16.09.2009 · Trotz der Rückenprobleme ihres Führungsspielers Timo Boll gewannen die deutschen Herren durch einen 3:2-Krimi gegen Dänemark zum dritten Mal in Folge die EM-Titel. Christian Süß setzte den Schlusspunkt unter eine beeindruckende Teamleistung.
Von Peter Heß, StuttgartDie deutschen Tischtennis-Herren haben ihren Auftrag erfüllt und bei der Heim-EM in Stuttgart ihren Titel erfolgreich verteidigt. Sie gewannen am Mittwochabend durch ein 3:2 im Endspiel über Dänemark zum dritten Mal nacheinander die Mannschafts-Europameisterschaft. Alle drei Spieler trugen einen Punkt zum Erfolg bei. Timo Boll und Christian Süß bezwangen Finn Tugwell, Dimitrij Ovtcharov besiegte Martin Monrad. Am dänischen Spitzenspieler Michael Maze bissen sich die Deutschen die Zähne aus. Der deutsche Bundestrainer Richard Prause unterbrach sogar die Jubelarie am Hallenmikrophon, um Maze für seine Leistung zu beglückwünschen.
Am deutschen Triumph der Ausgeglichenheit änderte dessen Vorstellung aber nichts. Längst hängen die Erfolge der Nationalmannschaft nicht mehr von einem Spieler, sprich von Boll ab. So verunsicherte es das Team keineswegs, dass der 28 Jahre alte Hesse sich wegen Rückenbeschwerden nicht perfekt auf dieses Turnier vorbereiten konnte und in den Spielen nicht an seine Bestform herankam.
Ovtcharov als Vierter der Europarangliste, Süß als Zehnter, Patrick Baum als Elfter und Bastian Steger als 19. haben genug Selbstbewußtsein aufgebaut, um zur Not auch ohne ihre Nummer eins auszukommen. Die Ersatzspieler Baum und Steger hätten mit ihrem Assistenztrainer Jörg Roßkopf als dritten Mann wohl auch noch Medaillenchancen in diesem Teamwettbewerb gehabt.
Stimmung wie in der Handball-Bundesliga
Da die deutsche Mannschaft das einzige europäische Spitzenteam ist, das nicht von Überalterung bedroht ist, zeichnet sich auf Jahre ihre Dominanz ab. Boll und Steger sind mit 28 die ältesten Spieler, Süß ist 24, Ovtcharov 21 und Baum 22. Der einzige Tischtennisprofi aus den europäischen Top 12, der kein Deutscher und unter 30 Jahre alt ist, ist Maze. Der Rekord der Schweden ist also in Gefahr. Sie gewannen zwischen 1964 und 1974 sechsmal den EM-Titel in Folge.
Der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) hatte vor dem Turnier erklärt, 90 Prozent der Karten im Vorverkauf abgesetzt zu haben. Zum Herrenfinale waren zum ersten Mal auch 90 Prozent der 6000 Plätze in der Porsche-Arena besetzt. Die Stimmung bei den Teamvorstellungen ähnelte eher einem Handball-Bundesligaspiel als einer Tischtennis-Begegnung. Darauf hatte der Verband gehofft, als er die Bewerbung für die EM abgegeben hatte: Ein enthusiastisches Publikum in einer vollen Halle, und das Ganze wird live im Fernsehen übertragen - quasi eine Dauerwerbesendung für eine Sportart auf dem Weg nach oben.
Der erste deutsche Spieler, Süß, konnte die Atmosphäre allerdings nicht für sich nutzen. Der Düsseldorfer, trotz seiner erst 24 Jahre mit reichlich Erfahrung und Lorbeer von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften ausgestattet, wirkte unter der Belastung nervös und verkrampft. Sein Gegner Maze gewann glatt in drei Sätzen, weil Süß nicht sein ganzes Leistungspotential entwickelte.
Der Punktverlust sorgte im deutschen Team für keine allzu große Unruhe. Dieses Einzelmatch war das einzige, in dem ein Däne gegenüber einem Deutschen als Favorit galt. Bei der 0:3-Vorrundenniederlage der Skandinavier gegen die DTTB-Auswahl am vergangenen Sonntag hatte die Teamleitung den Dritten der Europarangliste geschont. Die Begründung damals: „Wir wollen Deutschland im Finale schlagen, nicht in der Vorrunde.“
Party in Stuttgart
Und tatsächlich, fast wäre das Vorhaben in die Tat umgesetzt worden. Nachdem Boll seinen Gegner Finn Tugwell fast nach Belieben bis sein 3:0-Erfolg beherrscht hatte und Ovtcharov sich noch etwas schneller seiner Aufgabe gegen Martin Monrad ebenfalls mit 3:0 entledigt hatte, demonstrierte Maze im Duell der Spitzenspieler gegen Boll, dass er zur europäischen Sonderklasse zählt. Der Däne dominierte den Europameister zweieinhalb Sätze lang, der einfach kein Mittel fand gegen die fast perfekte Vorstellung seines Widersachers. Behinderten die Rückenbeschwerden Boll doch zu stark?
Nach dem, was der Deutsche in den nächsten Minuten zeigte, musste die Antwort nein lauten. Der Titelverteidiger drehte ein 2:5 zum 11:7-Satzgewinn und begeisterte das Publikum mit einer Serie spektakulärer Schläge. Doch Maze hielt dagegen und gewann im vierten, hart umkämpften Satz wieder die Oberhand und entschied mit dem 11:7 die Partie endgültig für sich.
2:2 - nun musste es Christian Süß richten, der zum Auftakt nicht gerade stabil gewirkt hatte. Doch gegen Tugwell gab sich der Düsseldorfer keine Blöße. Standesgemäß, die Nummer neun der Setzliste traf auf die Nummer 42, besiegte Süß den Dänen 3:0 - und die Party in Stuttgart konnte beginnen.