16.12.2009 · Auch mit 41 Jahren dominiert Qianhong Gotsch in der Tischtennis-Bundesliga. Dabei trainiert die gebürtige Chinesin nur zweimal 90 Minuten in der Woche. Das ist nicht optimal für das Image ihrer Sportart. Doch ein Karriereende ist nicht in Sicht.
Von Mischa DrautzSo weit reicht der Einfluss des Tischtennis dann doch nicht. Der sechs Jahre alte Sohn von Qianhong Gotsch heißt zwar Timo, aber nicht wegen Timo Boll. „Timo ist einfach ein deutscher Name, den meine Eltern und ich gut aussprechen können“, sagt Qianhong Gotsch. Im Jahr 2000 ist die gebürtige Chinesin im deutschen Nationaltrikot Tischtennis-Europameisterin geworden. Ein paar Monate danach beendete sie ihre internationale Karriere und wurde bald Mutter. Erst kam Timo, zwei Jahre später Hannah. Auch wenn Tischtennis das Leben von Qianhong Gotsch nicht mehr beherrscht – sie prägt den Sport in Deutschland wieder.
Qianhong Gotsch ist die beste Spielerin der Bundesliga. Und das mit 41 Jahren. Für den SV Böblingen hat sie in dieser Saison eine 16:1-Bilanz im Einzel erschmettert. Nach dem 3:2 im Topspiel am vergangenen Sonntag in Busenbach liegt ihr Team auf Platz zwei der Tabelle – punktgleich hinter Titelfavorit Kroppach. „Hongi war nie besser als jetzt“, sagt der Böblinger Trainer Volker Ziegler.
11:8, 11:8, 11:1 - Zeugnisse der Dominanz
Qianhong Gotsch dominiert viele Gegnerinnen, als seien sie Spielerinnen der Bezirksliga. In Busenbach besiegte sie die deutsche Nationalspielerin Kristin Silbereisen 11:8, 11:8, 11:1. Andere Ergebnisse in dieser Saison lauteten 11:2, 11:6, 11:0 oder 11:7, 11:5, 11:3. Das letzte Ergebnis zeigt den Endstand gegen Wu Jiaduo, jene deutsche Nationalspielerin, die im September Europameisterin wurde. „Ich hätte gerne gesehen, wie Hongi auch bei der EM den anderen eine Harke gezeigt hätte“, sagt Ziegler. Doch obwohl der Austragungsort Stuttgart fast vor ihrer Haustür liegt, kam das nie in Frage. Mit dem Nationalteam hat Qianhong Gotsch längst abgeschlossen: „Die EM habe ich ja sowieso schon gewonnen.“ Also setzte sie sich auf die Tribüne, feuerte die Deutschen an und schwang Fähnchen.
Dass Qianhong Gotsch ihre Gegnerinnen in der Bundesliga so sicher besiegen kann, liegt auch an ihrem Spielsystem. Abwehrspielerinnen wie sie können meistens länger mithalten. Außerdem gehört ihre Spielweise zu den unangenehmsten, die man sich vorstellen kann – weil sie viele Angriffe einstreut. Andere mögen schneller sein, aber keine antizipiert besser, wohin die Bälle fliegen. Seit sie vor drei Jahren mit dem SV Böblingen in die erste Liga zurückgekehrt ist, scheint Qianhong Gotsch den Sport mehr zu genießen als früher. „Ich bin gut, weil ich glücklich bin“, sagt sie. „Ich lache jeden Tag, auch wenn das Wetter schlecht ist. Ich bin nicht mehr so verbissen.“ Eine Gelassenheit, die aber Lust auf Kampf enthält. Gegen Nationalspielerin Zhenqi Barthel lag sie in dieser Saison mit 0:2 Sätzen zurück, drehte die Partie aber und gewann.
Erfahrung besiegt Jugend
Das alles gelingt der Böblingerin mit zweimal 90 Minuten Training in der Woche. Was sie sonst macht? „Oh, da ist ganz viel zu tun. Ich bringe die Kinder in den Kindergarten. Ich räume auf. Ich putze. Ich hole die Kinder ab. Ich koche.“ In dem kleinen Dorf Gärtringen, wo sie mit ihrem deutschen Mann und ihren Kindern 15 Kilometer von Böblingen entfernt wohnt, ist man stolz auf die schwäbische Hausfrau, die vor 23 Jahren die chinesische Tischtennis-Meisterschaft gewonnen hat und heute in der Bundesliga ihre Späße treibt.
Volker Ziegler weiß, dass es fürs Image des Sports nicht optimal ist, wenn eine 41 Jahre alte Spielerin, die kaum trainiert, fast alles gewinnt. „Aber Hongi ist eine Ausnahme-Athletin. Andere müssen zweimal täglich trainieren, sonst geht nichts“, sagt der Böblinger Trainer. „Aber klar ist auch: Wir bieten die beste Show.“ Denn für sein Team spielt seit dieser Saison neben Qianhong Gotsch die 38 Jahre alte Nicole Struse. Auch die deutsche Altmeisterin ist einer der wenigen Zuschauermagneten in der Liga. Xu Yanhua, auch schon 42 Jahre alt, und Fulya Özler komplettieren das Team. Trotz des hohen Altersschnitts sorgt sich beim SV Böblingen keiner um die Zukunft. Im Februar bezieht das Team eine eigene Tischtennishalle, was neue Spielerinnen anlocken dürfte.
Ende der Ära Gotsch nicht in Sicht
In der Meisterschaft gelten sie jetzt als größter Herausforderer von Liga-Krösus Kroppach. „Wir wären am Saisonende mit Rang vier froh“, sagt Ziegler. Aber auch er kann rechnen. Qianhong Gotsch gewinnt fast immer ihre beiden Einzel. Beim derzeitigen System mit drei Spielerinnen fehlt dann nur noch ein Punkt zum Sieg – ein Druck, dem die Gegnerinnen erst einmal standhalten müssen.
Ein Ende der Ära Gotsch ist nicht abzusehen. „Ich fühle mich wie 25“, sagt sie, „also spiele ich jetzt, solange ich den Schläger halten kann.“ Welcher Gegnerin das noch keine Angst macht, die sollte sich bei Trainer Ziegler erkundigen. Sein Spruch auf die Frage, wie lange seine Nummer eins noch spielt: „Soll ich sagen, wie viele Jahre oder wie viele Jahrzehnte?“