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Veröffentlicht: 03.06.2017, 13:36 Uhr

Tischtenniskind Harimoto Giftig, nicht niedlich

Wie lange sind die Chinesen immun gegen Tomokazu Harimoto? Das 13 Jahre alte Wunderkind aus Japan ist schon jetzt ein Star der Tischtennis-WM und funktioniert wie ein perfekt programmierter Roboter.

von , Düsseldorf
© EPA Schreit’s heraus: Giftig ist Harimoto auch nach erfolgreichen Punktgewinnen.

Was tun 13 Jahre alte Jungs so gemeinhin? Zur Schule gehen, mit Freunden abhängen, Smartphones triezen, bis sie fast rauchen, vielleicht ein bisschen Sport treiben. Der Japaner Tomokazu Harimoto stellt mit 13 die Tischtennis-Welt auf den Kopf. Der unheimliche Sturm des Teenagers durch die Weltrangliste gipfelte am Freitag in dem 4:0 über den Taiwaner Liao Cheng-Ting. Weil der Japaner auch das Achtelfinale gegen den 20 Jahre älteren Slowaken Lubomir Pistej ohne Probleme 4:1 gewann, steht er im Viertelfinale der Tischtennis-WM in Düsseldorf.

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Der Erfolg überraschte niemanden mehr in der mit 8000 Zuschauern ausverkauften Messehalle 6. Denn am Tag zuvor war ihm schon die Demontage seines Landsmannes und Vorbildes Jun Mizutani gelungen. Der Sechste der Weltrangliste gilt im nach Tischtennis verrückten Japan spätestens seit seinem Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Rio als Volksheld. Dass der Held von einem Kind, wenn auch einem Wunderkind, gestürzt werden könnte, galt als ausgeschlossen.

Zu den herausragenden Eigenschaften Mizutanis gehört seine Konstanz. Er verliert kaum einmal gegen schwächere Spieler. Der Umkehrschluss ist erlaubt. Zumindest in dieser Begegnung war Harimoto der deutlich Stärkere. Das Ergebnis von 4:1 sagt alles, es kam nicht durch das Versagen des Favoriten zustande, sondern durch das Vermögen des Außenseiters.

Altersrekorde hier, Altersrekorde dort

Harimoto hat so ziemlich jeden Altersrekord im Tischtennis pulverisiert. Mit 12 wurde er zum jüngsten Spieler, der jemals einen Gegner aus den Top 100 der Weltrangliste schlug, der Jüngste, der jemals die erste Hauptrunde eines Weltranglistenturniers überstand, und der Jüngste, der Jugend-Weltmeister wurde. Die Altersgrenze in diesem Wettbewerb beträgt 18.

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Mit 13 triumphierte er als Jüngster im Junioren-Wettbewerb (bis 21 Jahre) eines Weltranglistenturniers, mit 13 erreichte er als Jüngster das Finale eines Weltranglistenturniers der Erwachsenen. Bei den Indian Open vor wenigen Wochen hatte der Deutsche Dimitrij Ovtcharov alle Hände voll zu tun, um den jungen Japaner niederzuhalten. „Ich war voll konzentriert, ich wollte nicht derjenige sein, der Harimoto auch noch zum jüngsten Turniersieger macht“, erinnert sich Ovtcharov. Um das nachzuholen, hat Harimoto noch über zwei Jahre Zeit.

Das Phänomen der extremen Frühreife erklärt sich durch sein Elternhaus. Vater und Mutter stammen aus China, kamen 1998 als Tischtennistrainer nach Japan. Ihr Sohn wurde 2003 geboren, im Alter von zwei Jahren drückten sie ihm einen Tischtennisschläger in die Hand. Seitdem hat er ihn quasi nicht mehr aus der Hand gelegt. „Ich trainiere neun Stunden am Tag“, sagte er neulich in einem Interview. Längst trainiert er nicht mehr in der heimischen Halle, sondern im japanischen Leistungszentrum in Tokio, aber immer noch wird er von seinem Vater betreut. Auch in Düsseldorf ist er dabei als einer der vielen Assistenten des Cheftrainers, der nur die Spiele coacht, ansonsten den Jungen in den Händen des Vaters belässt.

46781701 © dpa Vergrößern Gute Beinarbeit: Harimotos Schläge sind zwar noch nicht so wirkungsvoll wie die der Chinesen, aber das gleicht der erst 13 Jahre alte Japaner mit Übersicht aus.

Harimoto ist nicht der erste Japaner, der als Teenager in die Weltklasse vorstößt. Tischtennis gehört zu den beliebtesten Sportarten in diesem Land, die Umsätze, die mit Tischtennis gemacht werden, sind gewaltig, die Förderung der Profis entsprechend. „Und die Schule wird um den Sport herumgebaut, nicht umgekehrt“, sagt Richard Prause, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes. Die Qualität der Ausbildung erreicht fast schon chinesische Ausmaße, fast auch der Drill. Prause gibt zu: „Japan hat uns als zweitbeste Tischtennis-Nation abgelöst.“ Aber tauschen möchte er nicht. „Das duale System, Sport neben Beruf oder Schule, ist unserer Gesellschaft angemessen“, sagt er.

Konzentriert, verbissen, keine leichten Fehler

Wie weit nach oben kann Harimoto kommen? Wird er demnächst zu einer ernsten Gefahr für die fast unbesiegbaren Chinesen? Ja, wenn seine Entwicklung sich in diesem Tempo fortsetzen sollte. Aber Harimoto muss erst noch lernen, Rückschläge zu verkraften. Mit 13 hat man noch nichts zu verlieren.

Unbekümmert spielt Harimoto jedoch schon jetzt nicht auf. Das Gegenteil davon. Er wirkt unglaublich konzentriert, geradezu verbissen. Auf aggressive Weise bejubelt er fast jeden seiner Punkte, im Tischtennis eine unübliche Gepflogenheit. Wegen seiner Jugend fehlt es ihm noch an Kraft, seine Schläge haben nicht die durchschlagende Wirkung der Chinesen. Aber die Power wird noch kommen. Harimoto gleicht das Manko mit einer für sein Alter unglaublichen Spielübersicht und Ballkontrolle aus. Außerdem nimmt er den Ball extrem früh an, nimmt dadurch die Energie des Balles in den Rückschlag mit. Technisch ist er umfassend ausgebildet, die Gegner können an keinem Schwachpunkt ansetzen, müssen jeden Punkt aufwendig herausspielen, weil Harimoto keine leichten Fehler begeht.

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Der Japaner wirkt nicht wie ein Jugendlicher mit all seinen Emotionen und Gemütsschwankungen, sondern wie ein perfekt programmierter Roboter im Aggressions-Modus – giftig, nicht niedlich. Im Viertelfinale wartet dann der erste Chinese. Noch sind die Experten davon überzeugt, dass Spieler aus dem Reich der Mitte immun gegen Harimoto sind. Aber wie lange noch?

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