Den ersten Erfolg hat der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) schon vor dem ersten Ballwechsel der Heimweltmeisterschaft verbucht. In Dortmund bildeten sich am Sonntagmorgen nicht nur vor den Bäckereien Schlangen, sondern auch vor der Westfallenhalle. 3000 Zuschauer wollten bereits um 10 Uhr morgens dabei sein, als die deutschen Damen gegen Frankreich die Mannschafts-WM eröffneten. Drei Stunden später begrüßten 5500 Fans die deutschen Herren zu ihrem Premierenspiel gegen Tschechien.
Vor zwei Jahren in Moskau hatten noch nicht einmal die Finalspiele so viele Besucher angelockt. Damals endete das Turnier mit dem größten WM-Triumph in der deutschen Verbandsgeschichte. Das Herrenteam gewann Silber, die Damen Bronze. Um Ähnliches zu vollbringen, müssen die beiden Mannschaften einen weiten Weg zurücklegen: Fünf Gruppenspiele, Viertel- und Halbfinale sowie Endspiel. Sollten die Teams nicht Gruppensieger werden, sondern nur Zweiter oder Dritter, müssten sie noch zusätzlich das Achtelfinale bestreiten.
Einsame Spitzenspieler gab es schon oft
Die ersten Schritte zur Medaille unternahmen beide Mannschaften entschlossen. Die Damen besiegten zunächst Frankreich 3:0 und am späten Nachmittag Polen 3:1. Dabei überzeugten Wu Jiaduo, Kristin Silbereisen und Irene Ivancan. Dominant traten auch die Herren beim 3:0 gegen Tschechien und beim 3:0 gegen Spanien auf. Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov gaben keinen Satz ab, nur Patrick Baum musste sich etwas strecken.
Damit bestätigte die DTTB-Auswahl die hohen Erwartungen, die sie selbst an sich richtet. „Das ist die beste Mannschaft, die wir jemals hatten.“ Diese Ansage machte Ovtcharov vor Turnierbeginn. Den 23-Jährigen zeichnet neben seinem gesunden Selbstbewusstsein manchmal noch jugendliches Ungestüm aus. Umso überraschender war es, als Bundestrainer Jörg Rosskopf den Satz seiner Nummer zwei bestätigte: „Wir haben zwei Spieler unter den Top Ten der Weltrangliste, das gab es noch nie. Also haben wir logischerweise die beste deutsche Männermannschaft in der Geschichte.“
Einsame Spitzenspieler hatte der DTTB schon oft. Eberhard Schöler, Jörg Rosskopf und in den ersten Jahren seiner Karriere auch Timo Boll. Von ihrer Form war der Erfolg der Mannschaft abhängig. Seit drei, vier Jahren jedoch hat sich eine Gruppe herausgebildet, die sich auf ein immer höheres Niveau aufschaukelt. Dimitrij Ovtcharov und Patrick Baum (24 Jahre) kämpften schon seit der Jugend mit- und gegeneinander, ehe sie in der Nationalmannschaft auf Bastian Steger (31) und Christian Süß (26) trafen, die sich schon immer an Boll orientierten, sich an ihm rieben und aufrichteten.
„Timo in der Mannschaft zu wissen, gibt dir unheimlich viel Sicherheit“, sagt zum Beispiel Steger. Boll in derselben Trainingsgruppe zu wissen, gibt einem Profi die Sicherheit, beim Üben an seine Grenzen geführt zu werden. „Das ist doch die große Stärke der Chinesen“, sagt Steger. „Ihr unheimlich hohes Niveau in der Trainingsgruppe, ständig sind zehn Weltklasseleute zusammen. Und wir haben jetzt so etwas Ähnliches.“
Ein Ausnahmespieler könnte eine Gruppe aber auch blockieren. Bei Boll ist dies nicht der Fall, einen bescheideneren Star hat es wohl kaum in einer Sportart gegeben. Der Hesse beansprucht weder eine Führungsrolle noch Sonderbehandlungen. Sein Interesse galt immer auch dem Team. „Ich wäre ja blöd, die anderen klein zu halten, ich will doch auch mal Mannschaftseuropameister werden“, sagte Boll im Jahr 2005. Zwei Jahre später war es dann erstmals so weit, seitdem heißt der Europameister ununterbrochen Deutschland.
Boll ist immer noch unbestritten die Nummer eins in Deutschland und Europa. Aber die anderen Nationalspieler haben ihren Rückstand so deutlich verkleinert, dass sie ohne Boll immer noch Favorit auf den EM-Titel und gut genug für eine WM-Medaille wären. Am nächsten kommt ihm der Weltranglistenzehnte Ovtcharov. Im Februar gewann er in Abwesenheit Bolls das Europe-Top-12-Turnier, bei dem sich die Ranglistenbesten treffen. Ovtcharov ist der Hungrigste und Willensstärkste der Gruppe, der am härtesten trainiert und am härtesten schlägt. Er hat auch den engsten Kontakt zu Boll. Sie trainieren ab und zu privat zusammen, dann schläft Ovtcharov in Bolls Haus. Auch den Urlaub verbringen sie manchmal zusammen. „Ich war noch nie neidisch auf Timo, ich habe mich auch noch nie durch ihn behindert gefühlt. Er hat jeden Erfolg verdient und viel für uns alle getan. Ohne Timo würde ich weniger verdienen“, sagt Ovtcharov.
„Es wird keine Formation durchspielen“
Ähnlich formuliert es Steger: „Timo ist doch das Beste, was uns passieren konnte.“ Der Bayer hat sich in der Weltrangliste auf Position 25 verbessert und bei den deutschen Einzelmeisterschaften gerade Ovtcharov besiegt. Stegers Stärke ist seine Zuverlässigkeit. Er ruft sein Potential ab, Niederlagen gegen schwächer eingeschätzte Gegner unterlaufen ihm selten. Wegen dieser Eigenschaft und seiner Doppelstärke hat ihn der DTTB auch für die Olympiaqualifikation nominiert, obwohl Baum in der Weltrangliste als 18. vor ihm steht. In Luxemburg geht es um den dritten deutschen Startplatz für London, Boll und Ovtcharov haben ihren Start wegen ihrer Weltranglistenpositionen sicher.
Der Rheinhesse Baum verfügt nach Boll über das größte spielerische Talent. Er ist für viele ein besonders unangenehmer Gegner. Bei der letzten EM war er Bolls Finalgegner und unterlag nur knapp. Aber er verliert manchmal im Spiel den Faden. Viel besser als es Rang 49 in der Hackordnung ausdrückt, spielt Süß. Der Westfale war lange verletzt und gehört sicher zu den 30 Besten der Welt. Seine Stärke, das kurze Spiel über dem Tisch, macht ihn im Doppel zu einer Ausnahmeerscheinung. Mit Boll wurde er schon WM-Zweiter.
Außer China stellt keine andere Nation eine Mannschaft mit dieser Leistungsdichte und diesen taktischen Möglichkeiten. Auf jeden gegnerischen Spezialisten kann Rosskopf mit einem passenden Spieler reagieren. Und so kündigte der Bundestrainer schon nach dem ersten Sieg an: „Es wird keine Mannschaftsformation durchspielen. Ich habe großes Zutrauen in die Form jedes Spielers. Ich kann jeden jederzeit einsetzen.“