16.09.2009 · Nicht Spieler, nur Schläger sind bislang bei der Tischtennis-EM disqualifiziert worden. Ihre Beläge dürfen nicht zu dick sein. Da geht es um Millimeter. Und ausdünsten sollten sie auch nicht.
Von Mischa Drautz, StuttgartDimitrij Ovtcharov stand vor seinem Trainer Richard Prause, hob die Arme, breitete sie aus und ließ sie sofort wieder fallen. Der Tischtennis-Nationalspieler hatte bei der Europameisterschaft in Stuttgart nicht etwa ein Spiel verloren, er war schon vor dem ersten Ballwechsel im Mannschaftshalbfinale gegen Rumänien der Verzweiflung nahe. Sein Schläger war gerade vom Schiedsrichter disqualifiziert worden. Die Beläge waren zu dick: 4,2 Millimeter statt der erlaubten 4,0 Millimeter.
Nach einigen Minuten Konfusion startete Ovtcharov schließlich mit einem Ersatzschläger. Er spielte zunächst schwach und blickte bei Fehlern feindselig auf seinen Zweitschläger. Erst spät kämpfte sich der 21 Jahre alte Nationalspieler in das Match gegen Adrian Crisan und siegte trotz eines 0:2-Satzrückstands. Das war der Grundstein zum späteren 3:0-Erfolg der deutschen Mannschaft.
Schräg abgeschnitten oder zu dick lackiert?
Ein dickerer Belag bringt einem Spieler Vorteile, weil er mit mehr Tempo und Rotation spielen kann. Daher nähern sich alle dem Grenzwert an. Doch warum war Ovtcharovs Schläger zu dick? Es bieten sich einige Erklärungen an: Die Spieler wechseln die Beläge häufig und wenn sie diese nach dem Aufkleben auf den Schläger aus Versehen etwas schräg abschneiden, können die Beläge zu dick sein. Der deutsche Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig sieht wiederum das Testverfahren mit der Lupe als „subjektiv“ an: Weil der Belag beim Messtest auf dem Schlägerholz klebt, kann er nicht allein erfasst werden. Bei Ovtcharov könnte so auch das Holz zu dick lackiert gewesen sein. Die Spieler lackieren das Holz, damit sie die Beläge ohne Probleme abziehen können.
Ein anderer Grund für zu dicke Beläge wurde von den Deutschen nicht erwähnt: Dicke Beläge sind ein Hinweis darauf, dass der Schläger manipuliert wurde. Das sogenannte „Tunen“ bezeichnet eine abgeschwächte Form des Frischklebens. Kleben und Tunen ist seit einem Jahr verboten. Beides macht den Belag weicher, schneller und spinfreudiger, aber möglicherweise schädlich für die Gesundheit der Sportler, daher das Verbot. „Ohne Frischkleber und Tuner muss man zwei, drei Topspins mehr machen, um zu punkten“, erklärte Ovtcharov.
Keine Auffälligkeiten bei den Ausdünstungen
Die Schiedsrichter prüfen nicht nur, wie dick der Schläger ist, sondern auch mit einem Kontrollgerät, welche Ausdünstungen der Schläger hat. Frischkleben konnte man schon mit den ersten Kontrollgeräten nachweisen, jedoch nicht das Tunen. Anders Johansson, Trainer des Bundesliga-Klubs TTF Ochsenhausen, sagt: „Ich habe keine Beweise, aber ich gehe davon aus, dass extrem viele Spieler tunen.“ Erst seit Juli ist ein Gerät auf dem Markt, das auch die Ausdünstungen des Tunens erfasst. Das neue Gerät kostet allerdings etwa 10.000 Euro – im Tischtennis eine hohe Summe. Bisher wird es nur vom Weltverband eingesetzt, bei der Europameisterschaft sind die älteren Modelle im Einsatz.
In Stuttgart testen die Schiedsrichter stichprobenhaft bei 15 bis 20 Prozent der Spiele die Schläger. Der Oberschiedsrichter wollte zwar keine Zahl nennen, bestätigte aber, dass die Schiedsrichter in Stuttgart schon „einige“ Schläger beanstandet hätten, weil ein Belag zu dick war. Bei den Ausdünstungen gab es dagegen keine Auffälligkeiten. Wie das mit den neuen Testgeräten ausgesehen hätte, ist eine spannende, leider hypothetische Frage. „Die modernen Testmethoden sind wichtig für unseren Sport“, hatte Ovtcharov vor der Europameisterschaft gesagt. Wegen der Chancengleichheit der Spieler und der eigenen Glaubwürdigkeit
Nun kann er froh sein, dass er zuletzt viele Turniere des Weltverbandes gespielt hat und daher recht unverdächtig ist zu tunen. Bei den Korea Open vor drei Wochen spielte Ovtcharov sein bestes Tischtennis seit langem – und das mit regelkonformem Schläger, wie das moderne Testgerät bestätigte. Er durfte dort zum Spaß experimentieren und stellte verblüfft fest: Sogar wenn man harmlosen Orangensaft auf den Schläger pinselt, schlägt das neue Gerät Alarm.