12.09.2009 · Timo Boll könnte bei der an diesem Sonntag in Stuttgart beginnenden Tischtennis-Europameisterschaft das dritte Triple schaffen. Dabei hat sich vorbereitet wie ein Triathlet: mit schwimmen und radfahren.
Von Peter HeßTimo Boll hat's im Rücken - seit Jahren schon. Mal hat er die Beschwerden im Griff, mal zwingen sie ihn zu längeren Trainings- und Wettkampfpausen. Die letzte Weltmeisterschaft in Japan Ende April, Anfang Mai hat der beste Spieler der deutschen Tischtennis-Geschichte verpasst. Für die letzten Olympischen Spiele wurde er zwar gerade noch fit, aber um in den Individual-Wettbewerben die Chinesen erfolgreich herauszufordern, genügte die Form noch nicht ganz. Dafür glänzte der 28 Jahre alte Odenwälder in den Monaten nach Peking.
Wie Boll bei den an diesem Sonntag beginnenden Europameisterschaften in Stuttgart spielen wird, hängt also vom aktuellen Stand seiner Leiden ab. Wie die Herren-Nationalmannschaft abschneidet, definiert sich allerdings nicht mehr allein über Bolls Rücken. Selbst bei einem Ausfall der Nummer eins wären Dimitrij Ovtcharov, Christian Süß, Patrick Baum und Bastian Steger in der Lage, den Mannschaftstitel zu gewinnen. Nach dem in Stuttgart an 1 gesetzten Boll bekleiden sie bei der Europameisterschaften die Einzelpositionen vier, neun, zehn und 17, nur ein anderes Team verfügt über eine vergleichbare Leistungsdichte - das österreichische. Die Mannschaft um den Veteranen Werder Schlager hält Bundestrainer Richard Prause denn auch für den härtesten Konkurrenten im Teamwettbewerb.
Mehr geschwommen und radgefahren, als Tischtennis gespielt
Mit einem Boll in Hochform wären die Deutschen auf jeden Fall hoher Titelfavorit. Aber es wäre ein Wunder, wenn er seine Leistungsgrenzen bei der Heim-Europameisterschaft erreichte. „Ich fühle mich wie ein Triathlet“, scherzte das Tischtennisidol wenige Tage vor dem EM-Start. „Ich bin mehr geschwommen und radgefahren, als dass ich Tischtennis gespielt hätte.“
Um seine Rolle als Zugpferd in Stuttgart auf alle Fälle wahrnehmen zu können, hat Boll sein Trainingsprogramm in den vergangenen Wochen drastisch verändert - alles im Sinne der Rückenschonung. „Ich möchte noch einige Jahre auf Topniveau spielen. Deshalb muss ich viel für den Körper tun. Der ist aber nicht so einfach zu verstehen.“ Immer wieder verhärtet und blockiert bei ihm die tiefliegende Muskulatur im hinteren Rückenbereich. Nicht immer nach der härtesten Belastung - das Dosieren des Trainings fiel deshalb in der Vergangenheit schwer.
„Mein Rücken bekommt beim Tischtennis-Training genug ab“
Nach den letzten schlechten Erfahrungen versuchte es Boll mit einer rigorosen Umstellung. Schwimmen und Aquajogging vermied der Hesse früher. „Ich bin mal in den Pool gesprungen, das war's. Jetzt macht mir die Quälerei im Wasser sogar Spaß.“ Mittlerweile hat er das Schwimmen als „seine Sportart“ entdeckt. Das die Gelenke schonende Ausdauertraining steht mittlerweile jeden Tag auf dem Programm. Als zweite neue und den Rücken schonende Sportart hat der Düsseldorfer Bundesligaspieler das Radfahren aufgenommen.
„Der Odenwald ist ein Eldorado für Radfahrer. Ich habe mir eine komplette Ausrüstung gekauft.“ Dafür erspart er sich die Belastung beim Laufen. „Mein Rücken bekommt beim Tischtennis-Training genug ab“, sagte Boll. Auf eine Übungsstunde mit dem kleinen Zelluloidball am Tisch hat er das Pensum reduziert - und hofft, dass das gegen die besten Europäer in Stuttgart reicht.
Titelgewinne mit Mannschaft, im Einzel und im Doppel am Ziel
Vor allem fehlt ihm die Wettkampfpraxis gegen die Besten. Früher holte sich Boll am liebsten die Form über viele Spiele. In den vergangenen drei Monaten trat er einmal für Düsseldorf in der Bundesliga an, das war es, die restlichen Einsätze sagte Boll ab. „Ich werde mich bei der EM voll reinhängen und hoffe, dass ich den allgemeinen Ansprüchen, aber vor allem meinen eigenen, genügen werde“, sagt Boll. Leichte Zweifel klingen durch. Der Plan ist, während des Turniers Sicherheit zu gewinnen und sich gegen Ende der Veranstaltung der Bestform zu nähern.
Die wäre nötig, um die historische Chance in Stuttgart zu nutzen. Boll könnte zum dritten Mal hintereinander bei einer EM das Triple schaffen - den Titelgewinn mit der Mannschaft, im Einzel und im Doppel. Sollte er in allen drei Wettbewerben Medaillen gewinnen, würde er zu Jan-Ove Waldner aufschließen, der noch die Rekordliste mit elfmal Edelmetall alleine anführt. An den Nerven wird Boll in Stuttgart nicht scheitern. „Ich bin es gewohnt, mit Druck umzugehen.“ Das gut besuchte Heimspiel - 45.000 der 49.000 Karten wurden im Vorverkauf abgesetzt - wird ihn eher beflügeln. Nur der Rücken muss mitspielen.