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Joey Kelly und Till Lindemann : „Leg dich nicht mit Russen an!“

Kelly: Dass ich im Gegensatz zu Till der große Arbeiter im Boot war, stimmt so nicht. Er hat mehr geackert als ich und parallel dazu auch noch gesteuert. Ich habe vorn ein bisschen geplanscht, und wenn Till hinten einen Zug gemacht hat, dann hast du gemerkt, wie das Kajak Fahrt aufnimmt. Till hat als ehemaliger Leistungsschwimmer viel mehr Kraft im Oberkörper als ich. Und das Steuern von hinten in einem kanadischen Kajak ist sehr, sehr schwierig. Wenn der Mann hinten das nicht kann, wird es gefährlich.

Sie haben trainiert vor der großen Fahrt?

Kelly: Ja, mit professionellen Trainern, auf dem Rhein. Dort konnten wir zu 80 Prozent die Situation am Yukon nachstellen.

Lindemann: Wir haben fast ein Dreivierteljahr vorher begonnen, uns vorzubereiten. Vor dem ersten Training hatte ich Joey in der Eifel besucht. Er kam mit der Idee, wir könnten richtig trainieren und paddeln gehen. Das haben wir dann gemacht. Wir sind runter an den Rhein, wo die Transportschiffe riesige Bugwellen erzeugen. Hätten wir die Trainer nicht dabei gehabt, wären wir vermutlich schon bei diesem ersten Versuch in der Seitenströmung abgesoffen.

Das Buch: Joey Kelly & Till Lindemann: Yukon. Mein gehasster Freund. National Geographic Verlag, 192 Seiten, 100 Abbildungen, 79 Euro.

Als ehemaliger Leistungsschwimmer hätten Sie die besseren Karten gehabt, ans Ufer zu kommen. Wann begann Ihre Karriere als Schwimmer in der DDR?

Lindemann: Mit sieben, acht Jahren in einem Leistungszentrum in Neubrandenburg. Es gab Scouts, man ist in einen Kader gekommen. Diese Kader wurden konzentriert in eine Sportschule gesteckt und dann auf DDR-Meisterschaften, Europa- und Weltmeisterschaften vorbereitet. Die Kader wurden dünngekocht, die Essenz blieb übrig, das war dann das Olympiateam.

Sie schwammen die härteste Strecke. Wahrscheinlich eine der härtesten Disziplinen im Sport überhaupt: die 1500 Meter Freistil.

Lindemann: Ich hatte die Arschkarte, ja.

Ist eine solche Sportkarriere etwas, das man seinem Sohn empfehlen sollte?

Lindemann: Absolut nicht.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit in der Sportschule?

Lindemann: Da möchte ich nicht drüber reden. Keine guten.

Waren Sie ein Wettkampftyp im Wasser? Ein Hai?

Lindemann: Ich war relativ klein und konnte beißen. Aber es gab die sowjetischen Schwimmer, die waren größer, fitter und, vor allem, härter als wir.

Sie waren für Olympia 1980 in Moskau vorgesehen, wurden wegen Westkontakten bei der Junioren-EM in Rom aus dem Kader genommen. Sind Sie eigentlich gegen Wladimir Salnikow geschwommen, der dann in Moskau über 1500 Meter als Erster unter 15 Minuten blieb?

Lindemann: Nein, er war ein anderer Jahrgang, drei Jahre älter. Ich wäre in Moskau ja erst 17 gewesen. Salnikow war der King zu jener Zeit. Gegen die Russen war insgesamt kein Kraut gewachsen. Die haben bei 18, 19 Grad Wassertemperatur trainiert. Das sind einfach die knallhärtesten Typen der Welt. Die sind schmerzfrei, leidensfähig, mit einer riesigen Seele, sehr viel Drama, sehr viel Trauma und einem großen Herzen. Die haben uns die ganze Zeit plattgemacht. Leg dich nicht mit Russen an!

Sie haben mit 16 mit dem Schwimmen aufgehört. War das ein Drama? Eine Enttäuschung?

Lindemann: Überhaupt nicht. Ich war froh, dass es vorbei war.

Herr Kelly, Sie hatten einen ganz anderen Zugang zum Sport. Wie wird aus einem Musiker ein Extremsportler, für den ein Ironman fast schon eine Kurzstrecke ist?

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