18.09.2009 · Der hochtalentierte serbische Tischtennisspieler Aleksandar Karakasevic passt nicht in das übliche Schema. Mit dickem Bauch, aber auch mit feinem Händchen hat er Christian Süß, den Mannschaftseuropameister, geschlagen.
Von Peter Heß, StuttgartAleksandar Karakasevic fällt auf in der Porsche-Arena. Von allen Tischtennisspielern der EM hat er den dicksten Bauch, den größten Schweißverlust und das feinste Händchen. In der Runde der letzten 32 musste die deutsche Medaillen-Hoffnung Christian Süß die Erfahrung machen, dass ein unsportliches Aussehen nichts Endgültiges über die Qualität des Gegners aussagt. Der frischgebackene Mannschafts-Europameister unterlag dem 33 Jahre alten Serben in 2:4-Sätzen.
Karakasevic ist ein guter Bekannter, Stuttgart bedeutet so etwas wie ein Heimspiel für ihn. Seit vielen Jahren verdient er als Bundesligaspieler des SV Plüderhausen, etwa 25 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt, sein Geld. Den schwäbischen Provinzklub führte er zu drei ETTU-Titeln – vergleichbar mit dem früheren Uefa-Cup im Fußball – und im vergangenen Dezember erstmals zum deutschen Pokalsieg. Süß wusste also, wen er vor sich hatte, konnte das Unglück aber nicht verhindern.
Im Doppel stärker
An guten Tagen ist Karakasevic kaum zu bezwingen. Dennoch hat er noch nie eine Einzelmedaille gewinnen können. Sein Mangel an Beweglichkeit und Athletik hinderten ihn daran. Aber mit einem Partner an der Seite, der die taktischen Möglichkeiten erweitert und den Spielraum verkleinert, ist Karakasevic ganz in seinem Element. Viermal wurde er Mixed-Europameister, im Doppel gewann er einige Weltranglistenturniere.
Seine sportliche Bilanz kann sich also sehen lassen, aber die vorherrschende Meinung in der Branche lautet: Karakasevic hat seine Begabung verschleudert. Hätte er es nur ein bisschen mit Training probiert, er wäre unter die Top drei Europas vorgestoßen. Geritt Albrecht ist da anderer Meinung. Der Manager des SV Plüderhausen kennt den Serben so gut wie kaum ein anderer. „Je mehr ‚Kara‘ trainiert, desto schlechter wird er.“
Mischung aus Sucht und Selbstinszenierung
Sein Körper reagiert allergisch auf härtere sportliche Belastungen, kein Wunder bei der Pflege, die ihm Karakasevic sonst angedeihen lässt Er ist verrückt nach Süßigkeiten. An seinem Bett steht ein stets aufgefüllter Naschkorb. Seine Liebe zu Pizza ist nur mit der des Comic-Katers Garfield zu Lasagne vergleichbar. Albrecht erinnert sich an eine Europacup-Partie in Mailand. Nach dem dritten Satz zeigte der Serbe dem Schiedsrichter an, er müsse dringend auf Toilette. Als sich die Rückkehr verzögerte, begann Albrecht, seinen Spieler zu suchen. Er fand ihn an einem Essensstand, die Reste einer dampfenden Pizza vor seinem Bauch. Karakasevic nahm das letzte Stück mit in die Halle, schlang es noch am Tisch herunter und gewann das Spiel. Die Nummer 31 der Europarangliste macht während eines Mannschaftskampfes auch gerne mal eine Zigarettenpause.
Sein Verhalten ist wohl eine Mischung aus Sucht und Selbstinszenierung. Sein Drang, sich abzugrenzen, kennzeichnete schon die Beziehung zu seinem Vater. Auch Milivoj war Tischtennisspieler, ein erfolgreicher dazu, einer der Nationalhelden des damaligen Jugoslawien, die ins WM-Finale einzogen. Aber anders als seinen Mannschaftskollegen Surbek und Kalinic war Milivoj Karakasevic nur ein äußerst begrenztes Maß an Begabung in die Wiege gelegt worden. Der Serbe glich alle Defizite durch harte Arbeit aus, belegte über Jahre Ranglistenplätze um zehn.
Gestörte Vater-Sohn-Beziehung
Wenn Aleksandar Karakasevic gefragt wird, wie groß der Einfluss seines Vaters auf seine Karriere war, dann sagt er: „Zero, null.“ Eine Antwort, die überraschen muss, denn natürlich brachte der seinem Sohn die Techniken bei. Er war sogar über ein paar Jahre sein Nationaltrainer. Diese Konstellation erwies sich als verheerend für ihr Verhältnis und für das gesamte serbische Tischtennis. Aleksandar verlegte seine jugendliche Rebellion gegen den Vater vom Familientisch in die Nationalmannschaft. Nach jedem spektakulären Schlag, der sein überragendes Ballgefühl unterstrich, blickte der Spieler provozierend zum Nationaltrainer, nach dem Motto. „So einen Ball kannst du nie spielen, und wenn du 24 Stunden am Tag trainierst.“
Milivoj versuchte alles, seinen Sohn zu beschwichtigen: Mit Strenge, mit Appellen an die Vernunft, mit Nachsicht. Das einzige Resultat: Der Sohn unterhöhlte seine Autorität, bis Milivoj Karakasevic schließlich als Nationaltrainer zurücktrat. Niemals machte er seinem Sohn öffentlich Vorwürfe, obwohl er sicher einige Qualen litt. Ein Vergleich mit dem Fußball macht das deutlich. Man stelle sich vor: Georg Schwarzenbeck bekommt einen Sohn mit dem Talent Franz Beckenbauers. Schwarzenbeck wird Bundestrainer, sein Sohn wird unter ihm Nationalspieler und entschließt sich, einer wie der legendäre Buffy Ettmayer zu werden, eine übergewichtige Lokalgröße mit viel Naturtalent, aber eben kein Weltstar.
Er nutzte seine Möglichkeiten nicht
Aleksandar Karakasevic bezeichnet heute das Verhältnis zu seinem Vater als perfekt, was Freunde der Familie bestätigen. Die beiden haben längst ihren Frieden gemacht. Überhaupt ist Karakasevic viel ruhiger und ausgeglichener geworden, wenn er nicht gerade Tischtennis spielt. Außerhalb der Box gilt der hilfsbereite und freundliche Serbe als einer der beliebtesten Spieler der Branche.
Er ist sicher, nicht viel falsch gemacht zu haben in seiner Karriere: „Ich bin in der falschen Zeit geboren worden. Der Krieg in Jugoslawien hat meine Laufbahn sehr behindert. Hätte ich nur 50 Prozent der Trainingsmöglichkeiten der Deutschen gehabt, ich wäre besser geworden als sie.“ Die Wahrheit, vor der er sich verschließt, ist aber auch die, dass er die Möglichkeiten, die er hatte, nicht nutzte.