Als er neulich zu Jahresbeginn in Brisbane mal wieder wegen einer Verletzung aussteigen musste, da wählte Tommy Haas einen drastischen Vergleich. „Wenn ich ein Rennpferd wäre", sagte der in Florida wohnende Deutsche mit amerikanischem Pass, „dann wäre ich längst erschossen worden." Weil er aber ein Zweibeiner ist, durfte Haas zum Stehaufmännchen im Profitennis werden - wohl keiner hat mehr schwere Verletzungen und Zwangspausen hinter sich als er, und dieser kleine Muskelfaserriss in der Wade war da nicht der Rede wert.
Das Talent für eine überragende Tenniskarriere mit großen Erfolgen, das hatte in Tommy Haas gesteckt, aber er steckt eben auch in diesem Körper, der den Anforderungen eines Profisportlers nicht immer standgehalten hat. Er kam nach Schulteroperationen zurück, als man schon glaubte, er würde nie wieder so aufschlagen können, wie es für einen Tennisprofi nötig ist. Aber er gewann wieder Turniere, steckte eine Ellbogenverletzung weg, spielte sich 2009 in Wimbledon noch einmal ins Halbfinale und war auf seine alten Tage sogar noch einmal zu einer Bedrohung für die Stars geworden. Aber dann hatte die Hüfte gezwickt, wieder eine Operation, wieder das drohende Aus der Tenniskarriere, und wieder hat er sich zurückgekämpft. Es gibt viele, die das nicht verstehen, dass er sich immer noch so quält für - ja, für was?
„Noch einmal ein Turnier zu gewinnen, das wäre ein Traum", hatte Haas gesagt, als er im Mai vergangenen Jahres wieder auf die Profitour zurückkam. Wegen seiner langen Verletzungspause darf er ein Jahr lang bei bestimmten Turnieren auch ohne ausreichende Weltranglistenplazierung mitspielen, dann muss er wieder auf eigenen Beinen stehen. Näher ist er diesem Ziel, noch einmal einen Pokal hochhalten zu dürfen, nicht gekommen. Zwölf Spiele hat er gewonnen, zehn verloren, zweimal musste er dazu noch aufgeben.
35, 40 Mal in der Röhre - er will es nicht mehr
Auch zuletzt in Brisbane musste er passen, und weil die Schmerzen so groß geworden waren, wartete wieder die „Röhre" auf ihn. Haas fürchtet sie inzwischen, diese Kernspinuntersuchungen, wenn man für Schichtaufnahmen ganz in einen Apparat hineingeschoben wird und das klopfende Geräusch so schnell nicht wieder vergisst. „35, 40 Mal war ich in so einem Ding. Ich will das nicht mehr", sagt er.
An diesem Mittwoch wird Haas nach seinem Erstrundensieg über den Amerikaner Denis Kudla (7:6, 3:6, 6:0 und 7:5) dagegen wieder die schönen Seiten seines Berufs erleben - er steht bei den Australian Open im Blickpunkt, und wenn ihm so etwas momentan passiert, dann liegt das immer am Gegner. Der Deutsche wird auf Position 190 der Weltrangliste geführt, und damit ist man bei den großen Turnieren kein Fall mehr für die Arenen, selbst wenn man wie Haas hier in Melbourne dreimal (1999, 2002 und 2007) das Halbfinale erreicht hat. Diesmal aber wird es wohl gleich auf den größten Platz gehen, den die Australian Open zu bieten haben, denn als Gegner wartet der Weltranglistenzweite Rafael Nadal.
Uneingeschränkt ist die Freude über diese Gelegenheit bei Haas nicht. Zum einen ist die Aussicht, auf der großen Bühnen antreten zu dürfen, zwar verlockend, denn „wer weiß, wie lange ich noch spiele", aber zum anderen hätte eine etwas einfachere Auslosung auch seine Reize gehabt - dann wäre es etwas wahrscheinlicher geworden, noch weitere Punkte für die Weltranglistenplazierung sammeln zu können.
Früher, da wäre so ein Ansetzung auf einem der Hauptplätze keine besondere Sache gewesen für ihn, ganz im Gegenteil - früher hat er so etwas erwartet, und wenn er tatsächlich einmal auf einem der kleineren Plätze antreten musste, dann war Haas die Unzufriedenheit darüber deutlich anzumerken. Doch am Montag, bei Temperaturen von mehr als 30 Grad am ersten wirklich heißen Tag im australischen Sommer 2012, hatte er auf Court Nummer sieben antreten müssen, der alles erfüllt, was einen Nebenplatz ausmacht.
Davis Cup? Olympia? Nichts ist vorhersehbar
Ein Kommen und Gehen auf den Mini-Tribünen, wenig Auslauf, dafür viel Ablenkung und eine ständig wechselnde Geräuschkulisse. „Ich weiß, dass die Maße des Platzes genau dieselben sind wie in der Rod-Laver-Arena, aber es ist trotzdem eine komplett andere Welt", sagt Haas. Noch immer tut er sich schwer damit, diese Bedingungen zu akzeptieren, und manchmal fliegt er zwischen diesen Welten hin und her. Am Vortag hatte er noch mit Roger Federer in der Rod-Laver-Arena trainiert, er ist immer noch wer in dieser Szene. Aber er akzeptiert die ihm zugewiesene Nebenrolle da draußen auf dem Außenplatz. Diese ganze Profikarriere hat ihn demütiger gemacht, als er damals zu Beginn war, als ihm alles zuflog und er bis auf den zweiten Platz der Weltrangliste (Mai 2002) vorrückte. „Ich wollte heute nur gewinnen und sehen, ob die Wade hält", sagt er, „und nun bin ich super zufrieden."
Was wird noch kommen in seiner Tenniskarriere? Haas ist im vergangenen Jahr Vater geworden, und am liebsten würde er so lange weitermachen, bis ihn sein Töchterchen bewusst in Aktion sehen kann. Aber er wird im April 34 Jahre alt, die Zeit wird langsam knapp, auch für den Traum von einem letzten großen Erfolg. Dabei gehört er zu den ganz wenigen Profis, die auf jedem Bodenbelag zumindest ein Turnier gewonnen haben, er muss nichts und niemandem mehr etwas beweisen. Aber er könnte es natürlich vielleicht doch noch - mit seiner Erfahrung und seiner Ausstrahlung ist Haas auch eine Option für die Erstrundenpartie im Davispokal gegen Argentinien im Februar, und noch hat Teamchef Patrik Kühnen den Kader nicht bekanntgegeben. Und dann wären da ja auch noch die Olympischen Spiele in London. Und wer weiß schon, wie diese Karriere enden wird? Sie hatte so viele Wendungen, da wäre eine Schlusspointe nicht mehr überraschend.
"Gegen Nadal würde ich am liebsten auch auf Platz 7 spielen. Der kennt so etwas doch überhaupt nicht mehr." Tommy Haas