04.12.2010 · Timo Boll klettert im Januar auf Platz eins der Weltrangliste im Tischtennis. Doch der deutsche Vorzeigespieler bricht nicht in lauten Jubel aus – zu recht. Er besitzt zwar das Prädikat „Nummer eins“. Bester Spieler der Welt ist aber ein Chinese.
Von Peter HeßDimitrij Ovtcharov hat es als erster bemerkt. Andere Zeitgenossen mit einem ausgeprägten Hang zur Knobelei beschäftigen sich mit Kreuzworträtseln, Sudoku oder anderen Formen des Denksports. Der deutsche Nationalspieler setzt sich gerne mit der Tischtennis-Weltrangliste auseinander.
Selbst auf Position 13 geführt, errechnete der 22 Jahre alte Profi anhand der letzten Turnier-Ergebnisse, und unter Berücksichtigung aller Sonderregeln für Boni und Punktabzüge, sowie des Wettkampfkalenders für den Monat Dezember, dass sein Freund und Kollege Timo Boll im kommenden Januar die Spitze der Hierarchie erklimmen wird.
Zuerst wunderte sich der Rekord-Europameister über die Glückwunsch-SMS seines Freundes, inzwischen wurde die vorläufige Hochrechnung bestätigt. Boll hat die Nachricht mit Wohlwollen aufgenommen, ist darüber aber nicht in lauten Jubel ausgebrochen. Denn für das Prädikat „Nummer eins“ kann er sich nicht viel kaufen. Höchstens für die Sponsorenprämie, die mit der Ehre verbunden ist.
Bolls Spitzensprung ist zwei Tatsachen geschuldet
Es ist zwar nett, den Enkeln einmal am Kaminfeuer erzählen zu können, dass er zweimal in der Karriere ganz oben in der Rangliste gestanden hat. Aber wie schon 2003 wird Boll durch das Vorrücken auf die erste Position nicht zum besten Tischtennisspieler der Welt. Das ist nach wie vor ein Chinese. Wobei auch nicht klar auszumachen ist, ob im Moment Ma Long, Zhang Yike, Ma Lin, Wang Hao oder Xu Xin die Ehrenbezeichnung gebührt. Sicher ist nur, gegen keinen dieser Spieler hat Boll in seiner Karriere häufiger gewonnen als verloren.
Dass der 29 Jahre alte Hesse erst Position zwei erkämpfte und demnächst auch noch an Ma Long vorbeiziehen wird, ist zwei Tatsachen geschuldet. Erstens: Boll kann im vollgepackten Jahresprogramm sehr gut Weltranglistenpunkte sammeln, ohne auf Chinesen zu treffen. Zweitens: Die Chinesen richten ihre Wettkampfplanung nicht darauf aus, möglichst gut in der Starparade dazustehen, sondern bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften ihre optimale Leistung abrufen zu können.
Timo Boll hat in den vergangenen Monaten so gut Tischtennis gespielt wie noch nie zuvor in seiner Laufbahn – seinen europäischen, koreanischen und japanischen Gegnern kommt er manchmal vor wie ein extraterrestrischer Chinese. Aber so lange Boll im Einzel noch nie eine olympische oder Weltmeisterschaftsmedaille um den Hals gehängt worden ist, kann er nicht die Nummer eins im Tischtennis sein.