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Tischtennis-WM Respekt für Deutschland, Gold für China

 ·  Die Tischtennis-Herren Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und Patrick Baum schlagen sich im WM-Endspiel gegen den Titelverteidiger hervorragend – unterliegen aber trotzdem 0:3.

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© AFP Vergrößern Der wichtigste Sieg: Jike Zhang bezwingt Timo Boll

Die Bühne war bereitet. 11.000 Zuschauer in der ausverkauften Westfalenhalle, eine Stimmung wie 1989, als Jörg Roßkopf und Steffen Fetzner die bisher letzte Goldmedaille für den Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) gewannen. Es sollte der Tag werden, an dem die chinesische Vorherrschaft gebrochen wird. Zum bis dahin letzten Mal kam der Mannschaftsweltmeister 2000 aus einem anderen Land als China, Schweden war das. Die Chancen standen so gut wie nie für eine Überraschung, das sah auch der chinesische Cheftrainer Liu Guiliang so: „Die Deutschen sind ein Problem, sie spielen zuhause am stärksten. Und es ist die beste Mannschaft hier, die sie jemals hatten.“ War das ernst gemeint oder nur eine Höflichkeitsfloskel? Das nackte Resultat des WM-Endspiels sprach für die zweite Möglichkeit. China gewann 3:0.

Bei näherer Betrachtung gab es allerdings Anhaltspunkte dafür, dass die deutsche Herren-Nationalmannschaft sich tatsächlich frischen Respekt verdient hat. Und nicht nur für den, der den ausgelassenen Jubel der chinesischen Mannschaft nach dem Matchball beobachtete. Timo Boll gewann im Eröffnungseinzel gegen Weltmeister Zhang Jike zwei Sätze, und auch Dimitrij Ovtcharov erarbeitete sich gegen Ma Long Chancen zum Satzgewinn. Im zweiten Durchgang führte der 24-Jährige 9:4 und im dritten 11:10, doch er konnte den Vorsprung jeweils nicht halten.

Am deutlichsten wurden die deutschen Fortschritte auf Position drei sichtbar. Erstmals begegnete ein Tischtennisprofi des DTTB an dieser Rangstelle einem chinesischen Gegner auf Augenhöhe. Patrick Baum gewann gegen den Weltmeister von 2009, Wang Hao, den ersten Satz und verlor erst nach großer Gegenwehr 1:3.

Tischtennis-Deutschland ist mittlerweile mehr als Timo Boll. Aber um die Schwere der Aufgabe gegen China zu beschreiben, bietet sich ein Vergleich mit dem Tennis an. Wer sollte im Davis Cup ein Team besiegen, das aus Federer, Nadal und Djokovic besteht? Die drei Endspielteilnehmer der Chinesen in Dortmund belegen die Weltranglistenplätze eins bis drei, die beiden Ersatzleute stehen auf den Rängen vier und sieben.

„Man muss sie verunsichern, sie auf unser Niveau herunterziehen“, nennt Timo Boll das einzig mögliche Erfolgsrezept. Die spielerische Substanz, die sich die Chinesen im Laufe ihrer Karriere aneignen, kann von keinem Europäer übertroffen werden. Schon im Kindesalter trainieren die besten Nachwuchskräfte im Reich der Mitte so hart wie manche deutsche Profis, mit 20 haben sie mehr Trainingsstunden in den Knochen als die Europäer am Ende ihrer Laufbahn, wenn sie nicht gerade wie der Schwede Jörgen Persson auch noch mit 45 spielen.

Dass das Niveau in Europa so schwach geworden ist, dass ein Persson auch in diesem Alter noch zur erweiterten Spitze zählt, macht es für Bundestrainer Jörg Roßkopf doppelt schwer, die Chinesen anzugreifen. „Die Spieler sind in der Gefahr, schnell zufrieden zu werden, weil es bei Europameisterschaften ja reicht“, sagt Roßkopf, der schon als Spieler einen ungeheuer großen Arbeitseifer besaß.

Das 42 Jahre alte Tischtennis-Idol gerät ins Schwärmen, wenn er das Talent von Timo Boll beschreibt. „Es ist unglaublich, auf welch hohem Niveau er in Dortmund gespielt hat, wenn man sieht, wie sehr seine Vorbereitung durch Verletzungen gestört war.“ Aber der Hesse sagt auch über seinen jüngeren Landsmann: „Er könnte noch besser sein, wenn er ein paar Sponsorentermine weniger machte. Er hat eine große und lange Karriere, ohne allzu großen Aufwand.“

Roßkopf ist vom Ehrgeiz getrieben

Der Satz liest sich böser, als er geklungen hat. Das Verhältnis der beiden ist von großem Respekt geprägt und ungetrübt. „Aber ich lasse mich nicht verbiegen, ich spreche an, was mir nicht gefällt“, sagt Roßkopf. Deshalb hat er auch seinen nach Olympia auslaufenden Vertrag als Bundestrainer noch nicht mit dem deutschen Verband verlängert. Er will mehr Arbeitsmöglichkeiten. „Eine WM-Vorbereitung von dreimal vier Tagen reicht einfach nicht.“

Roßkopf ist vom Ehrgeiz getrieben, seine Spieler wirklich besser zu machen, das Optimum herauszuholen, ihn reizt eine Stelle, an der er täglich arbeiten kann. „Es hat Spaß gemacht in Dortmund, die Spieler haben mitgezogen, aber ich muss sie fragen, ob sie das auch in Zukunft wollen.“ Und Roßkopf will mehr. Dass Deutschland Platz zwei in der Welt gefestigt hat, im ganzen Turnier bis zum Endspiel nur im Halbfinale gegen Japan einen Punkt abgab, stellt ihn nicht zufrieden.

Dass chinesische Verhältnisse nicht übertragbar sind, ist ihm bewusst. „Deren Training würde sowieso außer Dimitrij Ovtcharov keiner meiner Spieler aushalten. Ich will noch nicht mal, dass Timo zweimal täglich trainiert.“ Aber er will eine Aufwertung der Nationalmannschaft, mehr Lehrgänge, mehr Einfluss auf die Terminplanung, weniger Ablenkung.

Wohin es führt, wenn die ausgetretenen, bequemen Pfade verlassen werden, zeigt das Beispiel Ovtcharov. In Europa schon lange der Kronprinz von Boll, machte er in den vergangenen Monaten auf Weltniveau einen großen Schritt nach vorne. Roßkopf überzeugte ihn, an seinen Schwächen zu arbeiten, sich zum Beispiel auch einen gefährlichen Vorhandaufschlag anzueignen. „Jetzt ist Dimitrij in den Top Ten der Welt. Nur mit einem Rückhandaufschlag geht das nicht.“

China - Deutschland 3:0

Zhang Jike - Timo Boll 3:2 (10, 6,-9,-10,6)
Ma Long - Dimitrij Ovtcharov 3:0 (3,9,11)
Wang Hao - Patrick Baum 3:1 (-8,5,5,10)

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01.04.2012, 16:13 Uhr

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