10.05.2011 · Seit Mao Tse-tung verlangt die Kommunistische Partei Chinas Erfolge im Tischtennis. Das System geht gnadenlos mit den Spielern um. Auch in dieser Woche bei der WM in Rotterdam sind sie zum Erfolg verdammt.
Von Peter HeßDas Tischtennis ist im Würgegriff Chinas. Die Sportwelt stöhnt. Wenn in dieser Woche in Rotterdam die Weltmeistertitel in den Individualwettbewerben ausgespielt werden, lautet die Frage nicht, welche Nation auf dem Medaillenspiegel ganz oben erscheinen wird, sondern ob überhaupt ein anderes Land auf ihm auftaucht. Dieser größte anzunehmende Unfall ist bisher noch nicht eingetreten, aber auszuschließen ist er nicht.
Bei den Olympischen Spielen vor drei Jahren in Peking gingen alle sechs Medaillen in den Herren- und Dameneinzeln an China. Und hätte die Tischtennis-Großmacht auch jeweils drei Herren- und Damenmannschaften aufstellen dürfen, wären zu den gewonnenen Goldmedaillen höchstwahrscheinlich noch zwei silberne und zwei bronzene dazugekommen. Denn auch das zweit- und drittbeste Herren- und Damenteam sind stärker besetzt als jede extrachinesische Konkurrenz - das sagen nicht nur die Positionen auf den Weltranglisten aus, sondern mehr noch die real existierenden Kräfteverhältnisse.
Die Chinesen sind so gut, dass sie sich nicht um Weltranglistenpunkte scheren. Manches Talent verschwindet wieder im heimatlichen Trainingszentrum, bevor es eine höhere Position in der Branchenhackordnung erklommen hat. Dass der Nachwuchsspieler auf Anhieb die besten Europäer deklassiert hat, heißt nicht, dass er seine internationale Karriere weiter verfolgen darf.
„Man hat nur eine Chance - wenn die Chinesen den Bus verpassen“
Solche für ihn leidvolle Erfahrungen hat Jean-Michel Saive in einem Bonmot verarbeitet. Der WM-Zweite von 1993 und Europameister von 1994 erlangte in der Szene Berühmtheit durch seinen ungeheuren Kampfgeist, aber vor den Mächten aus dem Reich der Mitte kapitulierte er. „Man hat nur eine Chance gegen die Chinesen - wenn sie den Bus verpassen.“ Der Belgier schwingt immer noch den Schläger. Für die WM in Rotterdam ist der 41 Jahre alte Ausnahmesportler gemeldet, im nächsten Jahr will er in London an seinen siebten olympischen Spielen teilnehmen. Dann werden auch Koreaner, Japanerinnen, Deutsche oder Spielerinnen aus Singapur die Chance auf eine Einzelmedaille haben. Nicht weil die chinesische Dominanz am Bröckeln wäre, sondern weil nur noch zwei Spieler pro Nation zum Olympischen Turnier antreten dürfen - eine Lex China.
Woher rührt diese Überlegenheit, der nur durch Regeländerungen beizukommen ist? Es ist der Wille der alles beherrschenden Kommunistischen Partei. In China wird Tischtennis im Staatsauftrag gespielt. Das hat historische Gründe. Es ging von Jung Kuo-Tuan aus, der 1959 in Dortmund als erster chinesischer Sportler überhaupt einen Weltmeistertitel gewann und damit im Herren-Tischtennis die Vorherrschaft der verhassten Japaner beendete. Den Triumph über die ehemaligen Besatzer nutzten die Machthaber zur Propaganda in eigener Sache. Ansonsten hatte der große Vorsitzende Mao Tse-tung in dieser Zeit nicht viele Erfolgsmeldungen vorzuweisen. Das Wirtschaftskonzept „Der Große Sprung nach vorn“, mit dem China aus dem Stand zu einer Industriemacht werden wollte, führte zur größten von Menschen ausgelösten Hungerkatastrophe der Geschichte mit über zwanzig Millionen Toten.
Zur Abwechslung einen Tischtennishelden zu feiern tat gut. Und wieso sollte es bei dem einen bleiben? Mao Tse-tung machte Tischtennis zum chinesischen Kulturgut und Nationalsport; initiierte mit 350.000 Spielern das größte Turnier der Welt, ließ wie in der Sowjetunion oder in der DDR aufwendige Sichtungssysteme entwickeln, viele Trainingsschulen entstehen und die Stars mit großem finanziellen Aufwand rundum-versorgen. Seine Vorliebe für das Tischtennis - kaum ein anderes Freizeitvergnügen wurde während der Kulturrevolution überhaupt toleriert - wirkt bis heute nach.
„Sie hätten gegen die Chinesen sowieso nie eine Chance“
In keinem anderen Land der Welt jagen Millionen Menschen zwischen fünf und achtzig Jahren im Park an steinernen Tischen einem kleinen Zelluloidball hinterher. In keinem anderen Land kommt man auf die Idee, ein Hotel in der Form eines aufgerichteten Tischtennisschlägers zu entwerfen. Der Bau des 150 Meter hohen Gebäudes mit im „Schlägergriff“ integrierter Aussichtsplattform in der ostchinesischen Stadt Huainan soll 32 Millionen Euro verschlingen. In keinem anderen Land investiert die Regierung Millionen und Abermillionen in die Ausbildung und Spitzenförderung von Tischtennisbegabungen.
Aufwand und Intensität, mit denen die Chinesen Tischtennis betreiben, empfinden viele Europäer als Wahnsinn. Timo Boll, der an diesem Dienstag um 15.30 Uhr gegen den Japaner Kenji Matsudaira ins Turnier einsteigt, sagte, wenn er einmal Kinder habe, dürfe keines professionell Tischtennis spielen. „Sie hätten gegen die Chinesen sowieso nie eine Chance.“ Da stand er unter dem frischen Eindruck, den er bei einem heimlichen Besuch einer Pekinger Elite-Tischtennis-Schule gewonnen hatte, in der Dutzende Kinder trainierten. Was der beste Tischtennisspieler der Welt, der nicht in China geboren wurde, meint, wird beim Betrachten eines Videos auf Youtube im Internet deutlich. Dort sind zwei Kinder in einer Trainingshalle zu beobachten, die einen Topspin nach dem anderen schlagen, auf den deutsche Erwachsene auf Bezirksklasseniveau stolz wären. Der eine Junge, der am Tisch steht, ist schätzungsweise sieben Jahre alt, der andere, der auf dem Tisch sitzt, weil er im Stehen nicht über die Kante schauen kann, könnte drei oder vier Jahre alt sein. Ob sie es überhaupt mal in eine Eliteschule schaffen?
Für ihre Berühmtheit zahlen die Tischtennishelden einen hohen Preis
Die Konkurrenz in China ist riesig. In jeder Altersklasse. Nachwuchssorgen gibt es nicht, die gesellschaftlichen Aufstiegschancen wirken als Motivation. Schon Zwölfjährige verdienen mehr als ihre Eltern, wenn sie für ihre Provinz Trophäen sammeln. Schaffen die Talente den Sprung in den erweiterten Nationalkader, haben sie ein sicheres Auskommen, gelingt der Aufstieg in die Nationalmannschaft, haben sie ihr Leben lang ausgesorgt. Die Popularität der Stars wie Ma Lin, Olympiasieger von Peking, ist nur mit der eines deutschen Fußballnationalspielers zu vergleichen. Ma Lins Scheidung von einem Fernsehstar beschäftigte die Zeitungen viele Monate lang.
Für ihre Berühmtheit zahlen die Tischtennishelden allerdings einen hohen Preis. Er besteht in Fremdbestimmung bis zur Selbstaufgabe. Auch vor einem Idol wie Ma Lin macht das System nicht halt. Nationaltrainer Liu Guoliang forderte ihn unmissverständlich über die Medien auf, sein Scheidungsdrama endlich zu beenden, sonst werde er seine Karriere zerstören. Schließlich habe auch Tiger Woods pausieren müssen, als das Ordnen seines Privatlebens ihn zu sehr ablenkte. Ma Lin gehorchte.
Nirgendwo auf der Welt wird härter und länger trainiert als in China
Was geschehen kann, wenn jemand der Obrigkeit missfällt, erfuhr Nationalspieler Chen Qi. Er musste sich im Fernsehen für seine Undiszipliniertheiten entschuldigen und wurde für eine gewisse Zeit zur Besinnung auf das Wesentliche zur Arbeit auf Reisfelder geschickt. Mittlerweile hat auch Chen seine Lektion gelernt. Wer aufbegehrt, fliegt, der Nächste wartet schon. Wer die Trainingsfron nicht verkraftet, wird aussortiert. Der Nächste, der sie aushält, wartet schon.
Nirgendwo auf der Welt wird härter und länger trainiert als in China. Ständig werden etwa zwanzig Spitzenkönner zusammengezogen, die sich gegenseitig treiben. Die, die den letzten Schritt an die Spitze nicht schaffen, verdienen als Trainingspartner auch ganz anständig. Manche dürfen zu ausländischen Vereinen wechseln, manche sogar eine andere Staatsbürgerschaft annehmen. Vor allem bei den Damen spielt in der absoluten Weltspitze mittlerweile China gegen sich selbst. Das staatliche Sportprogramm ist zuletzt in die Kritik geraten: Man produziere Weltklasse im Überfluss und schaffe sich durch die Ausbürgerungen selbst starke Gegner. 2010 schaffte Singapur bei der Mannschafts-WM in Moskau die Sensation und wurde Weltmeister bei den Damen - mit drei gebürtigen Chinesinnen. Die allseits (außerhalb Chinas) beklagte Langeweile fand somit kein Ende, obwohl erstmals nach 18 Jahren ein chinesisches Damenteam wieder ein WM-Spiel verloren hatte.
„Würde ich ein halbes Jahr wie die Chinesen trainieren, wäre ich tot“
Der deutsche Ansatz, China zu gefährden, ist ein anderer. Hierzulande vertraut man vornehmlich auf heimische Kräfte. Die Damen sind zwar noch weit entfernt, aber die Herren haben den Abstand ein wenig verkürzt, genaugenommen ist es ein deutscher Herr - Timo Boll. Er ist im Moment der Einzige auf der Welt, der den besten Chinesen jederzeit gefährlich werden kann. Ist es Zufall, dass er derjenige ist, der sich am meisten auf China eingelassen hat? Keiner seiner Kollegen hat das Reich der Mitte so oft besucht wie der dreißig Jahre alte Hesse, keiner hat die Trainingsmethoden dort so genau studiert, keiner hat so oft für chinesische Vereine gespielt, sich so sehr auf die chinesische Mentalität eingelassen. Seit Jahresbeginn lernt er an einer Sprachschule Chinesisch. Witzbolde nennen ihn schon Boll Ti-Mo, nach der chinesischen Schreibweise, die mit dem Nachnamen beginnt.
Aber auch Boll kann den Nachteil, außerhalb des chinesischen Systems geboren zu sein, nicht völlig kompensieren. „Mein größter Nachteil ist mein Körper, würde ich ein halbes Jahr wie die Chinesen trainieren, wäre ich tot.“ Boll hätte sich wie seine Konkurrenten aus dem Reich der Mitte von klein auf an die großen Belastungen gewöhnen müssen. Als er vor den Olympischen Spielen in Peking sein Pensum auf chinesische Verhältnisse steigerte, streikte sein Körper. Jetzt versucht der Rekord-Europameister die Balance zu finden. „Ich muss zulegen, darf aber nicht überdrehen.“ Er glaubt sich auf einem guten Weg. „Es gibt keinen, den ich nicht schlagen kann. Mein Problem ist jedoch, dass es so viele Chinesen sind. Einer von ihnen ist immer in überragender Form.“
Nenne mir einen Sport mit sicherem Ausgang - Tischtennis
Und Boll ist ganz allein unter den Chinesen. Sein Titelgewinn wäre eine Kapriole, so wie der letzte eines Europäers, 2003. Damals verblüffte der Österreicher Werner Schlager. Im Viertelfinale wehrte er gegen Titelverteidiger Wang Liqin fünf Matchbälle nacheinander ab. Das Sensationserlebnis befeuerte ihn bis zum Finalsieg.
Um die chinesische Dominanz wirklich zu brechen und nicht nur kurz zu unterbrechen, müsste der Rest der Tischtennis-welt chinesische Verhältnisse kennenlernen und übernehmen. Die ersten Schritte dazu sind unternommen. Werner Schlager hat in Schwechat bei Wien ein Leistungszentrum geschaffen, das zur europäischen Trainingszentrale werden soll, so wie das Düsseldorfer Leistungszentrum des Deutschen Tischtennis-Bundes. Modernste Ausstattung, Zentralismus, das Konzentrieren der Kräfte, so lauten die Schlagworte. Und auch die Chinesen spielen neuerdings mit. Sie lassen sich in ihre Karten schauen, bieten ausländischen Nationalmannschaften Lehrgänge mit ihren besten Spielern an. Die Erkenntnis hat sich in China durchgesetzt, dass sich die Tischtennisspieler zu Tode siegen könnten. Bei der Jugend verliert der Sport langsam an Bedeutung, mehr Glamour und mehr Drama, sprich bessere Gegner könnten den Trend wieder umkehren. Seit Jahren gibt es bei den wettfreudigen Chinesen einen Witz: Nenne mir einen Sport mit sicherem Ausgang - Tischtennis.