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THW Kiel : Der Bus stottert

  • -Aktualisiert am

Kein Zugriff: Der THW Kiel startet mit Schwierigkeiten in die Saison Bild: dpa

Die Kieler Handballspieler und ihr Trainer Gislason stehen früh unter Druck: Statt der erhofften Rückkehr zu alter Dominanz startet der THW mit Niederlagen in die Runde.

          Seinen Humor hat Alfred Gislason nicht verloren, warum auch. „Ich habe gerade mal nachgezählt – es ist meine 21. Saison als Bundesliga-Trainer. Da habe ich mehr Busreisen hinter mir als die meisten hauptberuflichen Busfahrer“, sagt er schmunzelnd. Natürlich spürt er die Abnutzungen des Geschäfts, aber der 58 Jahre alte Isländer betont die Freude am Beruf, den Spaß, das Wachstum seines neu zusammengestellten Handballteams zu fördern. Gislason ist ein fordernder Chef. „Ich mache das nicht für mich, sondern für die Mannschaft“, sagt er.

          Tatsächlich benötigt er nur sehr wenig Rampenlicht. Das überlässt er den Spielern. Doch das Gerede und die Gerüchte der vergangenen Tage haben Spuren hinterlassen, auch wenn Gislason nach außen immer unbeteiligt wirkt, was Kritik betrifft: „Es lässt mich nicht kalt, wenn wir verlieren und wenn über meinen Job geredet wird. Aber was soll ich machen?“

          Eine Saison ohne Titel

          Das „Gerede“ in Kiel begann im letzten Winter, als der THW schwache Spiele in der Champions League zeigte. Die Saison endete ohne Titel – unerhört in Kiel. Das Jahr danach war anstrengend; aber immerhin sprang der Pokalsieg heraus. In dieser Serie will der THW Kiel wieder angreifen. Er ist aber mit 4:4-Punkten gestartet und steht vor dem Heimspiel gegen DHfK Leipzig an diesem Donnerstag (19 Uhr) gehörig unter Druck. Gislason sucht keine Ausreden: „Wir sind fertig mit dem Umbruch. Die Zukunft dieser Mannschaft ist sehr gut, aber was zählt, ist das Jetzt.“

          Es gibt eine Fülle von Gründen, warum es nicht rund läuft. Mit dem Trainer hat das wenig zu tun, das hebt auch die Kieler Führung um Aufsichtsratschef Reinhard Ziegenbein und Geschäftsführer Thorsten Storm hervor. Aktuell fehlt dem Team der Anführer, denn Kapitän Domagoj Duvnjak ist noch ein paar Wochen verletzt. Intern habe man immer gesagt, das Team müsse die ersten Wochen überstehen, bis Duvnjak wieder zurückkomme, sagt Gislason. Doch in diesen ersten Wochen hat es Gegner wie Hannover-Burgdorf und Melsungen gegeben, gegen die man verlieren kann, was prompt passierte.

          Gislason sagt: „Ich habe keine Lust, solche Niederlagen zu erklären. Die Gründe, warum wir solche Probleme hatten, kann jeder sehen.“ Der THW Kiel gibt das meiste Geld der Liga für seine Profis aus, gewiss, aber die Kieler haben seit etwa zwei Jahren auch die meisten verletzten Stammspieler. Am Kreis und im Rückraum hat sich das Team oft von allein aufgestellt. Dass Transfers dabei waren, die misslangen, schiebt Gislason dabei nicht Storm in die Schuhe: „Keiner kam, ohne dass ich es wollte.“ Wenn es bei den Spielzügen rumpelt, kann ein Torwart-Duo der Spitzenklasse helfen, wie es Kiel in Niklas Landin und Andreas Wolff hat. Diese Hilfeleistung fehlte aber zuletzt. Es bleibt Spekulation, ob Wolffs angebliche Wechselabsichten leistungsmindernd sind. Förderlich ist seine sichtbare Unzufriedenheit gewiss nicht. Gislason sagt dazu nur knapp: „Das ist intern kein Problem.“ Doch die Handballwelt hat sich verändert. „Die Leute, die damals zum THW gegangen sind oder zu Barcelona, haben jetzt eine andere Auswahl.“ Veszprem, Paris, Kielce oder Skopje: Dort gibt es mehr zu verdienen als in Kiel. Stars nicht kaufen, sondern produzieren, das ist die neue Herausforderung. Bei Rune Dahmke, Lukas Nilsson und Nikola Bilyk sind die Kieler da auf einem guten Weg. Allerdings wird in anderen Städten, in Melsungen, in Berlin, in Hannover oder in Magdeburg, viel Geld in die Hand genommen, um Spitzenteams zu formen. Das ist gut für die Spannung in der Bundesliga, aber natürlich schlecht für den THW Kiel.

          Wie riskant es sein kann, ein Spitzenteam aufzubauen, hat Gislason erlebt. 2002 holte er mit dem SC Magdeburg die Champions League. Danach veränderte sich das Team. Von 2004 an sollte es den großen Umbruch geben – er bekomme die Zeit, die er benötige, hieß es damals von der Vereinsführung. Doch Anfang 2006 entließ der SCM Gislason. „Ich habe das alles schon mal durchgemacht“, sagt er. Seit 2008 beim THW, wäre Gislason zum Ende seines laufenden Vertrages Mitte 2019 elf Spielzeiten verantwortlich. Er will keine Prognosen abgeben, wie es danach oder bis dahin weitergeht, er sagt nur: „Ich kenne das Geschäft, ich weiß, wie es läuft.“ Es klingt weder kämpferisch noch müde, sondern sachlich.

          Quelle: F.A.Z.

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