wechsel zu meinem neuen Team Katjuscha-Alpecin zu Jahresbeginn sofort sehr wohl gefühlt.“

          Seit anderthalb Jahren schon kommt der einst so erfolgsverwöhnte Eschborner auf dem Sattel nicht mehr wie gewünscht voran. „Sicher habe ich mental ein paar Probleme, wenn man einmal aus dem Sieges-Flow raus ist“, sagt Martin. „Es fällt schwer, wenn man vorher alles gewonnen hat, dann wieder nach oben zu kommen.“ Beständig radelte er, dem vieles lange leichtfiel und die Erfolge nur so zuflogen, den eigenen Erwartungen hinterher – unterbrochen nur von einem lichten Moment bei den Weltmeisterschaften vor einem Jahr in Doha. In der Hitze der Wüste holte sich der fünfmalige Etappensieger und zweimalige Träger des Gelben Trikots bei der Tour de France seinen vierten Weltmeister-Titel im Zeitfahren. An diesem Mittwoch startet der diesjährige Kampf gegen die Uhr um Weltmeisterehren in der norwegischen Stadt Bergen.

          Die großen Favoriten auf WM-Gold

          Und die Ausgangssituation stellt sich ganz ähnlich dar: Wie schon in Doha blickt Martin auch in Bergen auf ein Jahr zurück, in dem ihm nichts so recht gelingen wollte. Nur ist der Zeitfahrkurs in Norwegen nicht dazu angetan, abermals Hoffnungen zu wecken auf ein goldenes Finale der Saison. „Die Strecke ist alles andere als für mich gemacht, die Chancen auf ein Happy End sind nicht so groß. Andere sind in der Favoritenrolle“, sagt Martin, der als Titelverteidiger als Letzter von der Startrampe rollen wird. Einen fünften Zeitfahrtitel bezeichnet er als „utopisch“ und den Kurs als „einer WM unwürdig“. Der 1,86 Meter große Athlet schätzt lange, flache Strecken, um seine Kernkompetenzen kraftvoll ausspielen zu können. Doch in Bergen ist der Parcours nur 31 Kilometer lang und, was für Martin noch schwerer wiegt, mit einem kernigen, 3,5 Kilometer langen Schlussanstieg gewürzt. So bleiben dem Deutschen nur wenige Kilometer übrig im Flachen, um einen Vorsprung vor der erstklassigen Konkurrenz herauszufahren, ehe es den im Schnitt 9,1 Prozent steilen Abschnitt zum Gipfel des Floyen hinaufgeht.

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          Die großen Favoriten auf WM-Gold sind die kletterfreudigen Stars Tom Dumoulin vom deutschen Team Sunweb und Christopher Froome von der britischen Equipe Sky, die sich die Siege bei den drei großen Rundfahrten des Jahres aufgeteilt haben. Der Niederländer Dumoulin, der mit seiner Mannschaft am Sonntag schon beim Teamzeitfahren in Bergen siegte – Martin und Katjuscha-Alpecin wurden Neunte –, hat im Frühjahr den Giro d’Italia gewonnen. Der Brite Froome strebt nach seinen Siegen bei der Tour de France und der Vuelta nun den dritten Streich in diesem Jahr an. Martin wähnt sich angesichts dieser Voraussetzungen in den Kampf maximal um die Bronzemedaille verwickelt.

          „Eigentlich bin ich freier denn je“

          Der Podiumsplatz würde seine Saisonbilanz aufhübschen, aber das Ausmaß seiner Ergebniskrise nicht überdecken. Dafür ist Martin auch ein viel zu reflektierter Typ. Über den Winter will er nun versuchen, das Rätsel seiner Schwäche zu lösen. Es liege nicht, so viel sei sicher, an den körperlichen Voraussetzungen, er sei „nicht nachlässiger oder trainingsfauler geworden, ganz im Gegenteil“, erzählt Martin. Vielmehr habe er manchmal trotz seiner langen Erfahrung im Profizirkus das Gefühl gehabt, umso härter er trainiere, desto schlechter sei es gelaufen. Der Tiefpunkt war die diesjährige Tour de France. Auf dem auf seine Fähigkeiten maßgeschneiderten Kurs des Prologs in Düsseldorf spülte der Dauerregen seinen Traum von Gelb hinweg. Auf der zweiten Etappe nach Lüttich stürzte er, später erwischte ihn ein Infekt, und als er auf einem Teilstück mit einer fulminanten Alleinfahrt so stark wie einst wirkte, vermochte er seinen Vorsprung nicht ins Etappenziel zu bringen.

          Ihn, den einstigen Dominator der Szene im Zeitfahren, plagten auch keine Existenzängste, welche die Beine lähmen können. „Ich habe nicht den Druck, um Verträge und Prämien zu fahren, sondern fahre in einem Topteam, das bestens harmoniert“, sagt Martin. Auch mit dem Erwartungsdruck von außen als Begleiterscheinung seiner Erfolge hat er sich längst arrangiert. „Eigentlich bin ich freier denn je“, sagt er. Denn die Fallhöhe zwischen Erwartung und tatsächlichem Ergebnis ist aufgrund seiner Durststrecke schon viel geringer geworden. Aber dennoch: „Irgendwas“, so Martin, „muss passieren, um die Kehrtwende zu erreichen.“

          Bleibt die mentale Ebene. „Ich bin sehr offen für dieses Thema. Das habe ich in der Vergangenheit vernachlässigt, was normal ist, wenn man erfolgreich fährt“, sagt Martin. Die rennfreie Zeit in der kalten Jahreszeit möchte er nutzen, um Erkenntnisse aus der alten und Impulse für die neue Saison zu sammeln. Und damit nach dem WM-Straßenrennen an diesem Sonntag beim Angeln an einem norwegischen See beginnen.

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