28.01.2008 · Tiger Woods gewinnt die Generalprobe für die US Open im Golf – und seinen Gegnern schwant Schlimmes. „Niemand hat auch nur einen Gedanken daran verschwendet, hier gewinnen zu können“, sagte der Weltranglistenzweite Phil Mickelson.
Von Wolfgang SchefflerDie Zahlen sind schon beeindruckend genug: Tiger Woods gewann am Sonntag zum sechsten Mal – zum vierten Mal in Folge – das Buick Invitational in La Jolla. Der Weltranglistenerste distanzierte bei seinem Saisondebüt nach fünfwöchiger Pause an der südkalifornischen Pazifikküste den zweitplazierten Japaner Ryuji Imada um acht Schläge. Die gemeinsamen Dritten, Rory Sabatini (Südafrika) und Stewart Cink (Vereinigte Staaten), lagen zehn, der Weltranglistenzweite Phil Mickelson als Sechster gar 13 Schläge zurück: Welten im Profigolf.
„Das waren ja die Tiger Woods Invitational. Für mich ging es nur darum, Zweiter zu werden“, sagte der Japaner Imada, der seit seinem vierzehnten Lebensjahr in den Vereinigten Staaten lebt. „Niemand hat auch nur einen Gedanken daran verschwendet, hier gewinnen zu können“, beschrieb Mickelson die Einstellung der Kollegen bei dem Turnier vor den Toren seiner Heimatstadt San Diego. Woods hatte nach der zweiten Runde die Führung übernommen, sie nach drei Runden auf acht Schläge ausgebaut und sie trotz dreier Bogeys in Folge in der Schlussphase gemütlich nach Hause gebracht.
Die Siegesserie wird weitergehen
Woods spazierte also trotz der kühlen Temperaturen und bei starkem Wind, zu dem sich am Ende auch noch Regen gesellte, zu seinem mit 936.000 Dollar dotierten 62.Sieg auf der PGA Tour. Damit zog er mit der Legende Arnold Palmer gleich – mit einem wesentlichen Unterschied: Palmer war 44 Jahre alt, als er diese Marke erreichte, Woods wurde vor einem Monat 32. Nur die Amerikaner Sam Snead (82 Siege), Jack Nicklaus (73) und Ben Hogan (64) feierten auf der wichtigsten Turnierserie der Welt mehr Erfolge.
Auch die Größen der Vergangenheit waren allesamt älter, als sie die Marke von 62 erreichten: Snead 39, Nicklaus 37 und Hogan 41 Jahre. Deshalb ist nicht nur Palmer felsenfest überzeugt, dass Woods’ Siegesserie weitergeht: „Er wird noch ganz, ganz viele Turnier gewinnen. Das ist überhaupt keine Frage.“ Die Zahlen des vergangenen Halbjahres bestätigten den mittlerweile 76 Jahre alten Palmer. Seit den British Open im Juli gewann er bei seinen sieben Turnierteilnahmen sechsmal und war einmal Zweiter.
„So etwas wie Tiger habe ich noch nicht gesehen“
Aber vielleicht noch beunruhigender als diese Dominanz ist für die Konkurrenten die Selbsteinschätzung von Woods: „Ich mache jetzt Schläge, die mir selbst im Jahr 2000 nicht gelungen wären. Ich treffe den Ball jetzt besser als damals.“ Wie bitte? Besser als im Jahr 2000, als Woods neun Turniere und drei Majors in Folge gewann, die nächsten Verfolger bei den US Open um 15 und bei den British Open um acht Schläge hinter sich ließ? Woods lächelte und sagte nur ganz bestimmt: „Ja.“
„Ich behaupte, so gut habe ich ihn noch nie spielen sehen“, sagt der Amerikaner Cink, der die Schlussrunde am Sonntag gemeinsam mit dem Superstar absolvierte. „Den Tiger, den wir vor ein zwei Jahren gesehen haben, jener Tiger, der den Ball vom Abschlag unheimlich streute, ist Vergangenheit. Wie er den Ball vom Abschlag kontrollierte, ist wirklich sehr, sehr beeindruckend.“ Beeindruckend war auch sein Ergebnis von 19 unter Par nach drei Runden auf dem 6.921 Meter langen Südkurs und einer auf dem als einfacher geltenden Nordplatz von Torrey Pines. „Das ist ein furchterregendes Resultat“, meinte der amerikanischen Routinier Fred Couples. „Ich bin jetzt 27 Jahre auf der Tour, aber so etwas wie Tiger habe ich noch nicht gesehen.“
Antrittsgeld von drei Millionen Dollar
Couples schwant wegen der Gala von Woods Schlimmes. „Damit hat er die US Open für alle anderen ruiniert.“ Denn nicht nur Couples mutmaßt, dass der amerikanische Golfverband für die US Open, die im Juni erstmals auf dem Südplatz von Torrey Pines stattfinden, sich nicht nur damit begnügt, das Rough höher wachsen zu lassen und die Fairways und Grüns härter und „schneller“ zu machen. Auch Woods erwartet dann einen ganz anderen, einen viel schwereren Platz. Dass das Ergebnis dann am Ende ein anderes sein wird, daran glauben nur wenige Kollegen, zumal Woods, der im nur 150 Kilometer entfernten Cypress aufwuchs, den Platz seit jungen Jahren mag. Und noch etwas spricht für eine Wiederholung des Triumphs von Woods im Juni: Als die US Open zum letzten Mal auf einem Platz stattfanden, auf dem im selben Jahr auch ein Turnier der PGA Tour ausgetragen wurde, hieß der Sieger im Jahr 2000 Tiger Woods, der zweimal in Pebble Beach die Nase vorn hatte.
Den Kollegen auf der PGA Tour bleibt derzeit nur ein Trost: Bis zum Accenture World Matchplay (20. bis 24. Februar) in Tuscon (Arizona) können sie ihrer Arbeit ungestört vom Überflieger nachgehen. Woods trat noch am Abend mit seinem Privatjet den zwanzigstündigen Flug in die Vereinigten Arabischen Emirate an, wo er von Donnerstag bis Sonntag beim Dubai Desert Classic der europäischen Tour mitspielt – für ein, so wird kolportiert, Antrittsgeld von drei Millionen Dollar.
Golf
Jurgen Diethe (jdiethe)
- 31.01.2008, 18:03 Uhr